Kriegstetten
Der Kirchenchor St. Mauritius wurde vor 125 Jahren gegründet

Vor 125 Jahren, im Februar 1894, wurde der Kirchenchor St. Mauritius gegründet. Heuer, im Jubiläumsjahr, ist der Chor aus Kriegstetten mit über 40 Sängerinnen und Sänger gut aufgestellt, aber überaltert.

Urs Byland
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Dirigiert von Sven Ryf probt der Kirchenchor St. Mauritius kurz vor seinem ersten Einsatz im Jubiläumsjahr am ersten Gottesdienst im Januar.

Dirigiert von Sven Ryf probt der Kirchenchor St. Mauritius kurz vor seinem ersten Einsatz im Jubiläumsjahr am ersten Gottesdienst im Januar.

michelluethi.ch

Dieses Jahr wird für den Kirchenchor St. Mauritius ein schönes, aber auch ein strenges Jahr. Der Kriegstetter Chor feiert sein 125-jähriges Bestehen. «Wir werden an den hohen Festen sicher spezielle Werke singen», beschreibt Beat Strähl den Fokus im Jubiläumsjahr. Strähl präsidiert das Organisationskomitee für das Jubiläum des Chors, den er bis vor vier Jahren während über einem Jahrzehnt führte.

Der Chor sei heute gut aufgestellt, erklärt Beat Strähl, aber überaltert. Auf der Internetseite sind 43 aktive Sängerinnen und Sänger aufgeführt. Vielen Kirchenchöre drohen, die aktiven Mitglieder wegzusterben. «Schwierig ist es insbesondere bei den Männerstimmen. Wir sind alle inzwischen im Pensionsalter.» Um die Belastung der Mitglieder nicht zu sehr strapazieren, wurden in den letzten Jahren die Auftritte reduziert. Kein Vergleich mehr zu früheren Zeiten. Bis in die 60er Jahre hinein sang der Chor jeden Sonn- und Feiertag. Zusammen mit den Proben gab es beispielsweise im Jahr 1937 insgesamt 164 musikalische Verpflichtungen. Heute orientiert sich der Kirchenchor an den hohen Festen. «Ich plädiere auch für weniger Auftritte, aber diese dafür mit einer hohen Präsenz der Mitglieder», sagt Beat Strähl.

Wertvoller Kirchenchor

Für eine Pfarrei sei ein Kirchenchor sehr wertvoll, bestätigt Strähl. «Der Gesang, das ist die Sprache des Herzens, die Stimme, die Trost schafft und ermuntert. Es sind unsere eigenen oft verschütteten Empfindungen, unsere oft verschwiegenen Sehnsüchte, die aufbrechen in einem Lied», schreibt Theologin Marlis Wyss 1994 in der Jubiläumsschrift zum 100. Geburtstag des Chors. Und sie ergänzt: «Für uns Seelsorger seid Ihr ein Geschenk.» Aber nicht nur für sie, sondern auch für die Besucher der Gottesdienste, die mit ihrer Anerkennung den Kirchenchor befeuern. «Für diese Weihnachten haben wir eine neue Messe einstudiert. Die ist sehr gut angekommen und ist schön zum Singen. Das ist eine tolle Motivation für uns Sängerinnen und Sänger.»

Beliebte Gospels

Das Repertoire des Chores umfasst vor allem geistliche Werke von der Gregorianik bis zur Moderne. Dazu gehören Messevertonungen verschiedener Komponisten vom 17. bis zum 18. Jahrhundert, gregorianische Gesänge, Liedreihen von Komponisten der Gegenwart, alte deutsche Choräle und Motetten, Gospels sowie zeitgenössische geistliche Werke. Geprobt wird jeweils am Donnerstag sowie zusätzlich am Montag, an dem weltliche Lieder auf dem Programm stehen. Neben den Messenvertonungen singen die Mitglieder des Kirchenchors am liebsten Gospels, weiss Strähl.

Im Jubiläumsjahr soll im Mai nach längerer Zeit wieder ein Konzert mit weltlichen Liedern Platz haben. Davor an Ostern wird die Missa brevis gesungen. Am Jubiläumsgottesdienst im September ist die Toggenburger Messe an der Reihe und an Weihnachten wagt sich der Chor erneut an die Misa Criolla mit ihren südamerikanischen Klängen. «Es sind anspruchsvolle Werke, die wir aber immer im Rahmen eines vertretbaren Aufwands einüben wollen.»

Sie gelobten, einen Kirchenchor ins Leben zu rufen

Der katholische Kirchenchor Kriegstetten wurde am 11. Februar 1894 gegründet. In der Jubiläumsschrift zum 100. Geburtstag des Chors ist nachzulesen: «Nachdem sich am 8. Februar 1894 infolge innerer Unzufriedenheit der ehemalige Gemischtenchor Kriegstetten aufgelöst hatte, beschlossen die der guten Sache treu gebliebenen Mitglieder, einen neuen Verein zu gründen. In der Kirche gelobten sie sich gegenseitig, zur Erhaltung und Wahrung eines gediegenen Kirchengesanges einen Kirchenchor ins Leben zu rufen.»

In der langen Geschichte des Vereins gab es viel Hochs und Tiefs wie in den Protokollbüchern zu lesen ist. Bereits zwei Jahre später gab es eine formidable Krise, weil der Pfarrer und Chorleiter nach Balsthal berufen wurde. In der Not wurde ein Lehrer in Obergerlafingen angefragt. Im Protokoll ist dieser Gang ins Nachbardorf festgehalten: «Bei Sturm und Wetter und rabenschwarzer Nacht machten sich die Abgeordneten auf den Weg nach Obergerlafingen. ... Wir marschierten frischen Schritts nach der Wohnung des Herrn Reinhart. Nach längerer Unterhandlung versprach uns dieser, bei der nächsten Probe zu erscheinen. Wie bei der Schlacht bei Sempach unsere Väter das Schlachtfeld verliessen, im Bewusstsein das Vaterland gerettet zu haben, auch so verliessen wir die Wohnung im Bewusstsein, den Kirchchor gerettet zu haben.» Der Kirchenchor musste auf verschiedene gesellschaftliche Änderungen Rücksicht nehmen. Da nebst den Männern nur die unverheirateten Frauen im Chor sangen – die verheirateten Frauen schieden aus dem Chor aus – fanden recht viele Hochzeiten statt. Dem Chor fehlten so die eingeübten Stimmen, und es mussten ständig neue Mitglieder geworben werden. 1923 stellte der amtierende Pfarrer den Antrag, dass die Frauen auch nach der Heirat mitsingen durften und sollten. Der Antrag wurde gutgeheissen, dennoch blieben die meisten verheirateten Frauen dem Chor fern. (uby)