Unnachgiebig
Deshalb ist die Gemeinde Selzach gegen die Pistenverlängerung

Warum kämpft Selzach so unnachgiebig gegen die Pistenverlängerung? Gemeindepräsidentin Silvia Spycher und Bauverwalter Thomas Leimer erklären die Haltung ihres Dorfes.

Lucien Fluri
Merken
Drucken
Teilen
Silvia Spycher: «Für unsere Wirtschaft ist die Anbindung an die Autobahn viel wichtiger.»

Silvia Spycher: «Für unsere Wirtschaft ist die Anbindung an die Autobahn viel wichtiger.»

hsj/bar

Silvia Spycher, Selzach lebt von internationalen Konzernen. Warum sind Sie gegen die Pistenverlängerung, die Ihre Firmen an die Welt anbindet?

Silvia Spycher: Die Pistenverlängerung ist in erster Linie für die Rendite des Flughafens und erst dann für die Firmen. Für unsere Wirtschaft ist die Anbindung an die Autobahn in Solothurn und Grenchen viel wichtiger.

Sie haben keine Rückmeldung von Firmen erhalten, die die Pistenverlängerung benötigen?

Spycher: Keine einzige.

So oder so: Eine längere Piste stärkt doch die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft. Das dürfte Sie als FDP-Politikerin nicht kaltlassen.

Spycher: Als Gemeindepräsidentin vertrete ich primär die Interessen der Einwohner und nicht meine Meinung als FDP-Politikerin. Die Gemeindeversammlung hat sich in einer Konsultativabstimmung einstimmig gegen die Ostvariante ausgesprochen. Die ganze Region profitiert vom Naherholungsgebiet Witi. Wir wollen das Label Storchendorf um keinen Preis verlieren.

Warum hat sich Selzach bisher so kompromisslos gezeigt?

Thomas Leimer, Bauverwalter

Thomas Leimer, Bauverwalter

Hansjörg Sahli

Der Flughafen steht seit den 1930er-Jahren an seinem Ort. Er war hier, bevor die meisten Leute hinzogen. Hat er nicht auch ein Existenzrecht?

Spycher: Der Flughafen hat seine Berechtigung. Wir sind einzig gegen eine erneute Pistenverlängerung. Der Flughafen wird immer grösser. Bei der letzten Pistenverlängerung hat man uns gesagt, das sei der letzte Ausbau. Und jetzt will man wieder 540 Meter mehr Piste in die Landschaft hineinbauen.

Der Flughafen sieht ein Alleinstellungsmerkmal in der Pistenverlängerung.

Leimer: Es ist aus Sicht des Flughafens verständlich, dass er die Piste verlängern will. Aber es gilt, eine Kosten-Nutzen-Analyse zu machen. Und in diesem Fall müssen wir sagen: Das geht nicht. Der Nutzen der Verlängerung ist bis jetzt für uns nicht überzeugend dargelegt worden.

Die Grenze zur Witi ist eine gerade Linie. Die ist künstlich gezogen worden.

Leimer: Logisch ist diese Grenze künstlich. Sie wurde gerade am Ende der Piste gezogen. Aber es geht doch um eine grundsätzliche Interessensabwägung: Pistenverlängerung gegen Natur und Raumplanung. Für Selzach ist klar, dass diese Abwägung gegen eine Pistenverlängerung spricht.

Die Ostvariante scheint die einzige Ausbauvariante. Im Westen steht die Archstrasse im Weg.

Leimer: Bevor der neue Baudirektor Roland Fürst kam, hat man nur eine Verlängerung gegen Westen ins Auge gefasst. Dort aber hat man gesehen, dass die Untertunnelung zu teuer käme. Wegen der unverhältnismässigen Kosten hat man eine 180-Grad-Kehrtwende gemacht. Aber Kosten dürfen kein Argument sein, wenn es um die Einhaltung bestehender Rechtsgrundlagen geht. Und das Problem mit der Strasse ist nicht gelöst. Die Flieger fliegen über stehende Autokolonnen. Das ist gefährlich.

Für die morgen startenden Gespräche hat der Flughafen erstmals gezeigt, wie er den Landverlust in der Witi kompensieren könnte. Er bietet grosse Kompensationen an. Das ist doch ein Argument?

Spycher: Ich möchte das Gespräch abwarten. Ich kann noch nicht sagen, was das neue Angebot wert ist.

Von aussen erstaunt, wie stark und schnell in Selzach gegen den Flughafen geschossen wurde.

Leimer: Seit Jahren halten Piloten die Anflugroute nicht ein. Das ist haarsträubend. Die Missachtungen sind unglaublich für die, die hier wohnen, auch wenn es etwas gebessert haben mag. Die Bevölkerung ist nicht nur sensibilisiert. Sie ist täglich betroffen.

Dagegen konnten Sie nichts machen?

Leimer: Es gibt kein Überflugverbot. Als oberstes Gebot entscheidet in der Fliegerei der Pilot, wo er der Sicherheit zuliebe durchfliegt. Das ist ja grundsätzlich richtig. Aber das ist dann oft an der Volte vorbei über unsere Köpfe hinweg. Die vorgegebene Anfluglinie ist auf dem Papier ein klarer Strich. Aber in der Luft ist das anders. Das ist ein Toleranzbereich. Mit den Business-Jets, für die die Piste verlängert werden soll, fürchten wir mehr Überflüge, auch wenn der Flughafen etwas anderes sagt. Der Pilot will doch baldmöglichst gerade auf die Piste zufliegen.

Der Flughafen dürfte bis zu 90 000 Flugbewegungen haben. Er ist davon weit entfernt und rechnet auch künftig mit weniger.

Leimer: Es geht um ein Meccano, das Normalbürger oft nicht verstehen. Es geht bei der Lärmberechnung um 90 000 Flugbewegungsäquivalente. Ein lauter Flieger zählt hier mehr, ein leiser weniger. Kommen immer mehr moderne, leise Flieger zählen diese bei gleich vielen Bewegungen weniger.

Sie scheinen grundsätzlich wenig auf die Zahlen und Angaben aus Grenchen zu vertrauen?

Leimer: Wir wissen nicht einmal, wie viele Businessjets heute kommerziell oder privat starten und landen. Der Flughafen sagt, er wisse das nicht. Aber das wäre doch einfach zu erheben.