Lüsslingen-Nennigkofen
Die Zukunft des Dorfes bewegt die Bevölkerung

Rund 150 Dorfbewohner - darunter auch "Kirschblütler" - liessen sich über das räumliche Leitbild von Lüsslingen-Nennigkofen informieren. Das Werk definiert, wie sich das Doppeldorf in den nächsten 20 Jahren entwickeln soll.

Christof Ramser
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Die Infoveranstalltung stiess auf grosses Interesse

Die Infoveranstalltung stiess auf grosses Interesse

Hanspeter Bärtschi

Da staunte selbst der Planer nicht schlecht: Rund 150 Dorfbewohner versammelten sich in der Pfarrschüür, um sich über das räumliche Leitbild von Lüsslingen-Nennigkofen informieren zu lassen. Darunter waren viele Mitglieder der Kirschblüten-Gemeinschaft. Die „Kirschblütler“, die sich teilweise durch ihren Habitus und die hochdeutsche Sprache von manch anderen Dorfbewohnern unterscheiden, stellen inzwischen einen guten Teil der Bevölkerung des Bucheggberger Dorfs. „Ich bin überwältigt vom Interesse am Leitbild“, sagte Thomas Ledermann von der Ingenieurfirma BSB und Partner. Er hatte den Gemeinderat bei der Erarbeitung des Leitbildes beraten und stellte dieses am Dienstagabend vor. Das Werk definiert, wie sich das Doppeldorf in den nächsten 20 Jahren entwickeln soll.

Da gibt es Zahlen. 1150 bis 1270 zum Beispiel. So viele Einwohner dürfte Lüsslingen-Nennigkofen 2035 zählen. Da gibt es aber auch Leitsätze wie: „Lüsslingen-Nennigkofen präsentiert sich als Wohndorf mit hoher Lebensqualität. Diese gilt es zu erhalten und die Siedlungsqualität weiter zu fördern.“ Was kompliziert tönt, veranschaulicht sich bei einem Spaziergang durch das Dorf. Vor den Toren Solothurns gelegen, ist Lüsslingen-Nennigkofen ein malerisches Bauerndorf geblieben. Es gibt schmucke Hostetten, schöne Vorgärten und viel Grün zwischen den Häusern. Nicht umsonst ist das Ortsbild von nationaler Bedeutung. „Das soll langfristig so bleiben“, sagte Ledermann. Im kantonalen Raumkonzept etwa steht, dass naturräumliche Vielfalt, Eigenart und Schönheit erhalten werden sollen. Zusammenhängende Landwirtschaftsgebiete sollen nicht überbaut oder zerschnitten werden.

Verhindert Leitbild Mühlegarten?

So weit, so gut. Doch gemäss der kantonalen Siedlungsstrategie hinkt Lüsslingen-Nennigkofen bei der Dichte hinterher. Potenzial sehen die Planer bei Bauernhöfen, die nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden. „Diese sollen in der Bauzone verfügbar gemacht werden.“ Schliesslich sagt das Leitbild auch: Die Wohnzone ist zu gross. Sie reicht für die nächsten 15 Jahre aus. Die Gemeinde verfügt über genügend Baulandreserven. Diese sollen in erster Linie verfügbar gemacht werden. „Deshalb werden es Einzonungen ganz schwer haben“, sagte Ledermann. Denn das übergeordnete Raumplanungsgesetz, im Kanton Solothurn von 70 Prozent der Bevölkerung gutgeheissen, schränkt die Gemeindeautonomie ein.

Das ist alles unbestritten. Doch dann wollten Exponenten der Kirschblütengemeinschaft schon noch genauer wissen, wie es nun um ihr Projekt, den Mühlegarten steht. Die geplante Überbauung auf dem Mühlacker ist umstritten. Die Kirschblütler möchten den Fokus auf die Wohnnutzung legen, gemäss Leitbild soll aber das Gewerbe im Vordergrund stehen. Im Gebiet Richenbach dagegen steht das Wohnen im Zentrum. Das sorgte im Vorfeld für Stunk, weil sich die Initianten auf einen Gestaltungsplan berufen. Und sie befürchten, dass mit dem Leitbild ihr Projekt verhindert wird.

Verdichten ja, aber wie?

Gemeindepräsident Herbert Schluep (FDP) wollte keine Plenumsdiskussion führen, weil „die ins Endlose führt“. Anke Schwarzer fragte, warum im Richenbach vermehrt gewohnt und im Mühlacker vermehrt Gewerbe betrieben werden soll – und wer dies entschieden habe. „Einerseits haben wir im Dorf zu viel Bauland“, antwortete Ledermann. Zum andern sei diese Zonenzuordnung eine Bestätigung der bestehenden Nutzungszone. „Daran soll festgehalten werden.“

Eine andere Frage betraf die Verdichtung. Würde die Siedlung Mühlegarten zwischen den beiden Dorfteilen nicht gerade diesen Prozess fördern? Wieder enttäuschte Ledermann die Erwartungen: Es solle vor allem innerhalb der bestehenden Bauzone verdichtet werden. „Das Zusammenwachsen der Dorfteile wollen wir eben gerade nicht.“ Die verstreuten Quartiere mit den Grünräumen dazwischen seien eine wesentliche Qualität von Lüsslingen-Nennigkofen. Und: Verdichtung bedeute in diesem Dorf, anders als etwa in Zuchwil, nicht Mehrfamilienhäuser, sondern könne durchaus auch mit Einfamilienhäusern erreicht werden. „Klar ist aber: Es braucht mehr Einwohner auf der gleichen Fläche.“

Es folgten weitere Fragen zum Mühlegarten. Doch allmählich wurde die Sache dem Planer Thomas Ledermann zu delikat. Zur Frage nach einem Rechtsverweigerungsverfahren wollte er keine Auskunft mehr geben. Und auch die Besitzstandwahrung sei ein schwieriges Thema. Was garantiert ist, müsse gewahrt werden. Aber die neue Nutzung sei bindend. Als es um den konkreten Gestaltungsplan Mühlegarten ging, blockte Ledermann schliesslich ab. Er sei Planer, kein Jurist. So liess die Informationsveranstaltung manche Gesichter fragend zurück. Sie werden spätestens dann wieder erscheinen, wenn die Gemeindeversammlung zu sagen hat, ob sie das neue Leitbild will oder nicht.

Kasten: Das räumliche Leitbild einer Gemeinde ist eine zwingende Vorgabe, um eine Ortsplanung zu erstellen. Alle Gemeinden im Kanton Solothurn müssen ihre Ortsplanung alle 10 bis 15 Jahre revidieren. Kernstück des Leitbilds sind die verbindlichen Leitsätze, die der Gemeinderat befolgen muss. Das Leitbild muss von der Gemeindeversammlung verabschiedet werden. Noch bis am 13. April können die Einwohner von Lüsslingen-Nennigkofen schriftliche Rückmeldungen abgeben zum Leitbild. Der Gemeinderat berücksichtigt diese und prüft, ob sie sinnvoll und zweckmässig sind. Schliesslich muss das Leitbild von der Gemeindeversammlung verabschiedet werden. Lehnt der Souverän das Leitbild ab, muss der Gemeinderat das Leitbild überarbeiten. Denn es gilt: Ohne Leitbild keine Nutzungsplanung.

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