Umfrage
Die Hilfe zu Krisenzeiten im Dorf funktioniert – die Nutzung ist jedoch unterschiedlich

Nach der Ausrufung der «ausserordentlichen Lage» entwickelten die Solothurner Gemeinden rasch Hilfsangebote für besonders gefährdete Personen. Diese Zeitung ging der Frage nach, wie ausgiebig das Angebot in den Gemeinden genutzt wird.

Patric Schild
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Guido Christ aus Bellach, zur Risikogruppe gehörend, organisiert von zu Hause aus die Coronakrisenhilfe im Dorf.

Guido Christ aus Bellach, zur Risikogruppe gehörend, organisiert von zu Hause aus die Coronakrisenhilfe im Dorf.

Urs Byland

Die Schweizer Bevölkerung ist angehalten sich, wenn möglich, nur noch zu Hause aufzuhalten. Vor allem besonders gefährdete Personen wie ältere Menschen sollen das Haus lediglich in äussersten Notfällen verlassen und den Kontakt zu Mitmenschen meiden. Dies stellte die Betroffenen vor zusätzliche Hürden.

Schnell erfasste jedoch eine Welle der Solidarität die Schweiz. So auch im Kanton Solothurn. Spontane Hilfsangebote wurden von Einzelpersonen, Gruppierungen und Vereinen auf die Beine gestellt. Es dauerte nicht lange, dann hatten auch die Gemeinden die Idee aufgegriffen. Von der grösseren Agglomerationsgemeinde bis zum kleinen abgelegenen Dorf – vielerorts sind die Behörden aktiv geworden. Sie fungieren als Drehscheiben, um Angebot sowie Nachfrage zusammenzubringen und zu koordinieren. So, dass jene Menschen, welche keine Möglichkeit haben auf privat organisierte Nachbarschaftshilfen zurückzugreifen, über die Gemeindeverwaltungen mit freiwilligen Helferinnen und Helfern in Kontakt treten können. Doch wie ausgiebig werden die Angebote überhaupt genutzt? Eine Nachfrage bei verschiedenen Gemeinden im oberen Kantonsteil zeigt ein durchzogenes Bild.

Auf bestehende Strukturen zurückgreifen

In unmittelbarer Stadtnähe bei Bellach werden Helfende wie auch Hilfesuchende an den «Freiwilligendienst» unter der Leitung von Guido Christ ver- wiesen. Das Projekt startete
bereits 2009 und wurde aufgegleist, um Spitexpatienten zusätzlich mit Käfele, Einkaufen und kleinen Dingen zu betreuen. Jetzt hat die Freiwilligentruppe den Lead in Sachen Nachbarschaftshilfe in Bellach übernommen.

Im Moment werden 18 Personen unterstützt und es werden täglich mehr. «Wir sind aber in der glücklichen Lage, dass wir über genügend Reserven verfügen», sagt Christ. Denn 28 Bellacherinnen und Bellacher haben sich bisher für den Freiwilligendienst gemeldet. Dies unter anderem auch dank einer Flyer-Aktion durch die Gemeinde. Vor allem Junge würden erfreulicherweise zuhauf ihre Hilfe anbieten. Dennoch betont Christ, dass man nie genug helfende Hände haben kann. Lebensmittel einkaufen und Medikamente besorgen, gehören derweil zu den Haupttätigkeiten.

Anfragen für Fahrdienste gibt Christ an Profis weiter

Anfragen betreffend Fahrdienste musste Guido Christ hingegen eine Absage erteilen.
Zu gross sei das Risiko, da der Sicherheitsabstand von zwei Metern nicht eingehalten werden könne. Hier verweist Christ die Betroffenen lieber ans Rote Kreuz oder an die Turben Garage, welche kleine Busse vermietet, weiter.

Wir sind aber in der glücklichen Lage, dass wir über genügend Reserven verfügen.

(Quelle: Guido Christ, Bellach)

Apropos Flyern. Dies hat sich auch in anderen Gebieten des Kantons bezahlt gemacht, etwa im äusseren Wasseramt. Die Gemeinde Aeschi kann dadurch auf einen Pool von 25 Freiwilligen zurückgreifen. Aktuell nimmt erst eine Person Hilfe in Anspruch. So lauten zumindest die offiziellen Zahlen. Gemeindeschreiber Walter Sommer vermutet jedoch, dass sich in der kleinen, ländlichen Gemeinde viele Einwohner selber organisieren. Frei nach dem Motto: Man kennt sich eben im Dorf.

Ähnlich sieht es im Unterleberberg aus. Im eher abgelegenen Hubersdorf mit seinen
vielen Einfamilienhäusern ist zwar eine Seniorenbeauftragte im Einsatz, welche den Kontakt zur älteren Bevölkerung aufrechterhält und dieser regelmässig den Puls fühlt. Auch einige Helfende würden bereitstehen, um allfällige Aufgaben zu übernehmen. Allerdings besteht von Seiten der betroffenen Bevölkerungsschichten bisher noch kein Bedarf, direkt auf die Hilfe der Gemeinde zurückzugreifen.

Negative Reaktionen auf Hilfsangebot

Selbst in Buchegg, das über ein weit verzetteltes Gemeindegebiet mit insgesamt zehn
Ortsteilen und eher dürftige öffentliche Verkehrsmittel verfügt, bestätigt sich der Trend zur Selbstorganisation in den Dörfern. Wiederum nur eine Person hat das Angebot der Gemeinde in Anspruch nehmen müssen. «Da keine Hilferufe kommen, gehen wir davon aus, dass die Nachbarschaftshilfe auch ohne unser Zutun funktioniert», erklärt Gemeinde- schreiberin Daniela Seiler.
Ausserdem wisse sie von mindestens einer Familie aus dem Ortsteil Bibern, welche von sich aus aktiv wurde und nun die Einkäufe für zwei bis drei weitere Familien tätige.

Nicht überall wird das Verhalten der Bevölkerung jedoch so positiv aufgefasst wie von den Behördenmitgliedern in den ländlichen Gebieten. «Es ist erschreckend», fasst Chantal Oberson die Lage in Gerlafingen kurz und knapp zusammen. Obschon sie vor rund zwei Wochen eine regelrechte Informationsflut mit Social-Media-Aufrufen und mehreren Flyer-Aktionen in der Gemeinde gestartet hat, macht sich bei der Lehrerin allmählich Resignation breit.

Ich finde es einfach sehr schade, dass sich die Leute der Gefahr teilweise noch immer nicht bewusst sind.

(Quelle: Chantal Oberson, Gerlafingen)

Zwar zeigt sich auch hier, dass eine grosse Menge an Freiwilligen – wiederum viele Junge – mithelfen möchte. Doch die Betroffenen würden sich kaum für das Hilfsangebot interessieren, und wollen stattdessen noch immer alles auf eigene Faust erledigen. «Wenn ich in Gerlafingen einkaufen gehe, dann sehe ich überall Leute aus der Risikogruppe», erklärt Oberson. Auf die Tragweite ihres Handelns angesprochen, seien die Betroffenen nie um eine Ausrede verlegen. Oder aber sie würden abweisend reagieren. «Wenn es mich erwischt, dann ist es halt so», ist eine Aussage, die Oberson ebenfalls des Öfteren zu hören bekommt. Sie hegt den Verdacht, dass die Thematik, trotz grosser medialer Aufmerksamkeit, für viele noch immer
zu wenig greifbar ist. «Ich finde es einfach sehr schade, dass sich die Leute der Gefahr teilweise noch immer nicht bewusst sind», so die Lehrerin.