Halten

Die letzten Bewohner im Burgturm mussten noch Wasser schleppen

Margrith Schlup-Guazzini und Rudolf Eichelberger in der ehemaligen Turmwärterstube.

Margrith Schlup-Guazzini und Rudolf Eichelberger in der ehemaligen Turmwärterstube.

Margrith Schlup-Guazzini und Rudolf Eichelberger sind im 800-jährigen Turm von Halten geboren. Anfänglich mussten die Familienmitglieder jeden Liter Wasser vom Brunnen über die steilen Treppen in die Wohnungen hinauftragen.

«Hier in dieser Nische habe ich oft am offenen Fenster gesessen und auf meiner Trompete gespielt», sagt Rudolf Eichelberger. «Und dort auf der Wiese habe ich meine Drachen steigen lassen.» Um den Turm herum hätten noch fast keine Häuser gestanden. Der 73-jährige Haltener sitzt in der ehemaligen Turmwärterstube des über 800-jährigen Turms und blickt zurück.

Er ist hier geboren und hat 19 Jahre hier gewohnt bis die Stiftung Museum Wasseramt im Jahr 1962 das Grundstück mit dem Turm von der Familie Schnyder erwerben konnte. Neben ihm sitzt seine Cousine Margrith Schlup-Guazzini aus Wiedlisbach, die ab 1941 während knapp fünf Jahren im Turm wohnte. In diesem Steingebäude, welches den Edeln von Halten im 13. Jahrhundert als Statussymbol diente und in welchem später ein Turmpächter für die Gefangenen im Gefängnis zu sorgen hatte.

Familie Schnyder vor dem Turm.

Familie Schnyder vor dem Turm.

Anfänglich lebten Margrith Schlup und Rudolf Eichelberger mit ihren Eltern und Geschwistern sowie den Grosseltern Guazzini in den beiden kleinen Wohnungen im ersten und zweiten Obergeschoss. Die Platzverhältnisse für die drei Familien waren sehr eng bis die Eltern von Margrith Schlup mit ihren fünf im Turm geborenen Kindern im Frühling 1946 in ihr eigenes Haus zogen.

Sie erzählt: «Ein Lehrer hat mich noch Jahre später ‹Burgfräulein› genannt, was ich überhaupt nicht geschätzt habe.» Damals durfte sie nämlich, wenn es kräftig schneite und die Bauern mit Ross und Schneepflug nicht mehr pfaden konnten, zu ihrer Tante im Turm zu Mittag essen.

48 Franken Miete pro Monat

Anfänglich mussten die Familienmitglieder jeden Liter Wasser vom Brunnen über die steilen Treppen in die Wohnungen hinauftragen. Das Abwasser entleerten sie in den Abort auf der Holzgalerie neben dem Hocheingang oder durch den an der Turmmauer immer noch sichtbaren Schüttsteinausguss im zweiten Obergeschoss.

Für die Körperpflege dienten Krug und Schüssel des heute als antik gehandelten Waschgeschirrs. «Später wurde das Wasser mit Hochdruck in die Wohnung hinaufgezogen und gleichzeitig ein Ablaufrohr nach draussen angelegt», erzählt Rudolf Eichelberger. Aus diesem Grund habe sich der monatliche Mietzins von 48 auf 53 Franken erhöht. Das Rohr sei aber im Winter oft zugefroren. Die Elektrizität war bereits installiert.

Die Einteilung der Turmpächterwohnung im zweiten Obergeschoss sieht noch heute genau gleich aus. In der Küche stand ein Holzherd, in welchem ganze «Wedele» Platz hatten. Im Kamin hingen oft Würste zum Räuchern. Zwischen den beiden Etagen befand sich eine Bühne, wo alles Holz gelagert wurde. Der heutige Rittersaal im ersten Stock war ganz mit Holz verkleidet, welches die Schartenfenster verdeckte. Ein Vorhang trennte das Schlafgemach ab. In beiden Wohnungen existierten Sitzöfen.

Keller mit Lehmboden

Das ehemalige Gefängnis, damals noch mit einem Lehmboden, diente als Gemüse- und Obstkeller. Auf einem Zwischenboden lagerte Heu für die Kaninchen. «150 Kaninchen, die in den Holzanbauten hausten, hatte ich zu füttern und auszumisten», erzählt Rudolf Eichelberger. Sie dienten der Familie als willkommene Fleischquelle. Im grossen Areal rund um den Turm – noch ohne die Museumsspeicher – gediehen viele Fruchtbäume, jegliche Gemüsesorten und Heugras für die Kaninchen. Dieses mähte der Schulbub Rudolf eigenhändig mit der Sense.

Zudem bestand ein eigentlicher Holzplatz, auf welchem aus dem gesammelten Holz «Wedele» gebunden wurden. Im Winter diente der Burggraben als Schlittelpiste. «Es war wunderbar, als Bub hier aufzuwachsen, ich konnte um den Turm werken und graben wie ich wollte», sagt Rudolf Eichelberger. An die Tränen seiner Mutter, als die Familie vor 54 Jahren ausziehen musste, erinnert er sich noch ganz genau.

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