Zuchwil/Solothurn
Deutsch-Café für Syrer – «Sie lernen von uns und wir lernen von ihnen»

Im Deutsch-Café reden Flüchtlinge mit Schweizern und lernen dabei die Sprache. Es ist eine Brücke zur Schweizer Gesellschaft – und auch zum Quartier.

Urs Byland
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Frank Haupt, Doris Häfliger und Barbara Low (von rechts) unterrichten im sogenannten Deutsch-Café die von Rita Fluri (links) betreuten Flüchtlinge.

Frank Haupt, Doris Häfliger und Barbara Low (von rechts) unterrichten im sogenannten Deutsch-Café die von Rita Fluri (links) betreuten Flüchtlinge.

Hansjörg Sahli

Deutsch lernen ist für die Integration hierzulande entscheidend. Das sagte sich auch Kantonsrätin Doris Häfliger, Zuchwilerin mit Wohnadresse im Lindenhof-Quartier in Solothurn. «In der Hausgemeinschaft diskutierten wir die Aufnahme eines unbegleiteten Minderjährigen, merkten aber rasch, dass wir nicht die entsprechende Betreuungszeit leisten können.»

Heraus kristallisierte sich aber, dass die Hausgemeinschaft in irgendeiner Form zur Integration von Flüchtlingen beitragen will. Ihr Partner Frank Haupt, vor der Pensionierung stehend und zu 50 Prozent bei der Swissaid tätig, meldete sich gleichzeitig als Freiwilliger beim Sozialamt. Er wollte vermehrt in der Schweiz aktiv werden. Haupt wurde weitervermittelt ins Nachbarhaus.

Dort betreut Rita Fluri, Rentnerin und früher Kindergärtnerin, zusammen mit ihrem Mann Oskar zwölf syrische Flüchtlinge. Das Haus gehört dem Sohn Michael Fluri und soll ersetzt werden. Nun wird es zwischengenutzt. Damals waren nicht alle Nachbarn von diesem Vorhaben begeistert. «Sie fürchteten um das schöne Quartier.» Inzwischen haben sich die Wogen aber geglättet.

Eines ergibt das andere

Hier die zwölf jungen Männer aus Syrien und nebenan die Hausgemeinschaft, die im Asylbereich helfen will. Frank Haupt, der seit eh und je im Ausland als Kulturingenieur in der Entwicklungshilfe tätig ist, wurde zum Bindeglied. «Wenn in Solothurn eine Wohngruppe eröffnet wird, sucht das Sozialamt eine Gruppe von Freiwilligen, welche diese Wohngruppe betreut», erklärt er. Im Fluri-Haus bilden Rita und Oskar Fluri, Frank Haupt und Sophie Glutz von Blotzheim die Freiwilligen-Gruppe für die Syrer. «Sie brauchen eigentlich wenig Hilfe, ausser beim Erlernen der Sprache.»

Wer integriert eigentlich, und wie? Viele Menschen reden über Flüchtlinge, trotzdem haben sie nie Kontakt mit diesen Menschen. Die Flüchtlinge sind aber hier und müssen in die Gesellschaft integriert werden. Wie funktioniert Integration? Wir berichten über Menschen aus der Region, die tagtäglich mit Flüchtlingen arbeiten und die Integration leisten. (szr)

Wer integriert eigentlich, und wie? Viele Menschen reden über Flüchtlinge, trotzdem haben sie nie Kontakt mit diesen Menschen. Die Flüchtlinge sind aber hier und müssen in die Gesellschaft integriert werden. Wie funktioniert Integration? Wir berichten über Menschen aus der Region, die tagtäglich mit Flüchtlingen arbeiten und die Integration leisten. (szr)

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Die Hausgemeinschaft hat deshalb ein Deutsch-Café eingerichtet. Dort wird jetzt zwei Mal in der Woche Deutsch gelernt. «Während des Ramadan sind die Syrer in einem anderen Modus», erklärt Doris Häfliger zum Zeitpunkt des Gesprächs. Deshalb bot die Hausgemeinschaft das Café in dieser Zeit nur einmal an. «Wir dachten an Kaffee trinken und gemeinsam reden. Aber sie wollen vor allem mit uns reden.»

Doris Häfliger erlebt in ihrer politischen Tätigkeit oft kontroverse Situationen. Einerseits will man etwas machen, andererseits ist aber kein Geld übrig. Im Kantonsrat werde manch harte Diskussion geführt. «Einer moniert, dass die Asylbewerber um 10 Uhr noch im Bett liegen. Aber was soll er machen, wenn er nicht arbeiten darf.» Viele Erwartungen seien vorhanden. «Aber wie Integration ablaufen soll, da sehe ich eine grosse Hilflosigkeit.»

Doris Häfliger wollte das ändern. Weil sie im Bildungsbereich tätig ist, suchte sie die Lehrmittel aus und stellte diese in der Hausgemeinschaft vor. «Wir lernen immer auch etwas dazu», erklärt Frank Haupt. Zum Lernen wurde eine Computerstation nebenan im Keller eingerichtet, die ein individuelleres Arbeiten ermöglicht. Viele saugen den Lehrstoff auf. «Die jungen Syrer wollten schon mal einen Test schreiben um zu wissen, wie gut sie sind. Aber das Aufwachen ist hart. Reden können sie rasch etwas, aber Schreiben ist schon schwieriger.» Umso schlimmer sei die Warterei. «Sie kommen in den Hängermodus», ärgert sich Häfliger.

Potenzial der Flüchtlinge

Im Gespräch stellt sich schnell heraus, was die freiwilligen Helferinnen und Helfer antreibt. «Wir können nicht einerseits politisch schimpfen über diese Flüchtlinge, und andererseits nichts machen.» Damit die Integration funktioniere, spüre sie eine Verantwortung, die sie gerne wahrnehme, beschreibt es Doris Häfliger. «Das ist eine Riesenkiste, die nicht einfach beantwortet werden kann, aber es hat hier Menschen, die das Potenzial der Flüchtlinge sehen und helfen wollen. Es ist wider die menschliche Natur, dass man irgendwo parkiert wird und nichts machen kann oder darf», beschreibt Barbara Low ihr Engagement.

«Die Schweizer schicken Waffen in die Länder und wundern sich, wenn Flüchtlinge zurückkommen.» Frank Haupt fühlt sich mitverantwortlich und will deshalb hier in der Schweiz helfen. «Ich wäre schon lange abgehauen. Ich verstehe nicht, wie lange diese Menschen es in den kriegsversehrten Ländern aushalten.»

Jetzt seien die jungen Leute hier. «Wir müssen sie ausbilden und in den Arbeitsmarkt integrieren. Das muss unser erstes Ziel sein.» Wenn diese Menschen keine Möglichkeit erhalten, ihr Potenzial zu entwickeln, würden sie verwahrlosen. «Das wäre schlecht für die Gesellschaft.» Und das Erste, was sie lernen müssen, sei eben die Sprache.

«Wir lernen von ihnen»

Das Deutsch-Café ist nicht nur für die Syrer eine Brücke zur Schweizer Gesellschaft. Es ist auch eine Brücke im Quartier. «Beispielsweise für mich», so Barbara Low. «Als dies in der Hausgemeinschaft erstmals diskutiert wurde, spürte ich eine Motivation mitzumachen.» Ihr gehe es gut, sie lebe in grosszügigen räumlichen Verhältnissen, sie möchte teilen. «Man darf durchaus eine kritische Meinung gegenüber der Asylproblematik haben.»

Es sei nicht abschliessend gelöst, was mit den Migranten passiert oder wie Integration ablaufen soll. «Ich finde den Namen Deutsch-Café passend. Man sitzt zusammen und palavert. Sie lernen von uns und wir lernen von ihnen. Das ist für mich Integration», so Low, die selbstständig als Texterin und Kommunikationsberaterin arbeitet und einen Secondhand-Laden betreibt.

«Etwas tun, nicht warten»

Den Kontakt zu den Einheimischen zu finden, sei von der Sprache abhängig. «Ich war auch im Ausland tätig. Wichtig ist es, Mut zu haben, mit Händen und Füssen zu reden», sagt Doris Häfliger, die Zuchwil in Energie- und Umweltfragen berät. Es brauche ein Wohlwollen, um in Kontakt zu kommen. Ist der Status eines Flüchtlings nicht geklärt, kann bis zu einem Jahr vergehen, ohne dass dieser Deutschkurse besuchen darf.

Das dauert Frank Haupt viel zu lange: «Sie kamen Anfang Mai und dann hat sich herausgestellt, dass sie erst im August einen Deutschkurs besuchen können. Da muss man doch etwas machen und nicht drei Monate lang warten.»