Bellach
Die beiden Kandidaten fürs Gemeindepräsidium im Duell

Martin Röthlisberger (SP) und Roland Stadler (FDP) wollen Nachfolger des zurücktretenden Gemeindepräsidenten Anton Probst (FDP) werden. Am 14. Juni treten sie zur Wahl an.

Christof Ramser
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«Meine Aussensicht tut der Gemeinde gut», sagt Martin Röthlisberger (l.). «Ich habe keine Interessen zu vertreten», entgegnet Roland Stadler.

«Meine Aussensicht tut der Gemeinde gut», sagt Martin Röthlisberger (l.). «Ich habe keine Interessen zu vertreten», entgegnet Roland Stadler.

Hanspeter Bärtschi

Roland Stadler, vor der Wahl des Gemeindepräsidenten haben Sie mit dem Gemeinderat aus dem Vollamt ein Halbamt gemacht. Ist es eine verlockende Aussicht, ein «halber» Gemeindepräsident zu sein?

Roland Stadler: Ich werde kein halber, sondern ein ganzer Gemeindepräsident sein. Mit einem Arbeitspensum von 50 bis 60 Prozent. Ich habe schon früher gedacht, dass es möglich ist, das Präsidium im Halbamt zu führen. Das ist eine verlockende Aussicht.

Martin Röthlisberger, Sie hätten gerne ein höheres Pensum gehabt. Ist ein Halbamt für Bellach realistisch?

Martin Röthlisberger: Ich habe immer gesagt: Falls das Pensum reduziert wird, muss dies der Verwaltung und der Bevölkerung dienen. Ich war schon erstaunt, wie der Gemeinderat das nun gemacht hat. Ich vermute, dass man keinen Kandidaten aus den eigenen Reihen für ein Vollamt gefunden hat. Darum wurde das Pensum reduziert. Ich bin nicht unglücklich darüber, dass die Verwaltungs- von der Führungsaufgabe getrennt wird. Ich frage mich aber, ob die Art und Weise, wie der Entscheid zustande kam, seriös war.

Stadler: Ich sehe nicht, was daran nicht seriös sein soll. Für mich war aber klar, dass ich mich für ein Vollamt wohl nicht beworben hätte.

Was würden Sie beruflich ändern, wenn Sie gewählt würden?

Stadler: Ich würde mein Treuhandbüro weiterbetreiben. Natürlich müsste ich mich anders organisieren. Aber das schauen wir im Sommer an, wenn die Wahlen vorbei sind.

Röthlisberger: So wie das Amt nun aufgegleist ist, kommt es einem selbstständig Erwerbenden entgegen. Das bin ich nicht. Als Abteilungsleiter musste ich für meine Kandidatur die Einwilligung des Gemeinderates von Herzogenbuchsee einholen. Ich könnte als Leiter der Sozialabteilung sicher nicht mehr alle Aufgaben ausführen. Ein kleineres Pensum wäre zwar möglich, aber ob dies der Abteilung, der Gemeinde und dem Team dient, muss geprüft werden.

Die politischen Verhältnisse in Bellach sind eindeutig. Es gibt eine klare bürgerliche Mehrheit. Sind Sie als Sozialdemokrat nicht chancenlos, Herr Röthlisberger?

Röthlisberger: Ich habe es in meinem Leben immer so gemacht: Wenn ich mich für etwas entscheide, dann mache ich es richtig. Diese Wahl ist keine Parteiwahl, sondern eine Persönlichkeitswahl. Ich setze auf meine Kompetenzen und Fähigkeiten und versuche, die Bürgerinnen und Bürger damit zu überzeugen.

Wie holen Sie die Stimmen von SP, Grünen und CVP, Herr Stadler?

Stadler: Am liebsten möchte ich natürlich 100 Prozent der Stimmen, aber das ist unrealistisch. Es geht sicher um die Person. Ich werde in Bellach nicht als Ultralinker angeschaut und werde von dort kaum Stimmen holen. Aber mich kennen viele Leute im Dorf. So habe ich sicher eine Chance, gewählt zu werden.

Sie äussern sich oft pointiert. Haben Sie damit nicht zu viele verärgert?

Stadler: Das ist so. Ich darf nicht erwarten, dass mich alle Leute gerne haben. Aber es ist besser, ich gebe mich so, wie ich bin. Ich muss nicht «everybody’s darling» sein. Ich habe es nicht gerne, wenn etwas vorgespielt wird.

Sie, Herr Röthlisberger, sind im Dorf unbekannt, sind kein «Hiesiger».

Röthlisberger: Ich besinne mich auf meine Qualitäten, auf die verschiedensten Leute zugehen zu können. Da betreibe ich einen grossen Aufwand. Ich lasse mit mir diskutieren. Auch als Gemeinderat muss man die Ohren offen halten, um die Anliegen der Bürger wahrzunehmen. Es ist erstaunlich, wie viele Reaktionen ich in kurzer Zeit von Bellachern erhalten habe.

Was gefällt den Bellachern denn an ihrem Dorf, und was nicht?

 Martin Röthlisberger (55) ist Leiter der Sozialabteilung Herzogenbuchsee. Er ist 2013 aktiv in die Politik eingestiegen, als er auf der Liste der SP Bellach für die Gemeinderatswahlen kandidierte. Letztes Jahr ist er in den Rat nachgerutscht. Röthlisberger hat drei erwachsene Kinder und ist mit Evelyne Röthlisberger-Nussbaumer verheiratet. In der Freizeit betätigt er sich gerne im Garten oder arbeitet handwerklich mit Holz und mit seiner Modelleisenbahn.

Martin Röthlisberger (55) ist Leiter der Sozialabteilung Herzogenbuchsee. Er ist 2013 aktiv in die Politik eingestiegen, als er auf der Liste der SP Bellach für die Gemeinderatswahlen kandidierte. Letztes Jahr ist er in den Rat nachgerutscht. Röthlisberger hat drei erwachsene Kinder und ist mit Evelyne Röthlisberger-Nussbaumer verheiratet. In der Freizeit betätigt er sich gerne im Garten oder arbeitet handwerklich mit Holz und mit seiner Modelleisenbahn.

Hanspeter Bärtschi
 Roland Stadler (59) führt ein Treuhandbüro in Solothurn. Er sitzt seit 1996 für die FDP im Gemeinderat in Bellach und ist Mitglied in diversen kommunalen Kommissionen sowie im Vorstand des Zweckverbands des Schulkreises Bellach-Lommiswil-Selzach. Stadler hat eine erwachsene Tochter und ist verheiratet mit Astrid Stadler-Bosshard. In seiner Freizeit kocht er gerne und ist aktive

Roland Stadler (59) führt ein Treuhandbüro in Solothurn. Er sitzt seit 1996 für die FDP im Gemeinderat in Bellach und ist Mitglied in diversen kommunalen Kommissionen sowie im Vorstand des Zweckverbands des Schulkreises Bellach-Lommiswil-Selzach. Stadler hat eine erwachsene Tochter und ist verheiratet mit Astrid Stadler-Bosshard. In seiner Freizeit kocht er gerne und ist aktive

Hanspeter Bärtschi

Da haben Sie wohl etwas falsch verstanden, Herr Röthlisberger.

Röthlisberger: Nein, das habe ich nicht, sondern die ältere Frau hat das so gehört. Als meine Familie in Bellach eine Wohnung suchte, haben wir auch in den Grederhöfen geschaut. Da hat man nicht gerade positiv von diesem Quartier gesprochen. Ich würde versuchen, Brücken zu bauen zwischen den Leuten im Grederhof und den Quartieren oben im Dorf. Wir sind ein Dorf.

Stadler: Es ist gar nicht so einfach, die Leute in den Grederhöfen abzuholen. Das Dorf ist halt nun mal getrennt durch die Strasse. Auch die verschiedenen Kulturen im Grederhof sind ein Faktor. Das ist schon ein Unterschied zum «alten Bellach». Aber ich würde mich nicht querstellen, die Leute besser zu integrieren. Denn Wünsche, Forderungen und Verpflichtungen haben alle dieselben. Man kann schon versuchen, den Leuten zu helfen. Aber wenn man dort ein Büro einrichtet oder Sozialarbeiter einstellt, dann hat das Konsequenzen. Sinnvoll wäre eher ein Quartierverein. Die Gemeinde kann nur unterstützen, aber am Ende müssen sich die Leute selber organisieren.

Röthlisberger: Es braucht die Initiative der Verwaltung im Sinne einer Quartierentwicklung. Daneben wäre auch viel mit Freiwilligenarbeit möglich. Doch man muss einen Schritt aufeinander zu machen.

Mit Blick auf die Ortsplanungsrevision: Wie soll Bellach wachsen, und wo?

Stadler: Da haben wir nicht viele Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen. Das neue Raumplanungsgesetz schränkt das Wachstum massiv ein. In Bellach Ost wurde Land eingezont. Nun bleibt uns noch zu schauen, dass wir auch im oberen Dorfteil bauen können.

Soll dort die Dorfwiese überbaut werden?

Stadler: Das wäre für mich ein Schreckensszenario. Von mir aus kann das Land dort noch 250 Jahre landwirtschaftlich genutzt werden. Diese Matte muss nicht überbaut werden.

Röthlisberger: Im räumlichen Leitbild haben wir festgehalten, dass wir in den nächsten 20 bis 30 Jahren auf 6000 Personen anwachsen wollen. Ich begrüsse, dass man versucht, verdichtet zu bauen. Das freie Land im Dorf soll bebaut oder ausgezont werden. Ich selber hätte ja auch in Richtung Lommiswil bauen können, wohne aber im Zentrum. Für mich war es schon damals klar, in der Mitte zu wohnen, um sparsam mit dem Boden umzugehen.

Welche Haltung hatten Sie beim heiss diskutierten Recycling Center der Marti AG?

Stadler: Ich erachtete das Recycling Center nie als etwas so Negatives. Mit dieser Haltung waren manche nicht einverstanden, das hat man mir auch zu spüren gegeben. Erschreckend für mich war: Viele sagten, dass Center sei eine gute Sache. Es soll einfach nicht hier gebaut werden. Einige Leute haben sich heftig dagegen engagiert. Es kam zur Abstimmung, die Projektgegner obsiegten. Diesen demokratischen Entscheid akzeptiere ich vollumfänglich. Damit ist das Thema vom Tisch.

Röthlisberger: Als ehemaliger Landschaftsgärtner dachte ich spontan: Wir brauchen diese Bodenwaschanlage. Ich weiss was passiert, wenn einem Trax beim Humusieren der Hydraulikschlauch reisst. Als an der Infoveranstaltung zum Recycling Center aber noch so viele Fragen offen waren, fragte ich mich: Wie wurde das Projekt überhaupt aufgegleist? Die Marti AG konnte mir nicht sagen: Ja, wir kommen nach Bellach und das bringt so und so viel Steuersubstrat. Die unbeantworteten Fragen führten bei mir zu einem Meinungsumschwung. Im Nachhinein bin ich froh, dass das Center nicht gebaut wird.

Steuereinnahmen könnte Bellach brauchen. Die finanziellen Aussichten sind nicht rosig. Herr Stadler, Sie visieren einen Steuersatz von 120 Prozent an. Ist dies angesichts des Finanzplans nicht Wunschdenken?

Stadler: Anvisieren kann man diesen Steuerfuss trotzdem. Unsere Gemeinderechnung 2014 ist eine Million im Minus. Das ist brutal, und das gibt mir zu denken. Ob man deswegen den Steuerfuss anpassen muss, werden wir sehen. Im Moment müssen wir uns fragen, warum wir diese schlechten Zahlen haben. Wir kennen die Entwicklung im jetzigen Zeitpunkt nicht.

Röthlisberger: Ich bin schon erstaunt, dass unser Gemeinderat mit der bürgerlichen Mehrheit solche Defizite einfährt. Und dass es unseren Gemeindefinanzen so schlecht geht. Ich habe im vergangenen Jahr nie gehört, wie sich die Einnahmen und Ausgaben in unserer Rechnung entwickeln. Da bin ich mir von den Verwaltungen, auf denen ich bisher gearbeitet habe, anderes gewohnt. Etwa ein Finanzreporting. Wenn ich von der FDP höre, dass ein Steuerfuss von 120 Prozent zementiert werden soll, ist das in meinen Augen einfach nicht seriös. Denn bis zu 85 Prozent unserer Ausgaben sind fremdbestimmt. Da muss man dem Stimmbürger schon mitteilen, was sich die Gemeinde noch leisten kann. Ich bin überzeugt, dass Bellach den Gürtel enger schnallen muss.

Stadler: Schön zu hören, dass wir mit dem Stimmbürger reden müssen, das sehe ich auch so. Das jetzige Problem ist der Knick von einer Million bei den Steuereinnahmen der natürlichen Personen. Dies war so nicht vorhersehbar. Die 120 Prozent basieren auf dem aktuellen Finanzplan, der aufzeigt, dass wir damit durchkommen sollten.

Röthlisberger: Da muss ich intervenieren. Letztes Jahr wurden bei der Bildung einfach so 60 000 Franken gespart. Und genau solche Sachen werden passieren. Ich wehre mich gegen eine wilde Sparorgie. Man muss den Bürger fragen: Willst du die Leistungen noch, und bist du bereit, sie zu zahlen? Das kann dazu führen, dass man sogar die Steuern erhöhen muss.

Stadler: Der Bürger wird kaum sagen, wir erhöhen die Steuern. Das wird erst möglich sein, wenn es anfängt, wehzutun. Und zum Vorwurf der wilden Sparübung: In diesem Fall wäre jede Einsparung eine wilde Sparübung. Ich habe nie gesagt, ich will stur bei 120 Prozent bleiben. Mein Ziel ist es, den Steuerfuss so tief wie möglich zu halten, damit diese Gemeinde noch funktionieren kann.

Bei der Finanzlage ist es ja nicht gerade der ideale Zeitpunkt, Gemeindepräsident zu werden.

Röthlisberger: Ich nehme die Herausforderung an. Wichtig ist, dass der Gemeinderat regelmässig informiert, wie sich die Finanzen entwickeln. Damit man bei Kreditbegehren schon unter dem Jahr reagieren kann. Es hat mich erstaunt, dass man dazu im letzten Jahr nichts gehört hat. Uns fehlen Ende 2014 2,2 Millionen in der Kasse. Diese müssen gemäss neuem Rechnungslegungsmodell HRM2 innerhalb von fünf Jahren abgebaut sein. Das heisst: Entweder gibt die Gemeinde pro Jahr 400 000 Franken weniger aus oder nimmt 400 000 Franken mehr ein.

Wie stehen Sie zu einer Gemeindefusion?

Stadler: Wenn es sinnvoll ist, kann eine Fusion immer ein Thema sein. Beim Fusionsprojekt mit Solothurn und Umgebung war der Einsatz allerdings verlorene Liebesmüh. Es gab und gibt noch sehr viele Fragezeichen, und das ist der Grund, warum wir es abgelehnt haben. So lange ich auf der Gewinnerseite bin, habe ich Freude an einer Fusion. Bin ich auf der Verliererseite, bin ich nicht sehr begeistert.

Röthlisberger: Ich war an der Fusion zwischen Herzogenbuchsee und Oberönz beteiligt. Diese Fusion war sinnvoll, weil wir die Verwaltung zusammenlegen konnten und effizienter wurden. Schwieriger war es, die Leute zusammenzubringen. Ich persönlich ziehe die Zusammenarbeit zwischen Gemeinden einer Fusion vor. Zum Beispiel bei der EDV gäbe es viel Sparpotenzial.

Stadler: Das Problem ist, dass man nicht weiss, wie sich Fusionen entwickeln. Je grösser eine Organisation ist, desto mehr Kosten zieht sie nach sich. Das sieht man bei der Sozialregion Mittlerer und Unterer Leberberg.

Röthlisberger: Da muss ich reagieren. Ich habe auch gehört, dass der Sozialdienst günstiger war, als er kommunal organisiert war. Aber das kantonale Sozialgesetz forderte auch eine Professionalisierung. Und dies hat seinen Preis. Mich stört, dass in den Tabellen unserer Gemeinderechnung nur die Kostenentwicklung im Sozialbereich abgebildet wird. Aber wir zahlen zum Beispiel der Perspektive für präventive Arbeit rund 90 000 Franken. Wenn wir dies herunterrechnen, sind das pro Tag und Einwohner nur noch fünf Rappen.

Stadler: Diese Aussage macht mich gleich «grumschelig». Jeder, der etwas will, bricht die Gesamtkosten auf den Tag und den Einwohner herunter. Am Schluss kommen viele solcher Kosten zusammen und geben einen grossen Brocken. Professionalisierung kostet extrem viel, weil wir überhaupt nichts mehr zu sagen haben.

Röthlisberger: Es gibt ein kantonales Gesetz als verpflichtende Grundlage, das muss man dem Bürger immer wieder sagen.

Nun sind es noch zweieinhalb Wochen bis zur Wahl. Wie wollen Sie die Unentschlossenen abholen?

Röthlisberger: Ich suche den Kontakt zur Bevölkerung, zum Gewerbe und den Institutionen. Ich betreibe eine moderate Politik. Mein Vorteil ist: Ich bin nicht an Interessen gebunden und kann das Amt frei ausüben. Meine Aussensicht tut der Gemeinde gut. Ich bin nicht in Vereine eingebunden.

Stadler: Ich sehe das nicht so eng bezüglich Aussensicht und Innensicht, obwohl ich schon lange im Gemeinderat mitwirke. Ich habe auch keine Interessen, die ich vertrete. Der Backhüsliverein ist ja wohl keine politische Macht im Dorf. Der Gemeindepräsident ist für alle da.

Falls Sie nicht gewählt werden: Bleiben sie Gemeinderat?

Stadler: Das kann ich heute noch nicht sagen. Es kommt auf das Resultat an.

Röthlisberger: Ganz klar: Ich wurde für vier Jahre gewählt und bleibe Gemeinderat.

Podiumsdiskussion: Morgen Donnerstag findet im Turbensaal Bellach ein Podiumsgespräch mit den beiden Kandidaten statt. Moderation: Christof Ramser (Solothurner Zeitung). Der Anlass ist öffentlich und beginnt um 19.30 Uhr.