Fusion

Derendinger und «Top5»? «Nicht dafür und nicht dagegen»

Die Hauptstrasse: ein ruhiger Moment im sonst hektischen Treiben auf Derendingens Hauptachse.

Die Hauptstrasse: ein ruhiger Moment im sonst hektischen Treiben auf Derendingens Hauptachse.

Heute Abend berät der Gemeinderat von Derendingen das Projekt Fusion Top 5 zuhanden der Gemeindeversammlung. Wir haben im Dorf herumgefragt, was die Einwohner vom Projekt halten.

Was denken die Derendingerinnen und Derendinger zur Fusion Top 5? An einem der stadtnahesten Orte, gleich bei der Gemeindegrenze zu Zuchwil, geht Rahim Rickart (25, Securitas-Mitarbeiter) mit seinem kleinen Hund beim Parkplatz vor der Emmenbrücke Gassi.

Top 5 sei ihm kein Begriff, aber von der Fusion hat er gehört. «Eine grosse Gemeinde ist eigentlich eine gute Sache. So viele kleine Gemeinden gleich nebeneinander, das bringt nichts.»

Gleich daneben kniet Hanspeter Sury (46, Gemeindearbeiter) am Boden und betoniert ein Fundament. «Die Fusion braucht es nicht, und sie ist auch nicht gut», sagt er seine Meinung. Er verstehe ein solches Ansinnen bei kleinen Gemeinden, die die Behörden nicht besetzen können. «Aber grosse Gemeinden, in denen alles funktioniert, sollte man nicht fusionieren.»

Auf der anderen Seite der Emmenbrücke geht Silvia Schneider (Sozialpädagogin) auf dem Uferweg am Emmenkanal. Sie geniesse das Dorfleben. «Der Zusammenhalt ist mir wichtig. Bei einer Fusion wäre dieser nicht mehr gewährleistet», sagt sie.

Ebenfalls auf dem ruhigen Uferweg unterwegs ist Brian Martinez Feliz (26, in Ausbildung). Der junge Dominikaner lebt seit einem Jahr in Derendingen und hat in der Familie die Fusion diskutiert. «Es gibt Vor- und Nachteile, aber man muss sich wirklich auseinandersetzen mit dem Thema, damit man eine klare Idee erhält, was für die fünf Gemeinden besser wäre.» In diesem Fall, sagt er, sei eine Fusion nicht nötig.

Weiter östlich, an der viel befahrenen Hauptstrasse kehrt ein Mitarbeiter den Vorplatz eines Kebabgeschäfts. Die Fusion ist ihm kein Begriff. Die Mitarbeiterin des Schuhgeschäfts nebenan hat schon davon gehört, aber sie sei aus Utzenstorf. Ein älterer Spaziergänger will von Top 5 nichts gehört haben. Als er aber erfährt, dass es um den Zusammenschluss mit den Nachbargemeinden geht, wacht Georg Friedli (77) auf. «Ich will die Fusion auf keinen Fall. Das ist nicht gut», sagt er energisch. Weiter wolle er sich nicht dazu äussern. Er habe schon einen Grund, aber den dürfe er nicht nennen, fügt Friedli noch hinzu.

Kommt die Fusion, dann wäre die Hauptstrasse ein umtriebiges Zentrum in der Agglomeration. Jetzt ist sie der Nerv eines lebhaften Dorfes. Alteingesessene Restaurants sind seit Jahr und Tag geschlossen. Daneben finden sich immer mehr Kebabs oder Pizzerien. Die Migros rüstet auf. Die Kioskfrau beim kurzzeitig ausgelagerten Kiosk kommt aus Biberist und arbeitet in Derendingen. Früher sei es umgekehrt gewesen. Zur Fusion will sie nichts sagen. Der italienisch sprechende Herr gibt den Ratschlag, die Fusion mit seiner Tochter zu diskutieren und nicht mit ihm. Sie ist aber nicht da.

Etwas weiter bilden der Coop und das Café Laube zusammen mit dem grosszügigen Parkplatz ein viel besuchtes Zentrum. Im Lärm des Verkehrs auf der Hauptstrasse gibt Liselotte Hübscher (81) Auskunft.

«Ich bin positiv eingestellt. Es gibt einfach weniger Verwaltungskosten.» Eine ähnliche Meinung vertritt die Frau um die Sechzig, die auf dem Parkplatz in ihr Fahrzeug steigen will. «Ich bin für die Fusion, weil diese früher oder später kommen wird.» Sie hoffe, dass sich die Kosten mit einer Fusion anders verteilen würden.

Der Kirchturm der Reformierten ist eingerüstet und wird saniert. Daneben soll ein neues Zentrum mit Turnhallen, Verwaltungs- und Schulräumen für über 36 Millionen Franken entstehen. «Das neue Zentrum hat der Souverän bewilligt, mit Büros für die Verwaltung. Wozu soll das gebaut werden, wenn nachher alles in Solothurn sein wird?», sagt Ernst Weber (74, Zeitungsverträger). Zudem fürchte er, wie viele ältere Einwohner, den allfälligen Gang nach Solothurn auf die Ämter.

Die nahe «Traube» ist an diesem Spätnachmittag leer. Bald soll das Gebäude abgerissen werden, denn das Land ist Teil der neuen, umstrittenen Emmenhof-Überbauung mit Hochhaus. Zwei Gäste kommen auf ein Feierabendbier. Einer ist dagegen, will aber nicht in der Zeitung erwähnt werden. Der andere, Ralph Pfister (58, Kaufmann), sagt deutlich: «Vergessen Sie es. Die Fusion ist nicht realisierbar. Was bringt sie Positives?» Weniger Steuern. «Ist das sicher? Für wen? Sehen Sie. Ich bin nicht dafür oder dagegen, aber ich sehe keinen Sinn.»

Diesen erkennt Walter Bill (57, Leiter Grosshandelsgeschäft), der das Café Laube ansteuert: «Wenn es in Luzern und in Zürich funktioniert, warum soll es hier nicht funktionieren? Wir leben so nahe zusammen, da ist es eigentlich paradox, verschiedene Verwaltungen zu führen. Man könnte alles vereinfachen.» 

Wie steht es um die Meinungen beim Derendingen Dorfausgang Richtung Kriegstetten? Dessen Gemeindepräsident Manfred Küng kritisiert die Fusion vehement. Färbt das ab? Einige Gehöfte schmücken dort die Hauptstrasse. Es geht weniger geschäftig zu und her und es riecht nach Bauerndorf. Im Garten eines Hofes beim früheren Gomerkinger-Platz erledigt eine ältere Frau letzte Gartenarbeiten. Sie unterbricht die Arbeit und ruft mit einer am Haus angebrachten Glocke die Schwiegertochter. Mit leiser Stimme sagen beide, dass Fusionen nicht so gut seien. Aber mehr wollen sie nicht berichten.

Richtung Luterbach lockt das Elsässli-Quartier. Dieses ist mit einer Begegnungszone ausgestattet, aber Menschen sind an diesem Nachmittag rar. Zwei Frauen sind dann doch noch anzutreffen. Sie fürchten, dass sie zu den mit Sonderabfällen belasteten Gärten befragt werden. Die eine Frau verabschiedet sich rasch in die Therapie, die andere, zugezogene Zürcherin, will sich nicht äussern.

An der Strasse nach Luterbach ist Astrid Aleimo unterwegs. Sie ist wie der erstgenannte Rickart jüngeren Alters, aber gegen die Fusion. «Klar ist alles zusammengewachsen, aber ich sehe keine Vorteile.»

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