Er ist ein Hüne eines Mannes, der grossgewachsene und kräftige Stephan Grossenbacher aus Derendingen. Wie ein Baum steht er da, der auch beim grössten Sturm seine Wurzeln fest in der Erde verankert behält. Zudem ist er sehr engagiert.

In der Feuerwehr Derendingen ist er Pikettchef und Feuerwehrinstruktor, beim Eishockeyclub Zuchwil Regio in der Nachwuchsförderung als Trainer tätig. Er arbeitet als Informatiker bei der Armee und hat Familie, samt Hund. Sein Alltag lässt keine grossen Verschnaufpausen zu.

Dass gerade er vor ein paar Jahren dem Tod von der Schippe gesprungen ist, kann man sich kaum vorstellen. Einzig seine sehr bedächtige Art lässt eine leise Vermutung aufkommen, dass da etwas war. Seine ganzen Bewegungen und seine Haltung wirken, als ob ihm jemand eine zu grosse Last auf die Schultern geladen hätte. Er hatte MDS, das Myelodysplastische Syndrom, eine Form von Blutkrebs.

Schleichend begann die Krankheit

Der Anfang der Krankheit ist schleichend. Stephan Grossenbacher ist oft erschöpft, braucht sehr viel Schlaf. So sehr, dass er an Wochenenden quasi durchschläft, danach aber trotzdem kaum aus dem Bett kommt. Zudem ist er anfällig auf Infektionen, häufig ist er erkältet oder bekommt Angina. «Ich dachte, das ist einfach zu viel des Guten. Wahrscheinlich mache ich zu viel«, erzählt Grossenbacher.

In den Skiferien im Februar 2011 bricht er ein. Er ist so schwach, dass er kaum ein «Högerli» raufgehen kann. An Skifahren ist nicht zu denken. Er kann kaum schlafen, essen geht auch nicht mehr. Der Appetit ist weg und das, was er noch runterbringt, kann er nicht behalten. Der Magen brennt. Dann der völlige Zusammenbruch. «Zum ersten Mal dachte ich an Krebs. Magenkrebs.»

Noch in den Skiferien sucht er den Arzt auf. Irgendetwas mit dem Blut stimmt nicht. Dann geht alles sehr schnell. Der Hausarzt schickt ihn ins Spital. Auch da wird Blut genommen. Die erschütternde Diagnose nimmt Stephan Grossenbacher noch gelassen. «Es ist ja nur eine Vorstufe von Leukämie.»

Der geschäftige Mann und Familienvater wird aber völlig aus dem Leben gerissen. Am Wochenende kann er noch einmal nach Hause. Darauf meldet er sich bei der Arbeit ab, die Feuerwehrkurse delegiert er. Kurz darauf liegt er im Uni Spital Basel auf der Isolierstation, im hochsterilen Einzelzimmer für die erste Chemotherapie. Auch da realisiert er nicht, wie ernst es um ihn steht. «Was machen die für ein Aufheben, ich habe doch bloss die Vorstufe zu Leukämie.» Es wird eine Knochenmarkpunktion im Becken gemacht, und die Erstdiagnose wird bestätigt.

Sechs Wochen isoliert

Die erste Chemotherapie steht an. Das bedeutet sechs Wochen Isolation. Wegen der Infektionsgefahr darf Stephan Grossenbacher das Zimmer nicht verlassen. «Ich war fast etwas froh, einmal ganz alleine für mich zu sein. Kein Termin, kein Telefon, keiner, der etwas von mir will.» Einziger Draht hinaus ist ein kleiner Laptop mit Internet. Gross reden mag er aber eigentlich gar nicht. Erst später beginnt er, mit seiner Frau Fabiana und seinem Sohn Jannik zu skypen. Sie können nicht jeden Tag nach Basel reisen.

Ein zusätzlicher Lichtblick in dieser Zeit in der Hämatologie des Uni Spitals ist für Stephan Grossenbacher eine quirlige, marokkanische Putzfrau, die täglich bei ihm reinschaut und ihm mit ihrer unbeschwerten Art einen kleinen Moment der Normalität ins Spitalzimmer zaubert.

Die erste Chemotherapie übersteht er überraschend gut. Einzig die Haare fallen aus. Aber das macht ihm nicht viel aus. Das Resultat ist für ihn allerdings niederschmetternd. Denn die Chemotherapie vermag nicht, alle bösartigen Zellen zu eliminieren. Das ist das einzige Mal, wo er eine Baisse erlebt. «Ich bereitete mich innerlich auf den Tod vor und dachte, hoffentlich geht es schnell.» Am meisten bedrückte ihn, dass er seinen Sohn nicht weiter hätte aufwachsen sehen, er keinen Vater mehr gehabt hätte.

Rasantes Tempo

Nach ein, zwei Tagen folgte der zweite Chemozyklus. Dasselbe Spiel von vorne. Dann sind alle bösartigen Zellen weg, aber auch das gesamte Immunsystem ist zerstört. Er verliert alle Haare, die Haut löst sich ab, auch die Fingernägel. Nur die Augenbrauen bleiben. Das Blutbild erholt sich danach aber langsam. Stephan Grossenbacher darf das erste Mal für sechs Wochen nach Hause.

Schon bevor er das Spital verlässt, weiss er, dass er einen Spender für eine Blutstammzellspende hat. Nach sechs Wochen geht er zur dritten und letzten Chemotherapie ins Uni Spital Basel. Wieder ins Isolierzimmer. Die dritte Chemotherapie ist so stark, dass das gesamte blutproduzierende System eliminiert wird. Dann folgt die Blutstammzellspende. Sie rettet sein Leben.

Ein ganzes Jahr braucht er zum Aufbau und Wiederkehren ins normale Leben. Ein Jahr, in dem er unter strenger ärztlicher Kontrolle ist und einen sorgfältigen Ernährungsplan einhalten muss. Er verbringt viel Zeit mit seinem Sohn und mit Hund Sandy: ein Beagle – seine beste Therapie, wie er sagt.

Sie sind gemeinsam unzählige Stunden unterwegs in der freien Natur. Und heute ist er wieder da. Als Feuerwehrmann und Familienvater, als Nachwuchsförderer von jungen Eishockeytalenten und neu auch als engagierter Helfer bei der Suche nach Blutstammzellspendern, die Leben retten.