Artenvielfalt

Dieser Bucheggberger Biologe warnt: «Nicht alles totspritzen»

In Hans Neerachers Garten spriesst das Unkraut. Es bietet wichtigen Lebensraum für Mensch und Tier.

In Hans Neerachers Garten spriesst das Unkraut. Es bietet wichtigen Lebensraum für Mensch und Tier.

Der Bucheggberger Biologe Hans Neeracher appelliert an Gartenbesitzer, mehr für die Biodiversität zu tun. Und er setzt sich für die spärlich gewordenen Hochstamm-Obstbäume ein. Aber eigentlich geht es ihm um viel mehr.

Wir treffen Hans Neeracher in seinem Garten in Kyburg-Buchegg. Es ist ein Ort voller Vielfalt. 27 verschiedene invasive Kräuter wachsen da unter dem mächtigen Nussbaum, dazu Erdbeeren, Brombeeren und Tomaten. Tatkräftig unterstützt wird der Biologe bei der Gartenpflege von einem Flüchtling aus Kurdistan, den er bei sich aufgenommen hat.

Ihr Garten bietet Lebensraum für diverse Arten. Im Bucheggberg aber sind viele Tiere nahezu verschwunden, etwa der Laubfrosch, die Gelbbauchunke oder die Kreuzkröte. Wie konnte es so weit kommen?

Hans Neeracher: Das Biotop für diese Tiere verschwindet allmählich. Den Balzruf des Laubfroschs zum Beispiel hört man kaum mehr. Er braucht Wassergräben sowie Bäume und Gebüsche zum Hinaufklettern. Im Limpachtal gab es bis vor der Melioration 1942 viele offene Abzugsgräben. Das war zusammen mit den nötigen Bäumen und Sträuchern ein ideales Biotop. Auch das Mühletal mit seinen alten Bewässerungsgräben war ein Lebensraum für Amphibien, etwa für die Ringelnatter.

Auch der Gesang von Vögeln wie Wiedehopf, Wendehals oder Steinkauz ist verklungen.

Viele Tiere erfroren im harten Frost von 1963. Der Steinkauz verschwand zusammen mit den Hochstammanlagen. Das Roden von Obstbäumen wurde damals vom Bund finanziell unterstützt. So etwas ist heute kaum mehr vorstellbar.

Hochstammobstbäume sind schön anzusehen, aber ihre Anzahl ist stark zurückgegangen.

Hochstammanlagen sind vom Kosten-Nutzen-Denken her ein Hobby geworden. Sie sind sehr pflegeintensiv, man kann sie schlecht gegen Vögel oder mögliche Schädlinge schützen. Zudem ist das Ernten auf den oft brüchigen Ästen der Steinobstbäume gefährlich. Ich kenne zwei Personen, die deswegen im Rollstuhl sitzen. Doch diese Anlagen bieten einen idealen Lebensraum für selten gewordene Tiere. Für die Pflege der Hochstammbäume sollten Bauern angemessen entschädigt werden. Der Bund soll unterstützen, was schonungsvoll ist, und nicht falsche Anreize setzen.

Was steht mit der Artenvielfalt auf dem Spiel?

Es gibt einen materiellen und einen ideellen Aspekt. Jede Art verfügt über einen bestimmten Gen-Vorrat. Darin können Gene vorhanden sein, die gezielt eingepflanzt die Schädlingsresistenz von Kulturpflanzen verbessern können. Zudem würde der Einsatz von Pestiziden und Herbiziden unnötig. Was in mühsamer Züchtungsarbeit versucht wird, könnte in nächster Zukunft durch die Fortschritte der Gentechnik zum Erfolg führen.

Gentechnik ist umstritten, für viele gar ein Schimpfwort.

Aber das ist falsch. Gefährlich wäre es, die Genforschung Grossfirmen zu überlassen, die ihre Produkte patentrechtlich schützen und dadurch eine Monopolstellung einnehmen. Ein Beispiel eines erfolgreichen Gentech-Einsatzes ist das Insulin. Früher musste dieses aus Schweinedrüsen gewonnen werden. Heute kann mithilfe von Hefe menschliches Insulin produziert werden. Dieses ruft auf Dauer viel weniger abstossende Reaktionen hervor.

Die Technik hat aber auch Schattenseiten, Stichwort Designer-Babys.

Bei der Gentechnik besteht die Gefahr, neue Wesen zusammenzubasteln. Man meint, Menschen ideal zusammensetzen zu können. Aber wir können nicht alles überblicken. Das ist eine Fehlüberlegung.

Worin liegt der emotionelle Aspekt der Artenvielfalt?

Früher ging ich mit meinen Seminarschülern in Solothurn jeweils in den Wald auf Exkursionen. Schon auf dem Weg in der Fegetzallee hörten wir den Wendehals singen, in den Gärten vernahmen wir den Gartenrotschwanz. Im Wald war ein einziges Konzert der verschiedensten Stimmen zu hören. Was für ein akustischer Genuss! Heute tönt es dort sehr ausgedünnt.

Tönt es in Ihrem Garten vielfältiger?

Meinen Garten bewirtschafte ich wie eine Trockenwiese. Hier finden die Vögel Nahrung, Zugvögel können sich einige Tage ausruhen. Trotz meinem nur kleinen Weiher hörte ich während drei, vier Tagen den Teichrohrsänger singen. Einmal brachte mir die Katze aus meinem Garten sogar einen Neuntöter heim.

In Ihrem Garten gibt es viel zu sehen. Welche Rolle spielt das Auge?

Eine wunderschöne Wiese ist einfach ein Genuss zum Anschauen. In meinem Garten hat es einige Sorten, die rar geworden sind. Dazu kommt die Blütenvielfalt, die wichtig ist für die Bienen. Sie müssen zu allen Zeiten ein Angebot haben, also auch nach dem April und Mai, wenn die Bäume geblüht haben. Natürlich ist der Honig auch besser, wenn der Nektar aus verschiedenen Quellen stammt.

2010 hat der Kanton ein Projekt gestartet, um die noch vorhandenen Lebensräume der Vögel miteinander zu vernetzen. Doch der Erfolg war gering. Frustriert Sie Ihr Engagement nicht?

Das Resultat war ein wenig enttäuschend. Aber ich schaue dies als Herausforderung an. Das Engagement ist wichtig, aber es reicht nicht. Das Vernetzungsprojekt beschränkt sich auf landwirtschaftliches Kulturland und klammert den Siedlungsraum und den Wald aus. Aus politischen Gründen, schliesslich soll ja die Landwirtschaft von den Beiträgen profitieren. Dabei sind Wald und Waldrand ausserordentlich wichtig als Vernetzungselement. Oder eben die Hausgärten.

Was können Hausbesitzer beitragen?

Sie sollten sich fragen, was sie als Biotop zur Verfügung stellen können. Man muss stets bedenken, dass überbautes Land der Landwirtschaft entzogen wurde. Jeder Garten ist ein Kulturprodukt. Ich habe nichts gegen Steingärten, so lange man keine Folie darunterzieht, sondern es wachsen lässt und gezielt pflegt. Steingärten, in denen nichts wächst, sind trostlos. Einen Naturgarten gibt es dagegen nicht, weil dort ohne Pflege nach zehn Jahren ein Wald steht. Hausbesitzer können unter Umständen ein Feuchtbiotop einrichten. Oder an einem Bord eine artenreiche Wiese stehen lassen. Man sollte nicht immer den Anspruch eines englischen Rasens verfolgen. Wichtig wäre auch die Unkrauttoleranz.

Unkräuter finden so manche nicht schön.

Was ist denn schön? Über Geschmack lässt sich streiten. Man kann dazulernen. Natürlich muss man in Gärten eingreifen und gestalten. In gewissen Rabatten will man einfach kein Unkraut. Aber in den Übergängen sollte nicht alles totgespritzt und auch mal eine Pflanze stehen gelassen werden.

Haben Sie Verständnis für den Pestizid-Einsatz der Bauern?

Natürlich! In den Kartoffeläckern zum Beispiel kann es keine Biodiversität mehr geben. Sonst müssen die Bauern wie früher den Boden hacken, eine Furche ziehen um die Kartoffeln zu setzen und im Herbst mit dem Spaten ausgraben. So etwas ist heute unmöglich. Als junger Primarlehrer und als Bio- und Chemielehrer sah ich oft Bauersleute und deren Kinder mit krummen Rücken. In diese Zeit der schweren körperlichen Arbeit will doch niemand mehr zurück. Ich bin überhaupt nicht technikfeindlich.

Woher kommt Ihr persönlicher Einsatz für die Artenvielfalt?

Es begann bereits in meiner Jugend. Ich bin in Höngg aufgewachsen. Damals war ich zu Fuss in fünf Minuten in der freien Natur. Heute dauert dies eine halbe Stunde. Mein Vater war ein begeisterter Bergsteiger. Wenn ich ihn auf Skitouren in die Alpen begleitete, sah ich, wie die Gebiete immer mehr von Skiliften und Seilbahnen durchschnitten wurden. Wenn heute ein Schutzgebiet ausgeschieden werden soll, jammern die Skifahrer sofort. Deshalb bin ich aus dem SAC ausgetreten. Der Sport steht über allem.

Der Sport als Gefahr für die Natur?

Sport ist heute etwas vom Schädlichsten für Natur und Umwelt. Zum Beispiel die Orientierungsläufer. Ich war ja selber einer und mag es ihnen gönnen. Doch die Spuren für Velofahrer und Läufer führen immer tiefer in den Wald. Man trainiert immer intensiver und geht in das dickste Dickicht hinein. Das stört Tiere und Pflanzen. Auch die Kletterei im Jura gefährdet die Natur. Etwa in Wänden, die Vögel wie den Mauerläufer oder seltene Pflanzen beherbergten.

Muss sich der Mensch zurücknehmen?

Wir Menschen sind Gäste auf der Erde und sollten die wichtigste Ressource, die wir haben, nämlich die Erde, nicht überbeanspruchen. Wir gehören dazu wie Tiere und Pflanzen, meinen aber, wir seien Herr darüber und könnten schonungslos produzieren und die Böden ruinieren. Nicht in der Schweiz, aber mit einer industriellen Landwirtschaft wie in den USA. Stattdessen will man auf den Mond oder den Mars fliegen und diese kultivieren. Das ist eine Illusion.

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