Freie Sicht aufs Nebelmeer im Mittelland und vereiste Waldwege: der Ritt zum Gemeindehaus in Kammersrohr hatte seinen Reiz, war aber auch gefährlich, zumindest für einen Flachländer und in der Nacht. Wer bei Tageslicht durch die Kleinstgemeinde Kammersrohr fährt, landet bald einmal in einem Nachbardorf und fragt sich, wo Kammersrohr ist, denn einen Dorfkern hat die Streusiedlung nicht.

Doch wen kümmert das im Wohnzimmer im Gemeindehaus. Dieses ist vermietet, verbunden mit der Auflage, dass die Gemeindeversammlungen eben im Wohnzimmer stattfinden. Das Gemeindehaus ist zudem eine formidable Ertragsquelle der Gemeinde und bringt aktuell jährlich mehr als 15 Prozent der Gesamterträge. Das war auch schon anders. Die Zeiten, als die Steuereinnahmen sprudelten sind aber vorbei, sprich die Steuerzahler in Rente oder sonst wo. Angehäuft wurde ein Vermögen, da würde Solothurn grün vor Neid. Gegen fünf Mal der Jahreshaushalt schlummert im Gemeindetresor, natürlich nur symbolisch. Alleine das Gemeindehaus ist im Finanzvermögen mit 371'203 Franken bewertet.

Von ihrem Vermögen müssen heute die Kammersrohrer zehren und tilgen damit die Aufwandüberschüsse, falls denn wirklich welche entstehen. Für 2018 ist ein solcher von 23'984 Franken prognostiziert, dies bei einem Aufwand von 147'748 Franken. Investiert wird im kommenden Jahr kein Rappen. Gerechnet wurde mit einem gleich bleibenden Steuersatz von 65 Prozent für natürliche und für juristische Personen. Die reiche Gemeinde muss in den kantonalen Finanzausgleich einzahlen. 2018 sollen es 10'200 Franken sein. Im Budget 2017 wurden noch 18'100 Franken angenommen. «Das zeigt, dass die Steuerkraft der Gemeinde abnimmt», erklärte Isabella Howald, die nicht nur für Feldbrunnen-St. Niklaus sondern auch für Kammersrohr die Finanzen erledigt.

Gemeindepräsident Ueli Emch nahm den Faden auf und sagte den sieben anwesenden Stimmberechtigten: «Wir brauchen eine Lösung, aber momentan fahren wir weiter wie bisher.» Er wies darauf hin, dass steuerkräftigere Einwohner eine Lösung wären, was aber Zeit brauche. Die Versammlung genehmigte einstimmig das Budget und den unveränderten Steuersatz.

Vertrag «start.integration»

Im letzten Moment wurde noch ein Geschäft in die Traktandenliste aufgenommen. Der Kanton will, dass jede Gemeinde im Projekt «start.integration» eine Ansprechperson für fremdländische Zuzüger hat. «Im unteren Leberberg macht es aber keinen Sinn, dass jede Gemeinde für sich schaut», so Emch. Diese Aufgabe wollen die Gemeinden unter der Führung von Hubersdorf gemeinsam bewältigen. Der Vertrag sieht für Kammersrohr eine Kostenpauschale von 500 Franken vor. «Ich intervenierte, weil ich eine pauschale Abgeltung für unsere Gemeinde nicht sinnvoll finde», erklärte Emch den Anwesenden. Nun sei das Ganze etwas ins Stocken geraten, dabei müsse zeitig eine Lösung gefunden werden, will man vom Honigtopf Kanton profitieren. Die Gemeindeversammlung gab den drei Gemeinderäten die Erlaubnis für Verhandlungen. Angestrebt wird eine Lösung mit einer Bezahlung nach Aufwand.

Neue Fahne

Im Varia erfuhren die Kammersrohrer, dass Gisela Spillmann, die Frau des frühzeitig verstorbenen Gemeindepräsidenten Terry Spillmann, die von Sturmwinden zerfetzte Gemeindefahne auf eigene Kosten ersetzte. Ueli Emch dankte ihr zudem mit einem Präsent dafür, dass der Gemeinderat nach wie vor in ihrer Stube Unterschlupf findet. Danach klang der Abend im Gemeindewohnzimmer bei Wein und feinen, mitgebrachten Süssigkeiten aus.