Den Fusstritten von Christian-Rémy Loose liegen unendlich viele Schweisstropfen zugrunde. Man denkt, wenn man ihn laufen sieht, er habe irgendeine leichte Verstauchung oder Zerrung, aber es ist ein Wunder, dass er überhaupt gehen kann. «Geplatzte Aorta mit Paraplegie», sagt er, «von der Brust an abwärts spüre ich nichts.» Der Vorfall geschah vor gut eineinhalb Jahren am Geburtstag seines Partners. Aneurysma ist der Fachausdruck dafür, es folgte eine fünf Stunden dauernde Operation am offenen Herzen. Als er am nächsten Morgen aus der Narkose erwachte, hatte er kein Gefühl mehr.

Nichtsdestotrotz steckt Christian Loose mitten in den Vorbereitungen für die neue Comedy-Produktion der NeverComeBackAirline. Der Travestiekünstler blickt zuversichtlich nach vorne. «Ich betrachte das vorgefallene Leid in meinem Leben nicht als Krankheit sondern als Begleitung.» Eine «Begleitung» belaste weniger als eine «Krankheit». Dennoch beeinträchtigt dieser «Rucksack» aktuell sein Leben massiv. «Man sieht das nicht, aber ich habe beispielsweise auch keine Kontrolle über die Verdauung.» Medikamente helfen, aber Christian Loose muss, will er einen Abend bewältigen können, Schritt für Schritt planen.

Trotzdem: «Ich kann heute wieder mein Leben führen wie vor dem Vorfall, arbeite zu 100 Prozent und bin nach wie vor Yvette Tuschuur auf der Bühne.» Darüber sei er unglaublich glücklich. Verbitterung über sein Schicksal hat bei Loose wenig Platz. «Das bringt nichts, sonst müsste ich sofort aufgeben.»

Neu im Saalbau Derendingen

An allen vier Wochenenden im Februar, jeweils freitags und samstags wird die NeverComeBackAirline wieder abheben. Nach sieben Jahren bei Möbel Märki wurde mit dem Saalbau-Bad in Derendingen ein neuer Aufführungsort gefunden. Die Sponsorgemeinschaft wurde aufgelöst. Loose suchte wieder einen Ort mit einer richtigen Bühne. Den Saalbau hat Loose gleich für die nächsten drei Jahre gebucht. «Es ist nicht einfach, einen Ort zu finden, den man für eine längere Periode mieten kann.» Wie am alten Aufführungsort finden auch im Saalbau etwa 200 Personen Platz. «Wir spielen nicht einfach von der Bühne herab. Wir sind oft mitten im Publikum. Uns kann man anfassen, auch vor und nach der Aufführung, die mit einem 4-Gang-Menu verbunden werden kann.»

Verzicht auf High Heels

Die «Begleitung» hat inhaltlich auf die Nummern von Christian Loose keine Auswirkung. «Ich mache Comedy wie früher auch.» Aber auf High Heels wird man ihn nicht mehr sehen. «Ich würde umfallen.» Um diesen Makel zu kaschieren, wird Yvette Tuschuur «Toutdesuite» längere Kleider tragen. Zu ihren Gästen in der diesjährigen Produktion gehört Mike Hitz, der bereits seit elf Jahren mit dabei ist und auch das Programm zusammenstellte, das heisst die Nummern der Auftretenden zu einer Geschichte verknüpfte.

Dazu engagierte Christian Loose, der als Zampano alle Fäden in den Händen hält, die weiteren Travestiekünstler Lola Glitter aus Zürich, Leslie Anderson aus Hamburg und Tess Tiger aus Dresden. Im Hintergrund wirken gegen 40 Personen mit und helfen in der Garerobe, in der Küche, in der Technik, im Service etc.

«Alles selber aufgebaut»

Loose hofft wie in den letzten Jahren auf durchweg voll besetzte Stühle. «Man wird nicht reich damit», schränkt er ein. Loose trägt zudem das unternehmerische Risiko. Öffentliche Unterstützung oder gar einen kulturellen Preis habe er in all den Jahren nicht erhalten. «Wir haben alles selber aufgebaut.» Aber zumindest das Gastgewerbe profitiere in dieser Zeit von seinen Aufführungen. «Wir haben manchmal bis zu 60 Übernachtungen von Besuchern, die von weit her anreisen.»

Dann erhebt sich Christian Loose wieder vom Stuhl. Er wartet einige Sekunden, «bis alles wieder eingehängt ist». Erst danach beginnt er zu laufen. Auf den Lift verzichtet er und nimmt die Treppe.