Luterbach

«Die Landschaft vernarbt relativ schnell»: Für Hochwasserschutz an der Emme werden Flächen gerodet

Roger Dürrenmatt vom kantonalen Amt für Umwelt erklärt die «harten Einschnitte» für den Hochwasserschutz an der Emme.

Die Eingriffe neben der Emme wegen des Hochwasserschutzprojekts sind gewaltig und sorgen für viel Diskussionsstoff. Gerade jetzt, wenn sich alle für den Klimaschutz einsetzen, erregt das Roden grosser Waldbestände Aufsehen und führt zu teilweise geharnischten Reaktionen. Unter anderem auch deshalb, weil die bereits erfolgten Rodungen, beispielsweise in Derendingen bei der Emme-Brücke nahe Kreuzplatz, zu völlig neuen Perspektiven führen. «Die Leute vergessen halt schnell, dass 2005 und vor allem 2007 grosse Hochwasser waren. Mit grossem politischen Druck wurde das Hochwasserschutzprojekt damals ausgelöst. Einige Jahre später findet man, es sei doch nicht so schlimm gewesen und fragt: Ist es überhaupt nötig, deswegen so viele Bäume zu roden?», meint Roger Dürrenmatt vom Amt für Umwelt bei einem Augenschein.

Die Rodungen würden in erster Linie für die Verbreiterung des Bachbettes und die notwendigen Dammbauten erfolgen, welche die Anwohner vor Hochwasser schützen sollen. Er werde oft von Leuten kontaktiert, die wissen wollten, warum die Rodung so gross sei oder ob wieder bestockt werde. «Da wird meist anständig nachgefragt, und wir können die entsprechenden Informationen geben. Das Bedürfnis danach ist gross.»

Die gerodeten Flächen gelten weiterhin als Wald

Die gerodeten Flächen gelten nach Bauabschluss zu grossen Teilen weiterhin als Wald, weil es nur sogenannte temporäre Rodungen sind. An einigen Standorten sind die Rodungen definitiver Natur. Hierfür muss man im Wasserbau, etwa im Gegensatz zum Strassenbau, keine Ersatzaufforstungen mehr vorsehen.

«Wir mussten aber in der Bewilligungsphase eine Gesamtabwägung machen. Welche Werte bestanden vorher im Wald und welche werden folgen? Hier werden unter anderem neue Standorte geschaffen für Waldgesellschaften, die es vorher nicht gab. Von daher ist die Bilanz positiv», sagt Dürrenmatt. So würden die hinteren, hochliegenden Bereiche inklusive der Dämme wieder bestockt. Im Bereich des Flusses entstehen Weidenwälder, die einem stetigen Wandel durch das wechselnde Emmewasser unterworfen sind. Dynamisch geprägte Weichholz-Auenwälder werden hier künftig das Auge erfreuen. «Das ist jetzt natürlich ein einschneidender Prozess, aber ein grosser Teil der gerodeten Flächen bleibt rechtlich ja Wald, auch wenn nicht zwingend ein Baum steht», meint der Fachmann.

Vor Ort bei Los 5, beim Hochhaus an der Emme in Derendingen, erklärt Dürrenmatt die Veränderungen. Bagger und Dumper fahren in der Emme und transportieren Material. Etliche Dämme und Steinablagerungen sind noch provisorisch. Das Ostufer, am Rand der Siedlung mit dem Hochhaus, ist bereits verbaut. Die Steinverbauungen, die hier das Ufer definitiv befestigen, sind nicht sichtbar. Material aus der Rodung wurde hier schichtweise eingebaut. Zusätzlich wurden Weidenstecklinge gepflanzt, die rasch für Grün in Form eines Weidenwaldes und eine Festigung des Ufers sorgen. Biogene maschinelle Ufersicherung ist der Fachbegriff dafür. «Sollten bei Extremereignissen hier Teile weggeschwemmt werden, sorgt der dahinterliegende harte Blocksatz für Sicherheit. Diese Bauweise ist gerade auch aus Natursicht interessant, weil hier gewässertypische Ufer entstehen.»

Bald versperrt der «grüne Vorhang» wieder die Sicht

Auf der anderen Uferseite steht kein Baum mehr – zwischenzeitlich. Dort wurde die ehemalige Deponie Rütti ausgeräumt. Hier findet die Emme künftig in einer Flussaufweitung reichlich Platz. Auch bei den Flaschenhälsen, unter den Brücken, wird das Bett so weit als möglich ausgeweitet. Beide Uferseiten wurden oder werden wieder bestockt.

Die jetzt freie Sicht ist temporär. Bald wachsen Bäume und der bisherige «grüne Vorhang» wird auf lange Sicht wieder gezogen. Noch fliesst das Wasser über eine Schwelle. Später wird das Wasser nur noch bei Hochwasser darüber fliessen. Bei Niedrigwasser wird künftig die Rinne daneben über eine Blockrampe führen, sodass Fische nicht nur hinunter, sondern auch hinauf schwimmen können.

Emme darf sich eigendynamisch entwickeln

Eindrücklich sind die Verbauungen auch im Los 6 zwischen der Eisenbahnbrücke und der Strassenbrücke bei der Kebag, dem längsten Abschnitt ohne Brücken oder Infrastrukturen am Rand. «Hier erhält der Fluss die Möglichkeit, sich eigendynamisch zu entwickeln», erläutert Dürrenmatt. Das Flussbett ist nun 40 Meter breit. Im Fluss wurden mit einfachen Mitteln wie grossen Steinen oder eingerammten Stämmen, die Schwemmholz stauen, Holzstrukturen platziert. «Um das Holz herum lebt es. Fische können ihre Nahrungsbedürfnisse stillen. Mit der Zeit entsteht ein abwechslungsreiches Gerinne mit tieferen und seichteren Bereichen.»

Relativ schnell werden Gräser und Weiden wachsen und für Grün sorgen. Gleichzeitig darf hier die Emme seitlich ausbrechen. Die Ufersteine wurden weggeräumt. Im Hinterland sind Interventionslinien festgelegt worden, wie weit das Emmewasser sich ausbreiten darf. Erreicht es in naher oder ferner Zeit diese Linien, erfolgt eine Neubeurteilung, ob das Emmeufer dort nachträglich verbaut werden muss.

Gestalten für Nieder- und Hochwasser

Neben der grösstmöglichen Wassermenge mussten die Planer bei der Gestaltung auch die Sommerflauten im Blick haben. «Wir versuchen, eine sogenannte Niederwasserrinne zu erzeugen. Nicht auf der ganzen Breite, sondern konzentriert», so Dürrenmatt. Der Grund ist einfach: Im Sommer, wenn wenig Wasser die Emme herunterfliesst, soll der Fisch weiterhin kühle Wassertemperaturen vorfinden. Verteilt sich das Wasser auf die ganze Breite, würde es sich zu stark erwärmen.

«Das ist die Herausforderung: den Fluss zu gestalten für die meisten Tage im Jahr, wenn er also nur wenig Wasser führt. Dazu müssen wir die Niederwasserrinne erzeugen. Und auf der anderen Seite der Skala, bei Hochwasser, muss das Wasser Platz haben. Beide Extreme müssen abgedeckt werden.» Wenn alles rund läuft, ist das Projekt im Herbst 2020 beendet. «Erfahrungen in Gerlafingen und Biberist zeigen, die Landschaft vernarbt relativ schnell», erklärt Dürrenmatt.

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