Made in Bellach

Dieses Bellacher Spezialboot wird in der Nordsee Bomben bergen

Die Bootswerft von Marcel Lehmann hat ein Spezialboot für die deutsche Polizei gebaut. Es wird in der Nordsee für die Beseitigung von Kampfmitteln eingesetzt

In der Halle ist das neuste Produkt des Bellacher Bootsbauers Marcel Lehmann aufgebockt. Am Boot mit den leuchtend blauen Farben steht in grossen Lettern «Kampfmittelbeseitigung». Obwohl es sich dabei um ein Boot zur Räumung von Bomben handelt, wurde es nicht vom Militär, sondern vom deutschen Innenministerium geordert und gehört zu einer Spezialtruppe der Polizei. «Deshalb die blaue Farbe», erklärt Marcel Lehmann. Die Räumung von im Einsatz nicht explodierten Bomben und weiteren Kampfmitteln kann für die Entschärfer verheerende Folgen haben. Das Militär bildet nicht für solche Risikojobs aus. «Das kann einer Familie, deren Sohn ins Militär eingezogen wird, nicht zugemutet werden.» Wohl deshalb falle die Kampfmittelbeseitigung ins Aufgabengebiet des deutschen Innenministeriums, so Lehmann. Kampfmittelbeseitiger seien speziell ausgebildete Polizisten, die in Sondereinheiten arbeiten.

Die Einsätze in der Nordsee werden nicht weniger. Die im Kampf während des Zweiten Weltkrieges eingesetzten und nicht explodierten Bomben seien tief in den Schlick eingedrungen. «Es hat dort unglaublich viele Bomben. Die Wasserbewegungen durch Sturm, Ebbe und Flut haben den Schlick im Laufe der Jahrzehnte aufgewühlt. Nun kommen die Bomben vermehrt zum Vorschein», erzählt Marcel Lehmann. Wird eine von einem vorbeifahrenden Schiff aus geortet, wird dies der Polizei gemeldet, welche die Spezialtruppe mit den Kampfmittelbeseitigern losschickt.

Bombe wird auf Schlitten geborgen

Marcel Lehmann beschreibt den Ablauf: Das Schiff fährt zum Standort der Bombe oder Mine und wartet dort die Ebbe ab, sinkt langsam etwa 200 Meter entfernt von der Bombe in den Schlick, worauf versucht wird vor Ort die Bombe zu entschärfen. «Ich habe auch schon ein solches Boot für die österreichische Polizei gebaut, aber dieses fällt nicht trocken, sondern birgt Bomben im Wasser schwimmend mit einem Kran.»

Gelingt die Entschärfung, läuft die ausgegrabene Bombe im Schlick in den Schlitten hinein, der mit einem Spezialseil, das nicht korrodiert, aufs Boot gezogen wird. Auch den Schlitten, der bis zu 600 Kilogramm schwere Bomben tragen kann, hat Lehmann eigens konstruiert. Ist das Risiko für eine Entschärfung zu hoch, wird die Schifffahrt eingestellt. Die Bombe wird dann an einem Folgetag gesprengt. «Ein Verbot für die Schifffahrt soll natürlich vermieden werden. Man will diese Verbindung von der Nordsee etwa nach Hamburg wenn möglich nicht einschränken.» Mit dem Kran wird die Bombe im Hafen in einen Behälter gehievt, der wegen der Explosionsgefahr mit verstärkten Wänden ausgerüstet ist.

Vorteil mit Doppelrumpf

Das von Lehmann gelieferte Boot vereint die Vorteile, die er mit seiner Bootswerft bieten kann. Die von ihm, seinem Sohn Akim und den Mitarbeitern gebauten Boote laufen unter dem Namen Swisscat und haben je nach Länge eine Zahl als Anhängsel, etwa Swisscat 22 für ein Boot mit 22 Fuss Länge. Die Bootsrümpfe werden in Rumänien gefertigt und in der Bootswerft in Bellach montiert und veredelt. «Eigentlich baue ich diese Boote unter der Marke Lehmar für Polizei oder Feuerwehr. Heute verkaufe ich sie zu 90 Prozent an Fischer», erzählt Marcel Lehmann. Der Grund dafür ist die Konstruktion mit dem Doppelrumpf, ähnlich einem Katamaran. «Damit bin ich einzigartig, das ist meine Nische.» Angler können auf diesen Booten stehend bequem angeln. «Das Schiff liegt viel ruhiger im Wasser.»

Das rund 240'000 Franken teure Boot zur Kampfmittelbeseitigung hat weitere Besonderheiten. Es verfügt über eine Bugklappe, was für den Einstieg mit dem Schlitten natürlich eine Bedingung ist. Die beiden Auflagekanten an der Unterseite des Bootes sind verstärkt, damit der Bootsrumpf nicht verletzt wird, wenn das Boot trocken fällt. Spezialsitze dämpfen die Schläge der Wellen. «Die Nordsee hat raue Bedingungen. Hinausgefahren wird aber nicht bei den härtesten Bedingungen, aber man kann überrascht werden.» Das Boot ist mit zwei Motoren, einem Radarreflektor und Echolot ausgestattet.

Preis ist zweitrangig

Marcel Lehmann war anfänglich über 100'000 Franken teurer als die Mitbewerber. «Die Kampfmittelbeseitiger sagten aber, dass sie nicht mit einem billig gemachten Produkt ins Meer hinausfahren wollen.» Da hätten seine Referenzen geholfen. Er hat bereits Boote für die GSG 9, Spezialeinheit der deutschen Bundespolizei, die Feuerwehr Trier, Berufsfeuerwehr Kiel etc. geliefert. «Diese Referenzen haben meinen Ruf in Sachen Einzelanfertigungen begründet. Wer über den Preis kaufen muss, der kauft nicht bei Lehmar. Das hat mit den Löhnen in der Schweiz zu tun.» Dennoch habe er nicht mit einem Zuschlag gerechnet. An der Feuerwehrmesse «Der rote Hahn» kam es zum ersten Kontakt. Marcel Lehmann offerierte danach auf die WTO-konforme Ausschreibung. «Es gab bei den Offerten grosse Unterschiede. Es kam zu einer zweiten Ausschreibung. Von 15 blieben noch 3 Anbieter übrig, darunter wir. Ich sage immer, Lehmar kommt zum Zug, wenn die anderen das Boot nicht bauen können.»

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