Langendorf
Die afghanische Band «White Page» rockt gegen den Krieg in ihrem Land

Hojat Hameed, Reshad Afzali und Maqsood Sadid sind Mitglieder der Band White Page. Einst probten sie in Kabul, jetzt in Langendorf.

Judith Frei
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Marco Naef, Hojat Hameed, Maqsood Sadid und Reshad Afzali (von links) vor ihrem Bandraum in Langendorf.

Marco Naef, Hojat Hameed, Maqsood Sadid und Reshad Afzali (von links) vor ihrem Bandraum in Langendorf.

Michel Lüthi

Das Schlagzeug schallt durch den langen Gang mit den nackten Betonwänden. All paar Schritte sieht man links und rechts die massiven Türen der Luftschutzräume. Aus dem letzten Raum kreischen jetzt zwei Gitarren. Hier, unweit vom Langendorfer Bahnhof entfernt, probt die Band White Page.

Seit Anfang dieses Jahres sind sie in diesem Luftschutzkeller, gegründet wurde die Band aber fast siebentausend Kilometer weiter weg. Genauer in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Das war 2011, als die Musikstudenten Hojat Hameed, Rateb Rhamish und Reshad Afzali mit dem Betriebswirtschaftsstudenten, Maqsood Sadid, angefangen haben, zu musizieren. Und zwar Rock in einem Land, wo die westliche Kultur und Rockmusik nicht akzeptiert sind.

Sogar das Musikmagazin «Rolling Stone» berichtete 2011 über sie, die es wagten in Afghanistan, unter der Herrschaft der Taliban moderne und laute Musik zu spielen. «Unsere Vorbilder waren schon immer Metallica, Foo Fighter und natürlich Nirvana», sagt Maqsood Sadid.

Die Afghanische Rockband White Page in ihrem Proberaum.
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Die Afghanische Rockband White Page in ihrem Proberaum.
Die Afghanische Rockband White Page in ihrem Proberaum.
Die Afghanische Rockband White Page in ihrem Proberaum.
Die Afghanische Rockband White Page in ihrem Proberaum.
Die Afghanische Rockband White Page in ihrem Proberaum.

Die Afghanische Rockband White Page in ihrem Proberaum.

Michel Lüthi/bilderwerft.ch

Erstes Album in Schweden aufgenommen

«Momentan höre ich viel die amerikanisch Band Alter Bridge», erklärt der Gitarrist Hojat Hameed. Der Schlagzeuger Reshad Afzali ergänzt, dass für ihn Dave Grohl – der ehemalige Schlagzeuger von Nirvana und Gründer der Foo Fighters– wichtig sei. Doch erst letzten November konnten sie ihr erstes Album herausbringen. «Wir haben das Album ‹Fuck The War› in Schweden produziert», erklärt Sadid. Denn ihr Bassist Rateb Rhamish wohnt nicht im Kanton Solothurn, sondern im schwedischen Malmö und ein schwedischer Kulturfonds ermöglichte ihnen, acht Lieder aufzunehmen.

In ihrem Album singen sie gegen den Krieg und gegen den Extremismus in Afghanistan an. Einige Lieder auf Englisch, andere wieder auf Dari. Denn diese Sprache ist Teil ihrer Identität und sie wollen so auch zeigen, dass Rockmusik in ihrer Sprache machbar ist.

In einem Lied, das sie in ihrer Muttersprache singen, geht es darum, wie Politiker in Afghanistan von der jetzigen Situation profitieren. «Wir wollen eine Brücke zwischen Kulturen sein», erklärt der Sänger Sadid. «White Page (Weisse Seite) bedeutet, dass es Zeit für etwas Neues ist», sagt Hameed. Nach 40 Jahren Krieg in Afghanistan müssten jetzt friedliche und freie Zeiten anbrechen.

Die Erinnerungen an Afghanistan und dessen Schicksal ist in den Liedern der Rocker zentral. «Stop the war, we don’t want it – stoppt den Krieg, wir wollen ihn nicht», singen sie in einem Lied. Trotz dieses Bezugs zum Heimatland sind sie in der Schweiz zu Hause. 2014 haben sie als Band während einer Europatour in Schweden um Asyl angefragt. Wegen des Dublin-Abkommens mussten sie wieder in die Schweiz zurückkehren, wo ihre Tournee begann. Ihr Bassist war der Einzige, der in Schweden bleiben konnte. «Ich glaube nicht, dass wir bald wieder zusammen spielen können», meint Hameed, der heute froh ist, in der Schweiz zu sein. Momentan spielt der Basler Musiker Marco Naef mit ihnen. «Ich hoffe, dass es eine langfristige Lösung ist», sagt ­Sadid.

Nach sechs Jahren in der Schweiz angekommen

Die drei jungen Männer sprechen untereinander Dari, doch sobald Naef sich einbringen will, wechseln sie zu Schweizerdeutsch. Der 29-jährige Hameed hat soeben seine Uhrmacherlehre als Kantonsbester abgeschlossen. Sadid, der schon in Kabul Betriebswirtschaft studiert hatte, hat diesen Herbst an der Berner Fachhochschule sein Wirtschaftsstudium angefangen und sucht jetzt noch einen Nebenjob. Diesen Sommer hat der 27-jährige Sänger, wie der ein Jahr jüngere Schlagzeuger Afzali, eine KV-Lehre abgeschlossen.

Pläne für ihre Band haben sie schon. «Im Hallenstadion zu spielen, wäre schon cool», meint Afzali verschmitzt. Vorerst wollen sie aber ein Musikvideo machen. Auch ihr erstes Album konnten sie noch nicht richtig bewerben, da dieses Jahr fast keine Konzerte gespielt werden konnten. Das geht bestimmt wieder nächstes Jahr, meinen die drei mit ihrem scheinbar unerschütterlichen Optimismus. Bis es so weit ist, werden sie im Langendorfer Luftschutzkeller für ein besseres Afghanistan ­singen.

Hinweis

Weitere Informationen unter: www.whitepageafg.com