Auf den Tag genau 36 Jahre lang arbeitete Jürg Misteli als Kreisförster im Wasseramt, später kam auch Solothurn dazu. Am Freitag wird er offiziell pensioniert. Viel hat sich in diesen 36 Jahren an der Arbeit im Wald verändert. Geblieben ist Mistelis Liebe zum Wald. «Wer den Wald nicht gern hat, der kann nicht im Wald arbeiten und der wird auch keinen Erfolg haben», meint er. Neben der Liebe zum Wald braucht es auch Geduld. «Es braucht die Arbeit einer Generation, damit Veränderungen sichtbar werden.»

Jürg Misteli ist über die Matura und das Studium als Forstingenieur an der ETH zu seiner Arbeit als Kreisförster gelangt. Vorher musste er allerdings ein Jahr lang während eines Praktikums selbst im Wald Hand anlegen. «Das war damals Wahlvoraussetzung», so Misteli. Vor 36 Jahren hat Misteli noch mehr als die Hälfte seiner Arbeitszeit im Wald verbracht. Dass man ab und zu auf einen Schnaps eingeladen wurde, bevor man sich so richtig an die Arbeit begab, war durchaus möglich. Schnaps wird heute bei der Arbeit im Wald kaum mehr getrunken, und die Zeit, die ein Kreisförster tatsächlich noch im Wald verbringt, hat sich auf 20 Prozent reduziert. «Das ist auch eine Folge der Digitalisierung», so Misteli. «Zudem lässt sich heute vieles per Telefon erledigen, weil das Natel immer mit dabei ist.»

Interessen besser wahrnehmen

Die Arbeit im Wald geht heute auch sonst schneller von der Hand, als vor 36 Jahren. Das hat vor allem mit den Maschinen zu tun, die eingesetzt werden können. Zudem wurden die Forstbetriebe zusammengelegt. Damit gibt es weniger Kontaktpersonen und weniger Koordinationsbedarf. «Aber das Ziel all derjenigen, die im Wald arbeiten, ist immer noch dasselbe. Wir wollen gesunde und widerstandsfähige Wälder haben, die eine hohe Wertschöpfung bringen und auch als Lebens- und Erholungsraum dienen.»

Gerade die Wertschöpfung ist aber weniger geworden. Mit Holz lässt sich kaum mehr Geld verdienen. Für Misteli ist klar, dass die Besitzer ihre Interessen im Wald wieder stärker wahrnehmen müssen und sich auch vermehrt politisch zugunsten des Waldes einsetzen sollten. «Der Holzpreis lässt sich schwer verändern. Aber die Waldbesitzer können anderweitig Geldquellen suchen», meint Misteli. Ein Stichwort ist für ihn beispielsweise das Thema Schnitzelheizungen. Solche sollten vermehrt auch in öffentlichen Gebäuden durch die Waldeigentümer realisiert werden.

Wald ist heute strukturreicher

Der Wald werde künftig wohl noch stärker durch Erholungsuchende genutzt als heute. Das Zivilgesetzbuch regle das freie Betretungsrecht für alle. Solange der Wald keinen Schaden nehme, seien auch die Konflikte zwischen den Nutzergruppen klein. «Ich stelle aber oft fest, dass vielen nicht klar ist, dass der Wald Eigentümer hat», so Misteli. «Den Erholungssuchenden, ist oft nicht bewusst, dass der Wald einen Besitzer hat, der die Waldwege unterhält und über den Ertrag aus der Holzernte finanziert. Oft gibt es auch Schutzzonen für Quellen im Wald, die damit verbundenen Auflagen und Mehrkosten werden vom Eigentümer getragen. Die Bevölkerung muss sich bewusst werden, dass sie den Wald nur nutzen kann, weil die Waldeigentümer sich um den Wald kümmern.»

Der Wald habe sich in den letzten Jahren positiv verändert. Er sei heute strukturreicher und damit auch wertvoller. So würden auch mehr verschiedene Lebewesen ihren Platz finden. Kürzlich erstellte er im Äusseren Wasseramt die waldbauliche Planung und freute sich an der Regenerationskraft des Waldes, der Vielfalt an Baumarten, den abwechslungsreichen Strukturen sowie dem Wechsel der Lichtverhältnisse. «Der Wald kann dank der Weitsicht des Gesetzgebers und der Umsetzung der Vorschriften durch den Waldeigentümer und den Forstdienst den wertvollen Rohstoff Holz produzieren und gleichzeitig zum wichtigsten Lebens- und Erholungsraum werden.»

Trotz modernen Hilfsmitteln und Maschinen ist die Arbeit im Wald auch heute noch gefährlich. Immer wieder verunglücken Förster und Forstwarte. «Das sind denn auch Ereignisse, die einem sehr nahe gehen und die einiges relativieren», so Misteli. Die körperliche Belastung sei hoch und nur die wenigstens können bis zur Pensionierung im Wald arbeiten. «Nur die Kreisförster und die Regierungsräte, die das Volkswirtschaftsdepartement leiten, werden alt», so Misteli mit einem verschmitzten Lächeln. Tatsächlich leben alle sieben Regierungsräte, die er als Chef erlebte, heute noch.

Nachfolge bereits eingearbeitet

Alles was Jürg Misteli vor seiner Pensionierung noch beenden wollte, hat er beendet. Als Letztes hat er den Waldwirtschaftsplan für die Gemeinden des Äusseren Wasseramts fertiggestellt. Sein Büro ist aufgeräumt und bereit für seine Nachfolgerin. Sie arbeitet bereits seit eineinhalb Jahren im Amt für Wald, Jagd und Fischerei und betreut den Forstkreis Bucheggberg/Lebern. Im Rahmen eines Sparprogramms des Kantons war beschlossen worden, die Forstkreise dereinst zusammenzulegen. Dafür wurde der Stab im Forstamt ausgebaut, was die Revierförster von gewissen Arbeiten entlastet.

Zu Beginn seiner Tätigkeit hatte Jürg Misteli 14 Förster in 14 Revieren, mit denen er sich absprechen musste. Seine Nachfolgerin Daniela Gurtner hat nur noch einen Ansprechpartner pro Bezirk. «Wir haben gerne mitgeholfen, die neuen Strukturen zu schaffen und die Waldbesitzerverbände zu gründen», so Misteli. Der persönliche Kontakt zu den Leuten, die im Wald arbeiten, sei trotzdem nach wie vor wichtig. Als Kreisförster sei man Berater für die Waldeigentümer, man müsse aber auch die Aufgaben ausführen, die im Forstgesetz verankert sind.

Das Leben neu organisieren

Jürg Misteli wird auch nach seiner Pensionierung im Wald anzutreffen sein. Er besitzt selbst etwas Privatwald. «Die erste Zeit nach der Pensionierung will ich zudem das Leben gemeinsam mit meiner Frau neu organisieren. Das wird für uns beide ein neuer Lebensabschnitt.» Seine Nachfolgerin wird seine Arbeit nahtlos weiterführen. Sie hat die Forstreviere schon kennen gelernt und will den Austausch mit den Förstern vor Ort im bisherigen Rahmen weiterführen. «Was wohl schon bald neu dazukommen wird, ist einzig der digitale Datenaustausch.» Dies werde aber keineswegs den direkten Kontakt ersetzen, sondern eher die administrativen Angelegenheiten vereinfachen.