Kehrichtabfuhr

Die Leute bleiben daheim und misten aus – das heisst Extraschichten für die Männer in Orange

Kehrichtmänner von Schneider Reisen und Transporte AG aus Langendorf bei der Arbeit in Rüttenen.

Kehrichtmänner von Schneider Reisen und Transporte AG aus Langendorf bei der Arbeit in Rüttenen.

Die Männer in Orange leisten derzeit Aussergewöhnliches. Gemeint sind nicht etwa die Fussballer des FC Deitingen mit ihren orangen Dresses – die stecken wie alle Sportler in der Coronazwangspause. Es sind die echten Müllmänner, die derzeit besonders hart arbeiten müssen.

«Bitte helft der Müllabfuhr in diesen schweren Zeiten», schreibt eine Frau aus dem Wasseramt auf der Plattform «Dorfplatz» ihrer Gemeinde. «Seid zurückhaltend mit dem Ausmisten. Die Menge des Kehrichts hat sich verdoppelt und die Müllmänner können keine Pausen mehr in einem Restaurant machen.»

«Es ist schön, zu hören, dass sich die Leute Sorgen um uns machen», sagt dazu Patrick Schneider von der Firma Schneider Transporte Langendorf, die in vielen Gemeinden am Jurasüdfuss den Kehricht entsorgt. Man freue sich immer über ein «Merci» am Strassenrand. Probleme gebe es derzeit keine: «Wir können das bewältigen. Die Schichten in der Kehrichtabfuhr dauern zwar etwas länger, aber unsere Männer sind wie Profifussballer, die in die Verlängerung gehen. Die schaffen das.»

Viren und Bakterien im Kehricht

Weil alle Carfahrten verboten sind, stehen bei Schneider AG in Langendorf auch diese Chauffeure als Verstärkungen für die Kehrichtabfuhr zu Verfügung. Am Donnerstag half sogar der Chef selber mit. «Mir macht es Spass, ab und zu hinten mitzufahren», sagt Patrick Schneider. Angst, sich über kontaminierten Kehricht anzustecken, habe er nicht. «Im Kehricht können immer Bakterien oder Viren stecken, daran sind wir gewohnt. Wir arbeiten deshalb immer mit Handschuhen und haben Desinfektionsmittel dabei. Wer will, darf bei uns gerne auch eine Gesichtsmaske tragen.»

Ein anderer grosser Player in der Region ist die Gast AG in Utzenstorf. «Den Leuten, die wegen der Krise zu Hause bleiben müssen, ist es wohl langweilig», hat Marc Gast festgestellt. «Sie misten Gerümpel aus und stellen viel mehr Kehricht vor die Haustüre. Und es beschäftigen sich so viele Leute im Garten, dass wir diese Woche alleine in der Stadt Solothurn über 30 Tonnen Grünabfälle abtransportieren mussten.» Marc Gast bittet, dass die Regeln eingehalten werden: «Äste sollten gebündelt werden und nicht dicker als 6 und nicht länger als 150 Zentimeter sein. Am einfachsten ist es für uns, wenn alles Grüngut in Containern bereitgestellt wird.»

Auch in Utzenstorf würden sich die Carchauffeure über die Abwechslung freuen, wenn sie einen Kehrichtwagen steuern dürfen, sagt Marc Gast. Das Unternehmen hat zudem auf seiner Homepage (www.gast.ch) Empfehlungen für die Kundschaft aufgeschaltet, wie in Zeiten der Coronakrise der Umgang mit Kehricht sicherer wird.

Kebag gilt bisher als nicht systemrelevant

Als Direktor der Kebag Zuchwil kann Markus Juchli bestätigen, dass tatsächlich ungewöhnlich grosse Kehrichtmengen angeliefert werden. «Wir arbeiten auf konstant hohem Level und es ist keine Abnahme in Sicht», sagt Juchli. Eine Statistik gebe es nicht, aber da vom Gewerbe und von den Restaurants wegen der Verbote viel weniger Kehricht produziert wird, vermutet Juchli, dass nur die privaten Haushalte für den Anstieg in Frage kommen. Probleme entstünden dadurch nicht, die Kebag verfüge über genügend grosse Kapazitäten.

Sorgen macht Juchli etwas anderes: Die Kebag, immerhin die zweitgrösste Kehrichtverwertungsanlage der Schweiz, gilt bisher nicht offiziell als systemrelevanter Betrieb. «Solange wir keinen einzigen Coronaverdacht haben, können wir normal weiterarbeiten. Bei uns stehen viele Fachleute mit grossem Wissen im Einsatz, die wir nicht so einfach ersetzen könnten. Sollte bei uns tatsächlich ein Coronaverdacht auftreten, müssten möglicherweise von einem Tag auf den anderen alle Spezialisten gleichzeitig in Quarantäne gehen, obwohl sie eigentlich gesund sind. Dann müssten wir den Betrieb herunterfahren», erklärt der Kebag-Direktor.

Markus Juchli bemüht sich deshalb bei den zuständigen Stellen von Bund und Kanton darum, dass die Kebag Zuchwil als systemrelevanter Betrieb eingestuft wird.

Auch die Werkhöfe haben zu tun

Rezyklierbare Abfälle wie zum Beispiel Altmetall werden ebenfalls vermehrt in den Sammelstellen der Gemeinden abgegeben, weil die Leute entrümpeln. Ein ganz spezielles Problem stellt sich hier der Gemeinde Luterbach: «Alle nebenamtlichen Personen, die unsere Sammelstelle betreuen, gehören zur Gruppe, die durch den Virus besonders stark gefährdet ist», erklärt Jürg Schläfli, Leiter des Werkhofs. Deshalb bleibe die Sammelstelle vorübergehend geschlossen. «Viele Dorfbewohner melden sich bei uns, weil sie Material abgeben möchten und nicht können. Wir versuchen nun, jemanden zu finden, der kurzfristig einspringen kann.»

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