In Szentes, Ungarn, fanden letzte Woche die Weltmeisterschaften in den Freiflugkategorien F1A, F1B und F1C statt. Mit von der Partie war auch ein Freiflugspezialist aus der Region. Der Langendörfer Michael Bleuer (Modellfluggruppe Rüttenen), der letztes Jahr zum vierten Mal in Folge Schweizer Meister in der Kategorie F1A wurde, hat sich als einer von drei Schweizern für die Nationalmannschaft F1A qualifiziert.

«Diese Flugzeuge haben gar keinen Motor und nicht einmal eine Fernsteuerung? Wie können die so lange in der Luft bleiben?» Immer wieder hört Michael Bleuer solche Fragen. Freiflug ist in der Schweiz wahrlich kein Breitensport, und nur wenige können sich unter diesem Hobby etwas vorstellen. Dass die Modelle aus Kohlefaser und Balsaholz tatsächlich ohne Motor in der Luft bleiben und sogar kilometerweit fliegen, ist schwer vorstellbar. Aber gerade darin besteht für Michael Bleuer die Faszination am Freiflug. Elemente aus Technik, Natur und Sport werden dabei vereint.

Freiflugspezialisten aus der Region Solothurn an den Weltmeisterschaften in Ungarn

Aufwinde spüren

Die Freiflugmodelle, die im Minimum 410 Gramm schwer sein müssen, werden mit einer 50 Meter langen Startleine in die Luft gezogen und dort «geschleppt». Die Kunst ist es nun, den Flieger an der Schnur kreisen zu lassen und Thermik, also Aufwinde, aufzuspüren. Nimmt der Pilot einen Thermikschlauch wahr, startet er sein Modell, indem er die Schnur im richtigen Moment vom Modell losreisst. Bei guter Thermik kann das Modell dann auf ein Vielfaches seiner Starthöhe ansteigen und ist manchmal selbst mit dem Feldstecher kaum noch sichtbar. Sobald er die Schnur vom Modell losgerissen hat, läuft die Flugzeit. Nun kann der Pilot keinen Einfluss mehr auf sein Modell nehmen. Einzig die Bremse kann er per Funk auslösen – das tut er aber erst, wenn der Flieger die geforderte Zeit erreicht hat.

Das Flugzeug muss nämlich eine vorgegebene Zeit – je nach Durchgang meist drei oder vier Minuten – in der Luft bleiben. Erreicht man in allen fünf Durchgängen das Maximum, qualifiziert man sich fürs Finale, wo die geforderten Zeiten dann schrittweise auf sechs, acht oder zehn Minuten erhöht werden.

Modellflieger wiederfinden

Eine besondere Herausforderung im Modellflugsport ist es, das Modell nach jedem Durchgang wieder unversehrt an den Start zu bringen. Je nach Wind kann dieses nämlich mehrere Kilometer weit fliegen. Dann ist das Rückholteam gefordert, welches hauptsächlich aus den Piloten der anderen beiden Kategorien besteht. Nebst der sportlichsten Kategorie F1A (Segelmodelle) fanden letzte Woche in Ungarn auch die Meisterschaften der Kategorien F1B (Gummimotor) und F1C (Verbrennungsmotor) statt, in denen ebenfalls Schweizer am Start waren.

Nicht nur Pilot und Zeitnehmer, sondern auch die Helfer im Rückholteam verfolgen das Modell während des Fluges mit dem Feldstecher und merken sich ganz genau, wo es landet. Nicht alle Landeplätze sind begehrt – Mais und Sonnenblumen gelten als besonders prekär, weil man darin meist ewig sucht. Aber auch die in der Nähe weidende Kuhherde ist nicht ganz ohne. Tückische Dornenbüsche, Wasserkanäle und Schilf sind auf dem Gelände bei Szentes eine weitere Schwierigkeit. Landet der Flieger nun vor oder hinter dem Kanal? Oft bleibt einem beim Suchen des Modells nichts anderes übrig, als einen grossen Umweg bis zur nächsten Brücke in Kauf zu nehmen. Auch das Klettern kann von Nutzen sein, etwa wenn ein Modell auf einem Baum landet.

«Fast wie eine grosse Familie»

Der abenteuerliche Rückholdienst kommt manchmal einer Direttissima-Tour sehr nahe, zumal das Modell so schnell wie möglich und pünktlich zum nächsten Durchgang wieder zurück an der Startstelle sein sollte. Grundsätzlich ist man mit dem Gelände aber sehr zufrieden, denn wie so oft in osteuropäischen Ländern findet man in Ungarn vor allem eines vor: endlose Ebenen ohne jegliche Zivilisation und unberührte Natur. Hasen und Rehe bekommt man immer wieder zu sehen.

Das Finale hat Michael Bleuer in Ungarn knapp verpasst. Aber sein Teamkollege Dominik Andrist landete auf dem guten achten Platz. Trotzdem war die WM ein besonderes Erlebnis. «Fast wie eine grosse Familie», so bezeichnet Michael Bleuer die Freiflug-Szene. Alle kennen sich, tauschen sich aus und frönen dem Fachsimpeln. Es ergibt sich ein multikultureller Austausch unter den über 300 Teilnehmern aus insgesamt 42 Nationen, die alle ein und dasselbe Ziel haben: Ihre Flieger möglichst lange in der Luft zu behalten.