Die Vorspeise, der Blick 16 Meter hinunter zum Grund der Aare beim Rechen, ist schon mal schwindelerregend. Acht eiserne Dammbalken bilden eine Wehrwand und halten das kalte, grüne Wasser der Aare zurück. Es ist unheimlich still. Eine Leiter führt hinunter. Den Grund dafür erzählt Betriebsleiter Andreas Kaiser später. Bei einem Unfall im Turbinenraum während der Führungen nächste Woche im Wasserkraftwerk bei Flumenthal wäre dies der Notausstieg.

Die Vorspeise mag schwindelerregend sein. Die Hauptspeise geht ans Eingemachte. Laut dringen die Geräusche der Turbinen durch die Hallen und Treppenhäuser im Kraftwerk. Je näher man den Turbinen kommt, umso lauter ist es. Bei den Turbinen selber zittert der Betonboden. Das Metall, das die Turbine umhüllt, vibriert und droht zu sprengen. Ohrenbetäubend sind die Geräusche, ein dumpfes Grollen und ein hohes unterdrücktes Kreischen.

Das Wasser der Aare passiert den Rechen, der eine Fläche von über 100 Quadratmetern aufweist, und treibt die Turbine mit einem Durchmesser von 4,35 Meter an; das ist dann gerade noch eine Fläche von 13,66 Quadratmetern. Die Verengung und der Höhenunterschied führen zu extremen Druckunterschieden. «Die Kräfte sind so gewaltig, dass gar das Wassermolekül aufgerissen wird», berichtet der Betriebsleiter. Gasblasen implodieren, deshalb der Lärm.

In dem Moment erhält jeder Betonriss im Gebäude besonderes Augenmerk. «Alles im grünen Bereich», sagt der Betriebsleiter. Das mulmige Gefühl lässt sich aber nicht einfach abstreifen, geht man durch die Katakomben der Anlagen, unter den drei Turbinen durch oder in den aktuell trockengelegten Turbinenraum. Alle fünf Jahre werden die Turbinen revidiert. Nach dem Bau des Kraftwerkes 1970 schrieb der Unterhaltsrhythmus ein Revisionsintervall von drei Jahren vor. «Heute revidieren wir zustandsorientiert und nicht mehr wie früher zeitorientiert.»

In einer anderen Welt

Eine der drei Turbinen ist trockengelegt. Durch ein hüftbreites rundes Loch im metallenen Schutzmantel, der die Turbine umhüllt, klettert man in den Turbinenraum. Hier fühlt man sich in einer anderen Welt und wortwörtlich alleine. Eine Flucht durch das runde kleine Loch wäre sinnlos, ebenso das Erstürmen der Leiter vorne beim Gitter, wenn die Schotten nicht dichthalten würden. Nur einen Meter vom Gitter entfernt steht die Wehrwand, 16 Meter hoch. Dahinter lauert das Wasser, das momentan nur in einem lächerlich kleinen Rinnsal durch die Wand dringt.

Bevor die Dammbalken mit einem Kran hinuntergelassen werden konnten, mussten Taucher die Fassung am Grund vom abgelagerten Sediment befreien. Noch liegen Sand und Treibholz sowie leere Flaschen, Zivilisationsmüll, am Boden. Wie ein riesiges, gefrässiges Maul wirkt hier der Turbinenraum. Ein Maul, das Unmengen von Wasser schlucken will. Und der Besucher steht in diesem Maul, wie Jonas im Schlund des Wals. «Halb so schlimm», beruhigt der Betriebsleiter. Sicherheit stehe an erster Stelle in seinem Job.

Eine genaue Prüfung

Freigelegt werden die Sensorenstellen, die die Wassersäule messen. Geprüft werden die rundförmigen Betonwände. Wird an einer Stelle übermässig Beton ausgewaschen, droht ein Loch zu entstehen. Peinlich genau würden auch die vier Schaufeln der Kaplan-Turbine nach Rissen abgesucht. Sie sind drehbar und können im Winkel verändert werden. Alles für einen möglichst effizienten Betrieb der Turbine. Das kalte Metall der Schaufel fühlt sich beim Anfassen auch an der Kante völlig widerstandslos an. Durch die Schaufel und 16 gesicherte drehbare Leitschaufeln, die dem Schaufellaufrad vorgelagert das Wasser kanalisieren, kriecht man in den vorderen Teil des Turbinenraums. Hier strömt das Wasser zur Turbine. Durch das Gitter gelangen maximal kinderfaustgrosse Steine in den Raum und zur Turbine. «Wir hatten noch nie einen grossen Schaden zu beklagen. Nachschweissungen hat es aber schon gegeben», berichtet Andreas Kaiser.

Nach einem doch beklemmenden Aufenthalt im Turbinenraum klettert man durch das Bullaugen-grosse Loch zurück in die Kellerhalle. Die beiden anderen Turbinen drehen. «Immer mit der gleichen Drehzahl. Was ändert ist die Leistung, die von den Generatoren abgegeben wird.» In die Turbine selber führen zwei Zugänge, durch die das Wartungspersonal entweder zum Schaufellaufrad oder zum Generator steigen kann. Noch immer ist man Meter unter der Wasseroberfläche. Erleichterung stellt sich erst ein, nachdem die vielen Stufen zum Erdgeschoss hochgestiegen sind. Der Blick durch das Fenster zum Himmel beruhigt. Hinter dem Besucher liegt die Hölle.