Interview
«Die Leute merkten: Der Bucher will nicht nur absahnen, der gibt auch etwas zurück»

Urs Bucher war der Partykönig vom Schanzengraben, feierte Riesenfeten im Wasseramt und wirtete auch bei Gegenwind mit Erfolg. Ein Gespräch über Rösti, Neid und Politik.

Christof Ramser
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Urs Bucher (63) gehört zu den namhaftesten Gastronomen und Anlassveranstaltern in der Region Solothurn.

Urs Bucher (63) gehört zu den namhaftesten Gastronomen und Anlassveranstaltern in der Region Solothurn.

Hanspeter Bärtschi

Sie beenden Ihre Karriere und setzen zum Schlussspurt an, heisst es. Urs Bucher, so ganz nehme ich Ihnen nicht ab, dass Sie sich zurückziehen.

Urs Bucher: Da haben Sie recht. Ich kann Ende Jahr nicht einfach aufhören. Eigentlich habe ich meiner Frau ja eine Weltreise versprochen ...

Aber daraus wird nichts?

Stattdessen verfolge ich bereits ein nächstes Projekt. Dabei mache ich mich in gewisser Weise auch auf eine Weltreise. Aber es ist eher eine innere Reise. Diese findet im Kapuzinerkloster Solothurn statt. (Dort initiiert Urs Bucher ein praxisnahes Integrationsprojekt für sozial Benachteiligte und Asylsuchende, Anm. der Red.)

Urs Bucher (63)

Er gehört zu den namhaftesten Gastronomen und Anlassveranstaltern in der Region Solothurn. Seit 32 Jahren wirtet er im «Kreuz» Kriegstetten, er organisierte Grossanlässe an der HESO, im Stahlwerk Gerlafingen, betrieb die Wasserbar in Kriegstetten und veranstaltete die Burghofnacht in Aeschi. Von 1995 bis 2005 war sein «St. Urs» Top-Adresse für Partygänger (TON, Hammerbau, Dicey Reilly’s). Nun geht die Bucher-Ära zu Ende. Am 23. Dezember ist «Austrinket» im Pisoni Kriegstetten. Bis dahin finden jeden Samstag Livekonzerte statt, an Freitagen sind Spezialitätenabende geplant. Urs Bucher ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. (crs)

32 Jahre haben Sie in der Region Solothurn Anlässe veranstaltet. Wie hat sich die Branche gewandelt?

Sie hat sich stark verändert. Heute wäre vieles nicht mehr möglich. Ein Beispiel: Noch vor den Partys im Schanzengraben betrieb ich an der HESO ein Zirkuszelt. Für die Sicherheit stellte ich zwei gut gebaute Typen aus dem Fitnesscenter Athena an. Die standen dann vor die Tür und schauten, dass nicht zu viele Leute hineinkamen. Es gab weder Vorschriften von der Gebäudeversicherung noch andere Auflagen.

Die Behördenauflagen haben sich verschärft?

Und wie. Heute stehen und fallen Anlässe mit den hohen Auflagen. Als ich angefangen habe, wurde alles viel lockerer gehandhabt. Im St. Urs in Biberist beschäftigte ich mein eigenes Sicherheitspersonal. Die trugen T-Shirts mit der Aufschrift: «Wir sorgen für Ihre Sicherheit». Das war alles unkompliziert. Heute muss man von Amtes wegen viele Sicherheitsleute beschäftigen, was mit enormen Kosten verbunden ist. Daran scheitern viele junge Veranstalter.

Gab es an Ihren Partys nie Tumulte?

An meinen Anlässen, etwa im Schanzengraben, ging es ab wie im hölzigen Himmel. Aber es gab doch kaum einmal eine Schlägerei. Man ging viel respektvoller miteinander um, insbesondere auch mit Dingen. Es wehte einfach ein anderer Geist damals.

Immer nur rund lief es aber nicht. Die Stahlnächte in der Stahlhalle Gerlafingen mussten Sie wegen Auflagen stoppen, in Biberist schmissen Sie nach Lärmklagen den Bettel hin und verkauften den St. Urs.

Es stimmt, an diesen Orten spürte ich Widerstand. Doch als Macher hat mich dieser Gegenwind eher beflügelt, um noch mehr Gas zu geben.

Sie waren sehr erfolgreich mit Ihren Anlässen. Spürten Sie auch Neid?

Hat man Erfolg, hat man Neider. Manchmal suchte man nach dem Haar in der Suppe, um mich auszubremsen. Deshalb musste ich den St. Urs nach langem Kampf schweren Herzens verlassen. Doch ich liess mich nicht herunterziehen, im Gegenteil. Das ist noch heute so.

Mit Ihren Partys richteten Sie sich an ein Massenpublikum. Dann gründeten Sie die Gourmetmesse Authentica, im Pisoni setzen Sie auf saisonale, frische und nachhaltige Küche. Warum der Sinneswandel?

Als ich vor sechs Jahren mit Rafael Waber die Authentica-Messe ins Leben rief, stand für mich fest, dass ich die Grossveranstaltungen aufgebe. Ich kann nicht eine Burghofnacht für 7000 Leute durchführen mit Red-Bull-Dosen und Convenience-Food und auf der anderen Seite nachhaltige Produkte anbieten. Wasser predigen und Wein trinken, das geht nicht.

Authentica Solothurn 2017 Zum sechsten Mal findet im Kapuzinerkloster Solothurn die Authentica statt.
40 Bilder
Rund 60 Aussteller zeigen Handwerk, Lebensmittelveredelung, Schmuck und Kleider.
Authentica
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Authentica Messe Solothurn 2017
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Authentica Solothurn 2017 Zum sechsten Mal findet im Kapuzinerkloster Solothurn die Authentica statt.

Oliver Menge

Fiel es Ihnen schwer, mit den kommerziellen Grossanlässen aufzuhören?

Ich schaue mit Genugtuung auf alle meine Anlässe zurück. Erst kürzlich traf ich ein Paar, das an der Burghofnacht zusammenfand. Viele Bekanntschaften entstanden an diesen Anlässen. Das ist doch etwas Positives für die Region.

Sie haben sich immer wieder neu erfunden. Liegt darin auch Ihr Erfolgsrezept?

So ist es. Ich wurde oft gefragt, warum ich immer wieder Neues anreisse. Das fing bei den Details an. Oft habe ich die Dekoration in meinen Lokalen erneuert. Details zu pflegen war mir stets wichtig. Ich wollte dem Gast den Eindruck vermitteln: Der Bucher hat sich Mühe gegeben. Etwa mit den rot-weissen Vorhängen, dem Holzboden und dem Himmel im Röschti-Huus an der HESO. Die Mitarbeiter wurden je nach Thema eingekleidet. Dies war mit einem grossen Aufwand verbunden. Doch die Leute merkten: Der will nicht nur absahnen, der gibt auch etwas zurück. Der Erfolg gab mir recht.

Wie fällt die wirtschaftliche Bilanz aus?

Wirtschaftlich ging es immer auf. Etwa, weil ich den Restaurantbebtrieb durch den Barbetrieb quersubventionieren konnte.

Heute ist die Gastrobranche in starkem Wandel. Was sind die Gründe?

Es werden noch viele Restaurants schliessen. Das ist einerseits ein gesellschaftliches Problem. Schauen Sie zum Beispiel die Vereine an. Sie treffen sich oft nicht mehr in der Dorfbeiz, sondern in Trendlokalen in der Stadt. Dazu kommen die verschärften Alkoholkontrollen. Und schliesslich wird das Anlassangebot immer grösser. Das zeigt sich auch bei den Lebensmitteln, etwa in den immer grösseren Abteilungen mit Convenience Food in den Supermärkten. Aber auch in den Restaurants leidet die Qualität. Während die Personalkosten steigen, sind die Menüpreise seit Jahren konstant. Der Gastronom ist gezwungen, bei der Qualität Abstriche zu machen.

Im Pisoni verfolgen Sie einen anderen Ansatz. Slow Food ist die Devise. Ist das eine Gegenbewegung?

Ganz sicher. Hier machen wir alles frisch und selber und kaufen bei regionalen Kleinbetrieben ein. Beim Metzger das Fleisch, beim Käser den Käse und beim Bauer das Gemüse. Oder die Bio-Bauernbratwurst von meiner Nichte in Mörel. Klingt doch selbstverständlich. Aber ist es leider nicht mehr. Bei uns kann man zuschauen, wenn in der Küche das Brot und die Teigwaren zubereitet werden. Jedes Produkt ist einzigartig, zu jedem Menü kann ich eine Geschichte erzählen. Das schätzen die Gäste. Ich führe den Betrieb mit wenigen Mitarbeitern und öffne erst ab 17 Uhr. Meine Lebensqualität hat sich um einiges verbessert.

In welchem Ihrer zahlreichen Lokale fühlten Sie sich am wohlsten?

Das war klar das Dicey Reilly’s in Biberist. Dort hätte ich mir vorstellen können, meine Pensionierung zu erleben. Leider kam es anders.

Mit dem Irish Pub waren Sie ein Vorreiter. Man sagt, Sie hätten das Interieur mit Sattelschleppern aus Irland herangekarrt.

Das stimmt. Ich war zu der Zeit etwa zehn Mal in Dublin und inspizierte die Pubs, um die Einrichtungsidee später nach Biberist zu transferieren. Ich hatte in Dublin sogar ein Depot, wo das Material gelagert wurde. Dieses kam zum Beispiel aus Kirchen und Klöstern, die abgerissen werden sollten. Heute sind Überbleibsel davon im Pisoni in Kriegstetten zu sehen. Zum Beispiel die bemalten Fenster.

Woher nahmen Sie die Inspiration?

Schon als Kind schaute ich der Mutter gerne beim Kochen zu. Bald schon fand sie, dass ich die schönsten Canapés und kalten Platten zubereite. Eigentlich bin ich ein ganz einfacher Koch. In Langenthal, wo ich aufgewachsen bin, machte ich im «Bären» die Lehre. Nach der Hotelfachschule war ich in England, Frankreich und Amerika. Ich arbeitete immer kreativ, so auch in Saas-Fee, wo ich zehn Jahre lang ein Hotel betrieb. Dort entstand die Idee des Röschti-Huus mit 22 verschiedenen Zubereitungsarten. Noch heute kennen mich die Einheimischen als Röschti-Urs. Dieses Modell habe ich später im Alten Stephan in Solothurn und an der HESO erfolgreich weitergeführt.

Für Ihre Projekte brauchten Sie Mitstreiter. War es wichtig, sich mit den Behörden gut zu stellen?

Da hielt ich es wie mein Vater. Er hatte in Langenthal ein Kleidergeschäft und riet mir: Mische dich nie in die Politik ein. So verhielt ich mich immer neutral. Aber ich unterhielt gute Beziehungen zu Politikern aller Couleur. Das hat mir viele Türen geöffnet und war für mich als Geschäftsmann ein Erfolgsrezept.

Wie kamen Sie in Kriegstetten zurecht? Das war ja politisch mitunter ein schwieriges Pflaster.

Ich habe mich hier immer wohlgefühlt und verlasse das Dorf mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Ich freue mich, dass Kriegstetten nun einen aufgestellten, jungen Gemeindepräsidenten hat. Er ist da, wenn man ihn braucht. Etwa auch, wenn eine Frau 90-jährig wird, oder wenn die Musikgesellschaft heimkehrt. Kriegstetten hat es verdient, dass wieder etwas Ruhe einkehrt.