Deitingen/Flumenthal
Deitingen hätte gerne den Schachen

Viele Menschen in Deitingen wünschen sich den Schachen als Teil von ihrem Dorf. «Ennet der Aare» hat die Grenzbereinigung wegen des Asylzentrum-Projekts aber keine Chancen.

Urs Byland
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Blick von Westen auf Aare, Wylihof und das Schachengebiet. Der breite gebogene Flurstreifen in der Bildmitte wird als älteste Flussniederung der Aare (bis 16. Jh.) betrachtet. Aus dem Buch «Über Geschichte und Landschaft der Gemeinde Deitingen im Wasseramt».

Blick von Westen auf Aare, Wylihof und das Schachengebiet. Der breite gebogene Flurstreifen in der Bildmitte wird als älteste Flussniederung der Aare (bis 16. Jh.) betrachtet. Aus dem Buch «Über Geschichte und Landschaft der Gemeinde Deitingen im Wasseramt».

Es ist ein oft geäusserter Traum vieler Deitingerinnen und Deitinger. Der Schachen, die natürliche Fortsetzung des Dorfes Richtung Aare, wo die Justizvollzugsanstalt zum Hochsicherheitsgefängnis ausgebaut wurde, wo ein kantonales und nationales Flüchtlingszentrum entstehen soll, und wo der Kanton einen umstrittenen Standplatz für Fahrende einrichten will, der Schachen liegt auf Gemeindegebiet von Flumenthal, dem Dorf ennet der Aare.

«Wir haben beinahe mit allen Auswirkungen der Institutionen im Schachen zu tun. Der Verkehr läuft ausnahmslos durch Deitingen. Wenn das Flüchtlingsheim steht, wird die erste Anlaufstelle der Flüchtlinge Deitingen sein», erklärt Deitingens Gemeindepräsident Bruno Eberhard. Naheliegend daher, dass Deitingen schon lange eine Grenzbereinigung anstrebt. «Der Verlauf der Gemeindegrenze ist unglücklich», so das Fazit von Eberhard.

Das war nicht immer so. Vor 1925 musste einmal eine Fähre in Betrieb gewesen sein, wird dies doch in einem Brief des Pfarrers von Deitingen an seinen Bischof in Basel erwähnt. Darin bittet auch er darum den «Schachenhof» kirchlich von der Pfarrei Flumenthal loszulösen und der Pfarrei Deitingen zuzuteilen. Verstorbene wurden seinerzeit, so ist dem Brief zu entnehmen, in Deitingen bestattet. Nachzulesen ist dieser Beleg im Buch «Über Geschichte und Landschaft der Gemeinde Deitingen im Wasseramt».

Die wilde Aare

Darin ist ein eigenes Kapitel dem speziellen Grenzverlauf gewidmet. Autor Peter Kaiser grübelte in den Archiven und hat Erstaunliches herausgefunden. Die Rede ist von der wilden Aare, die ihr Flussbett immer wieder veränderte und teilweise auch die dörflichen Siedlungen bedrohte, weil durch Erosion Ufer wegbrach. Normalerweise verlaufen die Grenzen in der Mitte der Flüsse.

Die Kiesbänke im Schachen bei Deitingen haben sich aber oft verändert. Um 1713 wurde der Fluss umgebettet. Es war ein riesiges, umstrittenes Werk und sollte die Gefahr für Flumenthal mindern. Aber: Damals hatte die Aare ein Bachbett, das weiter nördlich verlief. Um 1713 wurde die Aare in das jetzige südlicher gelegene Aarebett umgeleitet. Diese Umbettung erklärt den aktuellen Grenzverlauf zwischen Deitingen und Flumenthal nicht.

Die für den heutigen Grenzverlauf wesentlich Umbettung geschah anderthalb Jahrhunderte früher. Sie wird im Buch auf die Zeit vor Juli 1587 datiert: «Dass in jüngst gewesner wassergrössi die Aaren iren vorigen furt und stram verlassen». Aufzeichnungen zeigen, dass in den Jahren zwischen 1560 und 1580 extrem ungünstige klimatische Verhältnisse bestanden.

Während einiger Jahre herrschte kühles Wetter mit viel Niederschlägen. Es fiel überdurchschnittlich viel Schnee und die Gletscherzungen stiessen rasch vor. Hochwasser häuften sich, auch weil im Frühsommer viel mehr Schmelzwasser abfloss als sonst üblich. Die Hochwasser führten nicht nur in Solothurn, sondern auch in Büren zu Veränderungen im Flusslauf.

Hundert Parzellen weggerissen

Konkret hat die Aare den uralten Lauf zwischen Deitingen und Schachenhof mit Geschiebe verstopft und sich einen neuen Weg nördlich des Flumenthaler Schachens durch das offene Feld nahe bei diesem Dorf gebahnt. Ein Beleg findet sich 1605, als plötzlich vom Flumenthaler Grundbesitz im Schachen «ennet der Aare» die Rede ist.

Den Flumenthaler entstand viel Ungemach, mussten sie doch ihre Ernte über Attiswil und Wangen an der Aare über die Brücke heimführen. 1646 bewilligte Solothurn der Gemeinde eine Fähre. Der vom Fluss bei seinem Ausbruch verursachte Schaden wurde in einer Aktennotiz annähernd beziffert: «Die Aare habe den Flumenthalern hundert Mäder (Parzellen) der besten Matten weggerissen».

Es ist anzunehmen, dass die Aare also früher im Schachen ihr Flussbett genau auf der heutigen Gemeindegrenze hatte, die in einem anmutigen Bogen südlich der heutigen Aare verläuft.

Flumenthal sieht nur Nachteile

Bruno Eberhard hat das Thema wieder aufs Tapet gebracht und in seinem Jahresausblick geschrieben, dass im Zusammenhang mit dem geplanten Flüchtlingszentrum mit dem Gemeinderat von Flumenthal Gespräche geführt wurden. «Dabei haben wir auch dem jahrzehntelangen Deitinger Anliegen nach einer Bereinigung des Grenzverlaufs zwischen den beiden Gemeinden Nachdruck verliehen.» Für Eberhard ist klar. Die Flumenthaler würden mit Ausnahme von Steuereinnahmen durch die Autobahnraststätte nichts verlieren, «ausser den Kosten für den Schachen».

Sein Kollege «ennet der Aare», Flumenthals Gemeindepräsident Christoph Heiniger, bestätigt die Gespräche. «Im Zusammenhang mit dem Asylzentrum des Kantons im Schachen hat es Gespräche gegeben, an denen dies thematisiert wurde.» Er und seine Ratskollegen hätten daraufhin Vor- und Nachteile einer Grenzbereinigung abgewogen.

«Wir sehen im Moment keine Vorteile und nur Nachteile.» Wenn der Kanton das Asylzentrum tatsächlich realisieren würde, so hätte Flumenthal als Standortgemeinde in Sachen Flüchtlingsaufnahme bessere Karten gegenüber dem Kanton. Deshalb sei eine Grenzbereinigung aktuell für Flumenthal kein Thema.

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