Er legt sich mit den Grossen an. Verklagt Politiker, wenn sie Gelder veruntreuen. Fordert den Nestlé-Verwaltungsrat auf, in einem Entwicklungsland ein Spital zu eröffnen.

Jetzt liess sich Erich Flückiger sein Engagement über 1000 Franken kosten. Im amtlichen Anzeiger schaltete er letzte Woche ein grosses Inserat. Darin kritisiert wird die Steuerbefreiung für die Fifa, die der Nationalrat auch künftig gutheisst. Er publiziert, welche Solothurner Bundesparlamentarier für die Steuerprivilegien und welche dagegen gestimmt haben.

Erich Flückigers Inserat im Azeiger

Erich Flückigers Inserat im Azeiger

Dass der milliardenschwere Weltfussballverband Steuervorteile geniesse wie ein Jodlerclub oder ein Turnverein, findet Flückiger nicht in Ordnung. Er mahnt: «Überlegen Sie gut, wen Sie im Herbst ins Parlament wählen!» Prompt folgten Reaktionen auf das Inserat. Ein Mail-Schreiber aus Bellach fragte: Haben wir in der Schweiz eigentlich keine grösseren Probleme?

«Das ist doch verrückt»

Für Flückiger liegt die Antwort auf der Hand. Er sitzt am Holztisch in seinem Haus am Dörfliweg in Derendingen und redet sich in Fahrt. Für den pensionierten Bezirksschullehrer mit abgeschlossenem Mathematik-, Physik- und Biologiestudium ist die Steuerbefreiung für die Fifa ein grosses Problem. Was er von Sepp Blatter hält, braucht man ihm nicht aus der Nase zu ziehen.

Der Fifa-Präsident habe der Schweiz am Allermeisten geschadet, indem er das Ansehen unseres Landes im Ausland beschädigt habe. Die Millionen, die Politiker mit dem Bau der Stadien für die Fussball-Weltmeisterschaft 2014 verdient hätten, seien zu einem guten Teil in der Schweiz angelegt. «Das fehlt vor Ort. Überhaupt verdienen Europäer in Brasilien viel Geld, während das Land ärmer wird. Das ist doch verrückt.»

In Brasilien sei man auf die Fifa jedenfalls nicht gut zu sprechen. Flückiger weiss das. Er verbringt jedes Jahr mehrere Monate dort. Mit seinem Verein Projeto Suico – Jugend mit Zukunft – versucht er seit Jahrzehnten, das lateinamerikanische Land in kleinen Schritten vorwärtszubringen. Und schweizerische Tugenden zu vermitteln. In den elendesten Regionen des Landes kommen die Spenden von Privatleuten und gemeinnützigen Vereinen armen Menschen zugute. Mit dem Geld finanziert Projeto Suico die Ausbildung der Jugendlichen. Weiter werden Operationen und Prothesen für körperlich behinderte Kinder sowie ein Projekt zum Anbau von Früchten und Getreide bezahlt.

Mit Bildung gegen die Not

Die jungen Menschen können studieren, erhalten die Mittel für die Miete, Kleider oder ärztliche Versorgung. Im Gegenzug müssen sie jeden Monat eine Abrechnung schicken. «Damit sie lernen, mit Geld umzugehen.» Wer die Ausgaben nicht offenlegt, dem wird die Unterstützung gestrichen. Selbst die Schulnoten müssen die jungen Menschen zeigen. In den Ferien packen sie in ihren Heimatdörfern mit an. Transparenz ist für Flückiger eines der höchsten Güter. Er zeigt den Bericht des Rechnungsprüfers aus Luterbach, der die Zahlen von Projeto Suico unter die Lupe genommen hat. Fazit: «Keine negativen Feststellungen gemacht.»

Flückiger berichtet von Cristiane Oliveira, die ihr Studium in Ernährungswissenschaften abgeschlossen hat. Oder von Mariana Souza Santos, die ein Bauingenieurstudium begonnen hat. Aber auch Dämpfer muss er bisweilen hinnehmen. So habe Patricia Alves trotz akademischer, medizinischer Ausbildung eine versprochene Stelle am Spital nicht erhalten. Der verantwortliche Arzt habe den Job einem Familienmitglied gegeben, das nicht genügend ausgebildet war. Mit Korruption hat die Organisation oft zu kämpfen. Schmiergeld würde Flückiger aber nie bezahlen, selbst wenn Projekte stark verzögert werden. «Ich will da einfach nicht mitmachen.» Dank der unentgeltlichen Hilfe von Juristen erreiche er seine Ziele meist doch.

Morddrohungen und Gewalt

Seit 1968, als er zusammen mit seiner Frau drei Jahre die Schweizer Schule in São Paulo geleitet hatte, reist er regelmässig über den Atlantik. Im Dezember wird sich Erich Flückiger wieder ins Flugzeug setzen und im Bundesstaat Minas Gerais mit Politikern und Medizinern verhandeln. Er will sehen, was mit dem Geld aus der Schweiz passiert. Doch die Touren sind für den 75-Jährigen nicht mehr einfach. Letztes Jahr erlitt er eine Streifung. Auch die zunehmende Gewalt sei ein Problem. «Ich habe schon Morddrohungen erhalten. Da habe ich gesagt: Das macht doch nichts. Dann sterbe ich wenigstens für einen guten Zweck.» Seine Tochter werde dafür sorgen, dass das Engagement weitergeführt wird.

Das Gerechtigkeitsempfinden hat er Kind zu Hause in Zuchwil mitgekriegt. Mit dem Arbeiterlohn des Vaters aus dem Stahlwerk Gerlafingen blieb bei Flückigers kaum etwas übrig. «Wenn jemand von auswärts zu uns an den Mittagstisch sass, haben wir trotzdem geteilt.» Als der fleissige Schüler ans Gymnasium wollte, zeigte ihm der Lehrer prompt die Grenzen auf. «Aus deiner Familie war noch niemand in der Kanti.» Dort gehöre Erich nicht hin. Man hatte an seinem Ort zu bleiben. Erich drängte, erstritt sich die Prüfungszulassung – und bestand. «Man muss sich bewegen», sagt Flückiger.

«Dann sollen sie halt gehen»

Zurück zu Flückigers Kritik an der Fifa. Was sagt er zur Entwicklungshilfe, mit der sich der Verband rühmt? «Sie müssten Schulen aufmachen statt Klubhäuser für Fussballvereine.» Und wenn die Fifa aufgrund verlorener Privilegien aus der Schweiz wegzügeln würde? «Dann sollen sie halt gehen. Mitsamt ihrem Geld auf die Cayman-Inseln.» Der Mann aus Derendingen würde Sepp Blatter keine Träne nachweinen.