Ein Selbstversuch: Ich bewege den Joystick ganz leicht, sanft schnurrt der Elektrorollstuhl vorwärts. Bewege ich den kleinen «Steuerknüppel» nach links, nach rechts oder diagonal – der Rollstuhl führt die Steuerungsbefehle exakt aus, ohne dass dafür ein Radius gefahren werden muss.

Die Bewegung des Joysticks wird 1:1 auf den Antrieb übertragen. Spontan kommen mir die kleinen Krebse am Meeresstrand in den Sinn, die sich quer fortbewegen. Ich drehe den Kopf des Joysticks, der Rollstuhl dreht sich elegant auf der Stelle um die eigene Achse. Nach wenigen Minuten Probe fahren gelingt es mir als reinem Anfänger, den Rollstuhl in kleinste Ecken zu manövrieren und elegant in schmalsten Gängen zu wenden.

Kein Wunder, sprechen die Macher der Bellacher Omniroll AG «vom manövrierfähigsten Elektrorollstuhl der Welt». Die Macher sind die beiden Maschineningenieure Baudouin Uebelhart und Pavel Zdrahal sowie der selbstständige PR-Fachmann Daniel Peter. Herzstück des Elektrorollstuhls «Omnichair» ist das Radsystem.

«In über achtjähriger Entwicklungsarbeit haben wir das bereits in den 70er-Jahren patentierte Mecanumrad weiterentwickelt», erzählt Baudouin Uebelhart. Auf der Felge des Rades sind mehrere drehbare Rollen angebracht und ermöglichen Fahrmanöver in alle Richtungen (omnidirektional). Diese Allseitenräder werden heute in der Robotik und Fördertechnik eingesetzt.

Das ursprüngliche Mecanumrad habe aber an sehr schlechter Laufruhe und einem sehr unpräzisen Geradeauslauf gekrankt. Deshalb seien die an sich revolutionären Räder im Personen- oder sensiblen Warentransport bislang nicht zur Anwendung gekommen. Die weiterentwickelten Mecanumräder verfügen über ballige Mehrfachrollen auf gefederten Felgen.

Beim Elektrorollstuhl mit Vierradantrieb sind es insgesamt 176 Rollen. «Wir haben das Rad so umgebaut, dass der Kaffee auf der Fahrt nicht mehr ausgeschüttet wird», sagt Uebelhart lachend. Die Laufruhe sei nun stark verbessert und die Lenkbarkeit und der Geradeauslauf seien optimiert. Die Firma Omniroll hat die Weiterentwicklung patentieren lassen. «Wir sind im Selbstversuch über alles Mögliche gefahren, vom Kies bis über ein Schraubenbeet.» Selbst bei Eis und Schnee sei der Rollstuhl einsatzfähig; es genüge, ein Einzelrad mit Spikes auszurüsten.

Auslöser für die Entwicklung war ein hartes Schicksal. Der Sohn von Pavel Zdrahal ist nämlich schwer behindert und sitzt im Rollstuhl. «Unser Ziel ist es, die Bewegungsfreiheit für Menschen mit einer Mobilitätseinschränkung zu verbessern und damit die Lebensqualität massiv zu erhöhen», blickt Uebelhart zurück.

Es galt, das Potenzial des Mecanumrades in diesem Sinne zu nutzen. Der neuartige Elektrorollstuhl sei extrem manövrierfähig und erlaube es, sich auch unter beengten Verhältnissen in Wohnungen, am Arbeitsplatz oder in grossen Menschenansammlungen zu bewegen. Gegenüber herkömmlichen Elektrorollstühlen benötige der «Omnichair» 30 Prozent weniger Manövrierfläche. Dies mache Umbauten im Wohn- und Arbeitsbereich oft überflüssig oder reduziere zumindest die Kosten stark.

«Heute stehen wir vor dem Tunnelausgang», sagt Daniel Peter, Marketingfachmann und Mitgründer der Omniroll AG. Der «Omnichair» habe die Marktreife erlangt und demnächst soll die Serienproduktion beginnen. Das Echo an der «Rehacare» in Düsseldorf – mit über 900 Ausstellern die weltweit wichtigste Messe für die Rehabilitations- und Pflegebranche – sei enorm gewesen.

«Wir haben über 120 Anfragen aus der ganzen Welt für den Vertrieb unseres Elektrorollstuhls erhalten.» Es gelte nun, mit dem «Omnichair» auf die sogenannten Hilfsmittellisten in den möglichen Absatzmärkten zu kommen.

«Im Behindertenmarkt lautet die erste Frage immer: Zahlt dies die Versicherung?», unterstreicht Peter, wie entscheidend die Zulassung durch die Kontrollstellen ist. Mit einem Stückpreis von rund 25 000 Franken liege man im Rahmen. Und Daniel Peter weiss, wovon er spricht. Er ist selbst stark gehbehindert und zeitweise auf den Rollstuhl angewiesen.

Die Herstellung – Mechanik, Veredelung, Montage, Sattlerarbeiten usw. – soll mehrheitlich in der Region Solothurn erfolgen. Aus Kostengründen werden die Rollen in China und die Carrosserie und die Felgen in Tschechien produziert. «Trotzdem werden wir den Rollstuhl unter dem Label ‹Swiss Made› auf den Markt bringen können», versichert Baudouin Uebelhart. Mit zum Erfolg beitragen soll auch die Auszeichnung mit dem Inno Prix SoBa der Baloise Bank SoBa in diesem Herbst in Solothurn.