Gerlafingen
Dieser Chor sieht sich als Brückenbauer aus dem Orient

Bereits 25 Konzerte hat der seit 2011 bestehende Regionalchor Anatolia bestritten. Mit einem Auftritt am Gerlafinger Dorffest wollen sie den Reichtum türkischer und internationaler Musik vermitteln.

Gundi Klemm
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Sie schöpfen aus dem Vollen: Der Chor Anatolia um Chorleiter Fatih Büyüközcü (rechts).

Sie schöpfen aus dem Vollen: Der Chor Anatolia um Chorleiter Fatih Büyüközcü (rechts).

Gundi Klemm

An jedem Mittwochabend treffen sich über 25 «Anatolia»-Chormitglieder und das vierköpfige Profi-Begleitensemble im Gerlafinger Kulturkeller. Die Atmosphäre ist herzlich und entspannt, während sich alle Ankommenden begrüssen und in Gesprächsgruppen zusammenstehen. Chorleiter Fatih Büyüközcü (Recherswil), auf dessen Initiative die Chorgründung zurückgeht, ruft auf die Bühne zur Probe. Auf individuelles Notenmaterial wird verzichtet. Projiziert auf einen Bildschirm, werden alle Liedtexte mühelos gelesen und gesungen.

Der Reichtum türkischer Musik

Der Chor beherrscht bereits alle Melodien im geplanten Konzertprogramm. Laut Chorleiter soll der Auftritt am Dorffest Gerlafingen einen Einblick in den Reichtum türkischer Musik aus unterschiedlichen Epochen vermitteln. «Das Osmanische Reich als Vorgänger der heutigen Türkei umfasste bekanntlich viele orientalische Länder, deren Einfluss auf Musik und Kultur deutlich spürbar blieb», berichtet er.

Zudem sei die Türkei ein flächenmässig derart ausgedehntes Land, dass sich eine Vielfalt von Musikstilen entwickeln konnte. «Mit unserem Chor können wir wirklich aus dem Vollen schöpfen. Wir singen traditionsgebundene Kompositionen, neuere Volksmusik, moderne Werke, Unterhaltungsstücke und natürlich auch internationale wie Schweizer Lieder und Chansons.» Und natürlich sind jederzeit weitere Mitglieder willkommen.

Schon zu Mozarts Zeiten in Mode

Chormitglied Sevim Polat (Grenchen), die für die Kommunikation des Chors nach aussen sorgt, erinnert daran, dass türkische Musik schon im 18. Jahrhundert in Europa grosse Mode war. Mozart beispielsweise und etliche weitere Klangschöpfer setzten in ihren «alla turka» betitelten Kompositionen mit spezieller Instrumentierung ein Denkmal für die damals berühmte türkische Militär-Janitscharenmusik, die mit Blas- und Schlaginstrumenten farbenvolle Schönheit versprühte. Die an der Chorprobe gehörten Lieder gefallen in reizvollen Rhythmen sowie in den gefälligen, typischen Ganz- und Halbtonschritten der Melodie.

Im «Katibim» wird zur Begleitung von Gitarre, elektrischem Klavier und Schlagzeug von der Liebe eines Schriftstellers berichtet. Das «Sary Gelim» wird in Ost-Anatolien als Hochzeitslied für junge Mädchen gesungen, und das von Dichter Pirsultan geschriebene Lied «Entarisi alla Benziyor» handelt von Freundschaft. Der Chor verfügt inzwischen über ein Repertoire von rund 120 Kompositionen.

Aus dem Kokon ausbrechen

Fatih Büyüközcü, der früher im damals noch bestehenden Männerchor beider Gerlafingen sang und selbst über eine musikalische Ausbildung verfügt, hat erkannt, dass besonders die Musik die Menschen aller Altersstufen zusammenbringt. Als Präsident des türkischen «Eltern- und Schulvereins» (Toab-Soka) erlebte er, wie Kulturaustausch zwischen verschiedenen Ethnien an den stets gut besuchten Toab-Kinderfesten und weiteren Treffpunkten gelang. «Um gleichfalls zu Darbietungen eingeladen zu werden, brauchten wir einen Chor, der sich nun als Brückenbauer versteht», beschreibt der Chorleiter sein Projekt, das ebenso der Integration dient. «Auftritte in der Öffentlichkeit helfen, aus dem manchmal selbst gewählten Kokon auszubrechen.»

Zudem sei es wichtig, dass musikalisches und kulturelles Erbe bewusst gepflegt werde. «Die Bereitschaft der Chormitglieder, die ein breites Altersspektrum abbilden, zeigt uns, dass dieser Weg richtig ist», ergänzt die in Gerlafingen aufgewachsene Sevim Polat-Dickbas, die Sprach- und Leseförderung in mehreren Gemeinden unterrichtet.

Viel Begeisterung

Die bisherigen Konzerte bei unterschiedlichsten einheimischen Organisatoren und im Auftrag des türkischen Konsulats hätten stets viel Begeisterung hervorgerufen. Als einmaliges Erlebnis bezeichnet sie die Mitwirkung an der 1.-August-Feier 2013 im Haus der Religionen in Bern, die von der Gemeinschaft der Christen und Muslime in der Schweiz durchgeführt wurde.