Drei Höfe
Die Kunst kennt keine gesellschaftlichen Grenzen

Die Stiftung Rodania Grenchen und die Tagesstätte Pro Infirmis Gerlafingen eröffnen mit einer gut besuchten Vernissage das Ausstellungsjahr im Näijerehuus.

Vanessa Simili
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Blessing Yiase ist eine von 16, die ihre Arbeiten zeigen. Urs Fuhrer findet Inspiration in Picasso-Büchern.

Blessing Yiase ist eine von 16, die ihre Arbeiten zeigen. Urs Fuhrer findet Inspiration in Picasso-Büchern.

Vanessa Simili

Die 27-jährige Blessing Yiase freut sich über die Komplimente der Besucher. Sie gibt gern Auskunft über ihr grossformatiges Bild, das neben fünf anderen Arbeiten von Klienten der Rodania in einer Hälfte des Dachraums ausgestellt ist. Es ist im Farbenatelier der Tagesstätte in Grenchen entstanden. Eine Besucherin fragt sie, ob die weissen Punkte Schneeflocken seien. Oder etwa Blumen. Blessing Yiase bejaht, es seien Blumen und das Grüne sei die Mitte der Blume. Und das Gelbe die Sonne. Der schwarze Rahmen habe Florin, ein Mitarbeiter der Rodania, gemacht. Es ist dieser, der dem Bild in diesem Kontext eine kaum treffendere Aussagekraft verleihen könnte. Eine klar definierte, undurchlässige Grenze, die einschliesst und gleichzeitig ausschliesst, obwohl zwischen den inneren Elementen und den äusseren kein Unterschied auszumachen ist. In Bezug auf Menschen mit Beeinträchtigung greift diese Symbolik in gesellschaftlicher Hinsicht: Der Rahmen als ein von der Gesellschaft abgesteckter, der klar vorgibt, was respektive wer Teil davon ist und wer rausfällt.

Eigener Stil

Svea Gfrörer ist seit zehn Jahren Mitarbeiterin der Rodania. Im Farbenatelier können die Klienten frei arbeiten, sie werden vor allem im Umgang mit den Malutensilien und dem Bereitstellen der Materialien unterstützt, sagt sie. «Jeder bringt seinen eigenen Stil mit und gibt seinen Rhythmus vor.» Es sei überraschend und schön, was alles entstehen kann, wenn den Menschen dafür Raum gelassen werde. Als Kunstschulabsolventin und selbst im künstlerischen Bereich tätig kennt sie die Tücken der Malerei und kann ihre Atelierbesucher bei Bedarf unterstützen. Zur Ausstellung sagt sie: «Menschen gelten als ‹behindert›, aber Bilder nicht.»

Klare und wenig beschönigende Worte in einem nicht ganz politisch korrekten Vokabular. «Das ist Urs Fuhrer, er malt seit Jahren», stellt sie einen Klienten vor. Der 63-Jährige berichtet über den zeitintensiven Entstehungsprozess und: «Zum Bild, da ist zu sagen, dass mir die Welt mit all ihren Farben und der Sonne sehr viel bedeutet. Es braucht auch den Regen zwischendurch, damit die Welt nicht immer im Trockenen ist.» Fuhrer schreibt auch. In einem kleinen Team für die Rodania-Zeitung, die alle zwei Monate erscheint. Ein Text von ihm über Kunst liegt auf. Darin berichtet er, wie ihm Picasso-Bücher als Inspiration dienen und dass, nach einem anfänglichen Durcheinander im Kopf, in seiner Vorstellung neue Bilder entstehen.

Nicht nur Gemälde

In der anderen Hälfte des Dachraums und im unteren Bereich sind ganz unterschiedliche Arbeiten von 11 Klientinnen und Klienten der Pro Infirmis ausgestellt. Bemerkenswert sind etwa die Frauenfiguren aus Ton von Susanna Schläfli aus Horriwil, die Filzstiftzeichnungen von Lukas Benkler aus Zuchwil, oder die 21-teilige Komposition von Simu Arn, Wangenried. Es sind drei- bis vierzeilige Gedichte und Textfragmente in einem Rahmen aus lila- und rosafarbenen handgeschöpftem Papier: «schisspapiir schöpfe / muesch / drücke drücke drücke / so `ne seich isch das» oder «dr tooni / dä verschtooni / dä verschooni / dä verschlooni / nid!»

Behinderte integrieren

Nicole Monard und Maja Bolliger (Pro Infirmis) und Andreas Koeninger (Rodania) haben «Keine andere Kunstausstellung» organisiert. In den Ateliers und Werkräumen der Tagesstätten entstehen die unterschiedlichsten Arbeiten. «Bei uns bestimmen die Teilnehmenden weitgehend selbst, was sie machen wollen», so Monard. «Vorstellungskraft und kreatives Mitdenken unsererseits sind lediglich da gefragt, wo es etwa um das Angebot von Materialien oder um die Gestaltung einer geeigneten Arbeitsumgebung geht», ergänzt Bolliger. Wichtig sei ihnen, die Talente der Menschen zu würdigen. Inklusion steht für die Organisatoren bei dieser Ausstellung im Vordergrund. «Die meisten unserer Klienten wurden von klein an separiert. Das hier ist für sie eine riesige Sache. Sie gehen gern unter die Leute, denn das Leben findet ausserhalb ihres geschützten Wohn- und Arbeitsraums statt.» Inklusion müsse man aktiv gestalten. Die Vernissage scheint ein gelungener Moment von Inklusion zu sein. Die 60 Besucher zeigen Interesse, suchen das Gespräch und reagieren mit Freude auf die Ausstellung.

Ausstellung bis 10. Februar 2019.

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