Jubiläum
«Die Fusion war klar eine Zweckehe»

Vor zehn Jahren starteten Riedholz und Niederwil ihr gemeinsames Abenteuer, aber Liebe ist etwas anderes.

Urs Byland
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10 Jahre Fusion Riedholz und Niederwil

10 Jahre Fusion Riedholz und Niederwil

Solothurner Zeitung

Er war der Übergangsgemeindepräsident von Niederwil. Jürg Tucci, heute beim Kanton tätig. Vor über elf Jahren wurde er Gemeindepräsident mit dem selbst gesteckten Ziel, Niederwils Eigenständigkeit zu beenden. Fusionsbemühungen mit den Nachbargemeinden scheiterten kurz zuvor. Dann versuchte es Tucci mit Riedholz.

Der damalige Gemeindepräsident von Riedholz, Peter Kohler, kann sich ebenfalls erinnern. Eine Fusion im grösseren Rahmen im Unterleberberg stand lange vor der Fusion von Niederwil und Riedholz zur Diskussion. «Wir haben das seinerzeit diskutiert im Projekt Lebendiger Unterleberberg», erinnert sich Kohler. Diese Idee sei seinerzeit schubladisiert worden. «Es folgten die Gespräche von Niederwil mit den drei Gemeinden Balm, Günsberg und Hubersdorf, die ja auch scheiterten.» Riedholz sei damals auch angefragt worden, sei aber nicht bereit gewesen für eine Grossfusion. «Wir hätten als grösste Gemeinde den Leadership übernehmen müssen, das war uns aber nicht so geheuer.» Nachdem Jürg Tucci zum Gemeindepräsidenten von Niederwil gewählt wurde, habe dieser bald das Gespräch mit ihm gesucht und angefragt. «Sie suchten einfach einen Anschluss, quasi als Quartier von Riedholz.»

Es war keine Heirat gleichwertiger Partner. Die Niederwiler suchten die Fusion, und Riedholz stemmte sich nicht dagegen. Am deutlichsten zeigt sich dies im Dorfnamen. Niederwil ist vollständig eingemeindet. Eigentlich kam es einer Kapitulation gleich, aber die Zustimmung war überwältigend. «An der Urne wurde die Fusion mit deutlichem Mehr angenommen», erinnert sich Tucci an den Niederwiler Abstimmungsresultat Ende Oktober 2010. Das Stimmenverhältnis betrug fast drei zu eins (73,4 Prozent Ja). Auch die Riedhölzer stimmten klar für eine Fusion, wenn auch mit geringerer Deutlichkeit. Hier votierten 61,7 Prozent für die Fusion.

Niederwiler sind in den Behörden willkommen

«Die Fusion ist heute in Niederwil kein Thema mehr», erklärt Jürg Tucci. «Und diejenigen, die extrem dagegen waren, sind es wahrscheinlich auch heute noch.» Er, wie auch andere Niederwiler, helfen in Kommissionen mit oder wirken als Delegierte. Einzig im Gemeinderat von Riedholz fehle eine Vertretung aus Niederwil. «Die Parteienlandschaft war schon vor zehn Jahren in Niederwil kaum vorhanden. Ich bin als Parteiloser Gemeindepräsident geworden. Deshalb, denke ich, ist die Einbindung ins politische System eher schwierig.» Wer aber wirklich wolle, der würde ein Mandat erhalten, ist Tucci überzeugt. «Am Ende muss es aber eben auch jemand wollen.»

Kommunale Instanzen seien in Niederwil kaum mehr vorhanden. «Wir haben noch eine Gugge und einen Motorradclub. Aber der Gemischte Chor beispielsweise hat sich aufgelöst.» Die fehlende direkte Verbindung zwischen Niederwil und Riedholz, was vor zehn Jahren noch ein Thema war, beurteilt Tucci heute als unnötig. «Wollen wir deshalb eine intakte Naturlandschaft zerschneiden?» Der Umweg über Hubersdorf sei zeitlich vernachlässigbar.

Bedenken wurden seinerzeit auch geäussert wegen der Feuerwehr oder der Wasserversorgung. Tucci wischt diese vom Tisch. «Heute sind wir in grösseren Verbünden im Unterleberberg bestens unterwegs. Etwa in der Wasserversorgung oder in der Schule.» Das seien komplexe Gebilde, die von einer Gemeinde kaum noch zu unterhalten seien. Deshalb ist für ihn auch klar: «Das Thema Fusion hat im Unterleberberg seither etwas pausiert, aber es wird wieder zu einem Thema werden.»

«Die Fusion hat keine grossen Wellen geworfen»

«Es war klar eine Zweckheirat», urteilt heute Peter Kohler. Die Fusion habe damals in Riedholz keine grossen Wellen geworfen und tue dies auch heute nicht. «Wir haben das sauber politisch abgehandelt. Für uns stellte sich die Frage, ob wir ein zusätzliches Quartier mit rund 400 Einwohnern aufnehmen können. Dazu waren wir, betrachtet man die Infrastruktur, in der Lage. Das war für uns kein Problem und ging locker über die Bühne.» Auch wenn, geografisch betrachtet, Niederwil eher ein Quartier von Günsberg sei. Die fehlende direkte Verbindung, seinerzeit ein Anliegen von ihm, störe ihn nicht mehr. Aber etwas enttäuscht ist Kohler schon, weil Niederwil nicht im Gemeinderat vertreten ist. «Das Engagement würde ich mir schon noch wünschen.»

«Niederwils Bevölkerung stärker einbinden»

«Niederwils Bevölkerung stärker einbinden»

Eigentlich plante der Gemeinderat von Riedholz, das Jubiläum angemessen in den Ortsteilen zu feiern. Aber Corona macht der Planung einen Strich durch die Rechnung. «Aufgeschoben ist nicht aufgehoben», meint Gemeindepräsidentin Sandra Morstein. Sie hoffe sehr, dass sie auf Gemeindeebene bald die Planung wieder aufnehmen können. Mit dieser Aufgabe sei die Kulturkommission betraut worden.

Bei ihrem Rundgang durch die Niederwiler Quartiere im Zuge des Wahlkampfes um das Gemeindepräsidium sei die Fusion verschiedentlich thematisiert worden. «Der Sinn wurde dabei nicht grundsätzlich infrage gestellt. Es wurde bedauert, dass Riedholz doch ‹weit weg› sei. Dies ist, glaube ich, auch nach zehn Jahren noch bei einigen Einwohnerinnen und Einwohnern die Empfindung», so Morstein. Sie habe dann immer darauf hingewiesen, dass sie die Teilnahme an den Gemeindeversammlungen und Anlässen oder einer Mitwirkung in einem Gremium empfehlen könne. Die meisten seien jedoch nach ihrem Empfinden zufrieden mit ihrem Wohnort, «der ja viele Vorzüge bietet». Die Fusion habe für Niederwil auch Vorteile gebracht, wie zum Beispiel eine verbesserte Infrastruktur. Von Seiten der Riedholzer Bevölkerung habe sie keine Rückmeldungen zu diesem Thema erhalten.

Mit Blick auf die Zukunft wünsche sie sich als Gemeindepräsidentin, dass beide Ortsteile so gut wie möglich zusammen wachsen, «wie auch später mit dem Ortsteil Attisholz». Dies sei aufgrund der räumlichen und topografischen Entfernung eine Herausforderung. «Es wird schwer vollständig zu erreichen sein. Mein Ziel ist es jedoch, die Niederwiler Bevölkerung stärker einzubeziehen in die Gremien und Entscheidungen der Gemeinde und den Austausch zu fördern, zum Beispiel bei gemeinsamen Anlässen.» Zudem suche man aktiv für die kommenden Gemeinderatswahlen in Niederwil nach interessierten Personen. «Ich würde mich freuen, wenn es uns gelingen würde, die Vertretung von Niederwil im Gemeinderat und den Kommissionen zu verbessern.» Sie rufe nochmals dazu auf, sich bei Interesse zu melden. Ein weiteres Ziel sei die Verbindung der Dorfteile durch den öffentlichen Verkehr. Diese müsse in den laufenden Diskussionen verbessert werden.