Bellach
Der Engel aus den Grederhöfen – er kennt hier die Nöte der Menschen

Im Quartier mit dem hohen Ausländeranteil ist Peter Keller allseits bekannt und geschätzt.Ein Treffen mit einem Mann, dessen Türe für all jene offen steht, die seine Hilfe benötigen.

Christof Ramser
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Peter Keller kennt die Sorgen der Menschen im Bellacher Grederhof-Quartier.

Peter Keller kennt die Sorgen der Menschen im Bellacher Grederhof-Quartier.

Hanspeter Baertschi

Der Mann mit dem schlohweissen Haar geht zwischen den Grederhöfen umher. Gesichtslose Wohnblöcke. Sie sind Heimat für hunderte Menschen aus 35 Nationen. Der Mann geht sehr langsam. Seitdem ein Teil seines linken Fusses bei einem Velounfall von einem Lastwagen abgetrennt wurde, fällt ihm das Gehen schwer. Mit der braunen Jacke und der beigen Hose könnte es ein unbekannter Rentner auf dem Weg in eine enge Zweizimmerwohnung sein. X-ter Stock im Block Y. Doch seinen Namen kennen im Quartier fast alle. Es ist Peter Keller. Für viele hier ist der Mann ein Engel.

«Die armen Cheibe tun mir leid»

Ein Bote Gottes, nein, das ist er nicht. Selbst wenn Peter Keller 40 Jahre lang in der reformierten Kirchgemeinde Bellach aktiv war. Doch er schirmt jene von den Widrigkeiten des Alltags ab, die seine Hilfe benötigen. Er kennt die Nöte der Menschen im Quartier. Ist Anlaufstelle, Integrationsfigur, Nachhilfelehrer, rechtlicher Beistand und Sorgenonkel für die Bewohner, von denen über zwei Drittel Ausländer sind. «Sie tun mir leid», ist ein Satz, den man von ihm mehrmals hört. Leid tun ihm die «armen Cheibe». Der Arbeitslose, der trotz grosser Motivation keinen Job findet. Der Familienvater, der jahrelang auf eine Aufenthaltsbewilligung wartet. Die Immigrantinnen aus Mexiko, Serbien oder Afrika, deren geplanter Nationenmarkt wegen dem Widerstand einiger Patriarchen ins Wasser fällt. Doch Peter Keller bedauert nicht bloss. Er handelt.

Im Quartier weiss man, wo Peter Keller wohnt. Wer ein Problem hat, klopft an die Tür der kleinen Wohnung im Block aus den 1960er-Jahren. Oder tritt gleich selber ein, ohne sich anzumelden. Ungebeten kommt hier keiner.

Seit über zehn Jahren lebt der 75-Jährige an der Grederstrasse. In den Wohnungen über, neben und unter ihm wohnen tamilische Familien. Der pensionierte Bauingenieur sitzt im Wohnzimmer unter der Sumiswalder Pendule. Der Blick unter den buschigen Brauen ist gutmütig und wach. An der Wand hängt der Zunftbrief der Berner Metzgernzunft. Darauf ist er stolz. «Dass man zu den Menschen schaut und sich sozial engagiert, das hat bei Zünftlern Tradition.»

Die Freude, die zurückkommt

Was Peter Keller tut, er ist immer mit dem Herzen dabei. Das sagt Jenny Kramer, Jugendarbeiterin in Bellach. «Er will alle an einen Tisch bringen und die Barrieren aufheben zwischen Ausländern und Schweizern.» Dies gelinge ihm auch. Peter Keller sei ein sehr toleranter Mensch. Und sein unentgeltliches und freiwilliges Wirken werde im Quartier sehr geschätzt, weiss Jenny Kramer.

Es freue ihn, wenn er helfen könne, sagt Peter Keller. «Und diese Freude kommt ja auch zurück.» Eine Gegenleistung lehnt er ab. «Das braucht es nicht.» Die Zeichnungen seiner Grosskinder, die er regelmässig hütet, für die er kocht und mit denen er Ausflüge unternimmt, bedeuten für ihn Glück. Oder wenn er mithelfen kann, dass ein bisschen Gerechtigkeit entsteht.

Peter Keller schreibt Briefe, hilft bei der Steuererklärung, telefoniert mit Behörden. Dann lässt er auch seine Kontakte spielen. «Ich kenne mittlerweile Leute im Migrationsamt, im Werkhof und auf der Gemeinde. Das hilft.»

Da war der tamilische Junge, dessen Eltern nur gebrochen Deutsch sprechen. Der Teenager wurde angeklagt, weil er in Oensingen Kupfer geklaut habe. Obwohl er zur Tatzeit nachweislich an einem anderen Ort war. Obwohl der Handabdruck auf dem Diebesgut nicht seiner war. Keller vermittelte einen guten Anwalt. Der Junge wurde freigesprochen.

Da ist die alte, demente Frau, deren Kinder sich von ihr abgewandt haben. Keller lädt sie manchmal zum Mittagessen ein, oder er kümmert sich um ihre Rechnungen. «Ich begreife nicht, dass ihr die eigenen Kinder nicht helfen.» Die Familie, das wird im Gespräch klar, sie ist für Peter Keller der Ursprung von Gastfreundlichkeit, von Rücksichtnahme und Solidarität.

Vom Elternhaus vorgelebt

«Mein Engagement kommt aus meiner Familie», sagt Peter Keller. Er wuchs mit drei Geschwistern in Schüpfen BE auf. «Da lernt man, aufeinander zu schauen.» Auch heute noch pflege man im «Clan» ein gutes Verhältnis. Dazu gehöre, sich zu informieren, wenn Verwandte krank sind. Bei einer Beerdigung komme man zusammen, nicht weil es sich gut mache, sondern weil man es wolle. Kellers Vater und sein Onkel waren Ärzte, dazu gab es acht Pfarrer in der Sippe. Seine Mutter war Deutsche, deren Vater Konsul in Griechenland. Von dort habe die russisch-orthodoxe Kirche den Messwein für den Zaren in St. Petersburg geliefert. «So landete mein Opa beim Zaren.»

Daheim in Schüpfen hatte der kleine Peter Kontakt zu wichtigen Leuten. Er half dem Schüpfener Rudolf Minger, dem ersten Bauern im Bundesrat, oft bei Arbeiten auf dem Feld. «Manchmal kam auch General Henri Guisan zu uns nach Hause.» Wenn Minger und Guisan etwas zu besprechen hatten, habe sein Vater den beiden ein ruhiges Zimmer angeboten. Offenheit und Toleranz, das hätten ihm seine Eltern vorgelebt.

Die grosse Enttäuschung

Peter Kellers Optimismus scheint schier unerschütterlich. Trotz Enttäuschungen. Die bitterste Erfahrung sei die Scheidung von seiner Frau gewesen. «Diese Scheiderei, das ist das Schlimmste.» Dass sein Sohn seitdem den Kontakt abgebrochen habe, damit habe er sich abgefunden. Hört man ihm zu, weiss man nicht so recht, ob man das glauben mag.

Trotz seiner Uneigennützigkeit – ein einfältiger Mensch ist Peter Keller nicht. Er meint es schon gut mit den weniger Privilegierten. Aber er kritisiert jene, die sich nicht bemühen um eine Arbeit, oder die nur vom Arbeitslosengeld profitierten. Jugendliche, bei denen kaum Motivation vorhanden ist. Leistung zu fordern, das habe er bei seiner Arbeit als Bauleiter gelernt. «Als es kalt war und dreckig auf der Baustelle, da habe ich die Arbeiter heimgeschickt. Im Gegenzug waren sie bei guten Verhältnissen bereit, Überstunden zu leisten.» «Eingefahren» sei ihm der Auftritt eines Pfarrers, der am Tag der Heiligen Barbara die Messe auf der Baustelle in fünf Sprachen gelesen habe, sodass alle «Büezer» es verstanden hätten. «Das haben sie geschätzt.»

Die Sprache, sie ist für Peter Keller der Schlüssel zur Integration. «Mir fällt auf, dass die jungen Leute sehr intelligent sind.» Oft würden aber Kinder von Immigranten die schriftliche Sprache nur schlecht beherrschen. So geht es Kellers Nachbarjunge. Auch für ihn hat er einen Brief geschrieben. Dadurch fand dieser nun eine Lehrstelle in einer Fabrik in Niederbipp. «Darüber bin ich sehr froh.» Nun hofft Peter Keller, dass der junge Mann nicht aufgibt und die Lehre durchzieht. «Das wäre ein guter Grundstein für spätere Jahre.»