Draussen auf dem grünen Rasen, am Tulpenweg 12, begrüsst ein kleiner, in Stein gehauener Elefant die Besucher. Im Wohnzimmer ziert ein von Rolf Knie gegossener, auf einer Kugel balancierender Elefant die Kommode. Die Leidenschaft Alfred Reichles für die Circuswelt ist gross. Der Elefant mag dafür ein Sinnbild sein. Ebenso die unzähligen Bilder und Grafiken von Clowns und Circusszenen an den Wänden in der Wohnung. Während 33 Jahren präsidierte Reichle den Club der Schweizer Circus- Variété- und Artistenfreunde (CVA).

Auch das Bild von Circusclown Walter Galetti hängt in Reichles Wohnung.

Auch das Bild von Circusclown Walter Galetti hängt in Reichles Wohnung.

Der 66-jährige Reichle, Club-Mitglied seit 1969, übernahm das Amt 1984. Elefanten- oder Raubtiernummern faszinierten ihn von klein auf, sagt er. In der Lehre bei Mode Kneubühler erhielt er Gratisbillette, weil im Geschäft die Circusplakate ausgehängt wurden.

Zusammen mit dem Dekorateur besuchte er Vorstellungen von Circus Knie, musste wegen dem Freibillett obligatorisch ein Programmheft kaufen, in dem er ein Inserat entdeckte: «Circusfreunde treffen sich im CVA.» Bald wurde er Clubmitglied. Mit dem Thema Circus Knie schaffte es Reichle bis in den Tell Star, wo er in der berühmten Seilbahnkabine im Studio knifflige Fragen von Beni Turnherr beantwortete.

Ein Mikrokosmos

Zusammen mit seiner Freundin Anna, die er später heiratete, besuchte Alfred Reichle zwei-, dreimal jährlich eine Vorstellung. Später sollten es bis zu 50 Vorstellungsbesuche jährlich werden, erzählt er. Sie wurden richtige Circusfans, die in Süddeutschland, Elsass, Vorderösterreich und der Schweiz Vorstellungen besuchten. Manche Circusdirektoren von heute kennt Reichle seit ihrer Jugend. «Wir sind fast eine wenig wie eine Familie.»

Er reiste auch mehrmals in einem Circus mit und bekam einen hautnahen Einblick in die Circuswelt. Am stärksten beeindruckte ihn das Zusammenleben von Menschen verschiedener Generationen, Nationalitäten und Religionen. «Ein Mikrokosmos.» Alles werde einem Ziel untergeordnet – der Vorstellung im Circuszelt. «Man ist aufeinander angewiesen. Klar gibt es Konflikte. Aber es wäre doch wunderbar, wenn es auf der Welt so abläuft wie im Circus.»

Heute eine andere Welt

Die Circuswelt hat in diesen 33 Jahren tiefgreifende und aus Sicht von Alfred Reichle nicht nur gute Veränderungen erfahren. Reglemente und Verordnungen hätten massiv zugenommen, gleichzeitig würden die Plätze kleiner und die Kosten höher. Reichle weist auf die Schwerverkehrsabgabe hin oder auf Prüfvorschriften für die Fahrzeuge. «Der Circus Knie muss beispielsweise ein eigenes Feuerwehrauto stellen und hat eine Betriebsfeuerwehr.» Nicht zuletzt schlägt das auch auf die Eintrittspreise nieder.

Reichle weist aber auch einen Wandel in der Manege hin. «Früher wurde das Wissen traditionell in Familien weitergegeben. In der Zwischenzeit sind viele Zirkusschulen entstanden, dank denen plötzlich viele Private – wer nicht zum Zirkus gehört ist ein Privater – quer einsteigen. Sie entstammen nicht einer Dynastie.»

Für viele von ihnen sei es eine grosse Herausforderung, im Wohnwagen zu leben, und sie würden einen anderen Circus in die Manege bringen. Reichle unterscheidet in modernen und traditionellen Circus. Letztere reisen in Zelten und haben Nummern mit Tieren, Clowns und Akrobaten. Reichle kommt das Wort Konkurrenz nicht über die Lippen, aber es sei klar, dass der traditionelle Circus mit den Tiernummern schwächelt.

Ein aussterbendes Geschäft?

«Der Trend wird stark gepuscht durch sogenannte, ich sage bewusst sogenannte, Tierschützer. Die Tiere leiden sicher nicht, wie uns das einige sogenannten Tierschützer weismachen wollen. Das beweisen Studien.» Es gebe nichts Schöneres als ein Tier in freier Wildbahn zu sehen. «Aber wenn die Haltung artgerecht erfolgt, haben es Tiere in einem Circus gut. Sie werden gefördert und gefordert.»

Ein aussterbendes Geschäft? «Ich hoffe es für unsere Enkel nicht. Es ist Leben und Passion zugleich.» Er habe deshalb wenig Verständnis für das deutsche Fernsehen, das die Circusshow in Monte Carlo in einer Aufzeichnung bringt, aber konsequent Tiernummern herausschneidet. «Da verhält sich das Schweizer Fernsehen besser», sagt Reichle.

500 Euro für die Prinzessin

Nach Monte Carlo führte auch in diesem Jahr, wie seit 30 Jahren, ein Ausflug der Circusfreunde. Für Reichle stand die Begegnung mit Prinzessin Stéphanie auf dem Programm. Sie erhielt von ihm einen Club-Preis überreicht. «Ich war überrascht, dass die Jury sie auswählte. Es sind ja nur 500 Euro.» Er habe sie, neben anderen, vorgeschlagen, weil sie sich wirklich für den Circus einsetze. «Sie ist früh am Morgen bei den Proben für die Show mit dabei und arbeitet aktiv mit. Und sie kennt die Artisten», erklärt Reichle.

In seiner Begründung schrieb er, die Prinzessin solle den Preis für ihre bisheriges Engagement erhalten. Zudem habe sie vor Jahren zwei Elefanten übernommen, die in einem erbärmlichen Zustand waren und eingeschläfert hätten werden sollen. «Sie übernahm die Elefantendamen, zäunte oberhalb von Monaco ein Landstück ein und absolvierte die Tierpflegerausbildung für Elefanten.» Reichle und die Prinzessin verbindet nicht nur die Leidenschaft für den Circus, sondern auch für Elefanten.