Wenn schweizweit über einen kleinen Fluss im bernisch-solothurnischen Grenzgebiet berichtet wird, lohnt sich ein zweiter Blick. Vergangene Woche versammelten sich die nationalen Medien an den Ufern des Limpachs, um über dessen «bedenklichen Zustand» zu berichten. Pflanzenschutzmittel verschmutzen das Wasser, das Ökosystem ist beeinträchtigt. Es ist kein guter Lebenraum für Fische, Kleintiere und Pflanzen. Für die Wissenschaftler vom Bundesamt für Umwelt ist der Limpach ein Prototyp für ein schlechtes Gewässer. Verursacht wird der Pestizid-Cocktail durch Unkrautvertilger und andere Bekämpfungsstoffe aus der Landwirtschaft.

Ein Tal von Giftmischern? Kaum

Setzen die Landwirte im Tal das Gift für einen hohen Ertrag besonders grosszügig ein, ohne Rücksicht auf die Natur? Über den Gewässerschutz unterhalten sich die Bauern regelmässig. «Das ist ein sehr grosses Thema, das wir ernst nehmen», sagt Beat Wyss. «Kein Bauer hat ein Interesse daran, seine Lebensgrundlage kaputtzumachen.» Zudem sei man auf das Wohlwollen aus der Bevölkerung angewiesen.

Wyss führt in Oberramsern einen landwirtschaftlichen Betrieb von 25 Hektaren und ist als Lohnunternehmer für andere Bauern in der Region tätig. Er weiss Bescheid über die Bodenbeschaffenheit im Tal. «Es ist ein sehr spezielles Gebiet.» Der Tonanteil ist hoch, was den Boden schwer macht. Mit mechanischen Mitteln, wie sie in der biologischen Landwirtschaft eingesetzt werden, sei dem Unkraut nur mit Mühe beizukommen. Zudem würden sich Pilze in der nassen Erde der Ebene rascher ausbreiten. Der Boden im Tal sei anspruchsvoll. «Es gibt idealere Böden für die Landwirtschaft.»

So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Das ist Wyss’ Leitsatz, wenn es um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln geht. Dieses Jahr hat er die Zuckerrüben zum Beispiel mechanisch gehackt, weil er weniger Chemie spritzen wollte. Gänzlich darauf verzichten könne er nicht.

Bio bedeutet viel Handarbeit

So sieht es der allergrösste Teil der Landwirte. Die Bio-Bauern im Limpachtal sind an einer Hand abzuzählen. Einer von ihnen ist Adrian Knuchel aus Bätterkinden. Er verzichtet auf chemisch-synthetische Pestizide. Hacken und striegeln ist angesagt. Vor seinem Hof in der Ebene steht ein Hackstriegel. Dieses Arbeitsgerät zieht Knuchel über seine Äcker und reisst so das Unkraut mechanisch aus. «Der biologische Gemüsebau bedeutet ganz viel Handarbeit.» Beim Spinat beispielsweise seien dies zwischen 80 und 300 Arbeitsstunden pro Hektare. «Das ist nur möglich, wenn für unsere Produkte entsprechend höhere Preise bezahlt werden.»

Knuchel findet die biologische Arbeitsweise schön. «Es stimmt für die Natur, und wenn es wirtschaftlich aufgeht, dann stimmt es auch für mich.» Weil die Nachfrage nach Bio-Produkten derzeit deutlich höher sei als das Angebot, gehe die Rechnung auf. Ein Ideologe ist er indes nicht. Mit dem konventionellen Bauern Beat Wyss tauscht sich der Bio-Bauer aus, gegenseitig lerne man voneinander. Knuchel verurteilt den Einsatz von Pestiziden nicht, selbst wenn der Limpach verunreinigt wird. «Der Boden im Tal ist schwierig. Ist er zu nass, stosse auch ich mit meiner Arbeitsweise an Grenzen.»

Chemie ist teuer

Dass die Bauern zu viel Pestizide einsetzen, komme selten vor, sagt Beat Wyss. Dies schade den Kulturen und werde so zum «Bumerang» für jene wenigen, die es übertreiben. Die chemischen Hilfsmittel seien zudem sehr teuer, sagt Martina Jenzer vom kantonalen landwirtschaftlichen Bildungszentrum Wallierhof. Sie berät die Bauern im Kanton, wenn es um Pflanzenschutzmittel geht. «Es wird natürlich versucht, die Kosten zu dämpfen, etwa mit Parallelimporten. Aber das ist sehr schwierig.»

Ein übermässiger Gebrauch von Pestiziden geht ins Geld – und zu einem guten Teil in den Limpach, wo Lebewesen abgetötet und die Artenvielfalt möglicherweise beeinträchtigt werden. Hauptgrund im Limpachtal seien die Drainagen, sagt Martina Jenzer. Der Grundwasserspiegel ist derart hoch, dass der Boden regelrecht laufend gespült werde. So erklären die Landwirte den Herbizid-Cocktail im Wasser, der den Produktionsbedingungen geschuldet sei. Wenn Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden und in der Folge, wie in jüngster Zeit, viel Regen fällt, könne man kaum etwas dagegen tun.

Beat Wyss vermutet allerdings auch, dass die Lage der Messstelle für die schlechten Wasserwerte verantwortlich ist. Entnommen werden die Proben im Bereich der Strassenbrücke zwischen Kyburg und Bätterkinden, also unterhalb der Abwasserreinigungsanlage ARA und des Golfplatzes. Gemäss Philip Staufer, Leiter der Abteilung Wasser im kantonalen Amt für Umwelt ist der Abfluss an der Probestelle durch die ARA beeinflusst. «Die Wirkstoffe der Pestizide kann man aber bestimmten Nutzungen zuweisen», sagt Staufer. Zu 80 Prozent stammen die Pestizide im Limpach aus der Landwirtschaft. Nicht ausgewiesen werde, welche Chemikalien auf dem Golfplatz eingesetzt werden.

Längst kein Naturgewässer mehr

Landwirt Wyss weist darauf hin, dass der Limpach kein natürlicher Fluss ist, sondern eine Art künstlicher Entwässerungskanal für ein grosses, dicht bewirtschaftetes Einzugsgebiet. «In den letzten Jahren wurde sehr viel gebaut.» Das Wasser dieser versiegelten Flächen gelange auf direktem Weg in den Fluss und müsse in nützlicher Frist abgeführt werden. «Wir müssen vom Bild des natürlichen Baches wegkommen.»

Man werde deshalb nie eine grosse Artenvielfalt von Fischen sehen. Um den Bestand von Aleten oder Schmerlen macht sich der passionierte Fischer aber keine Sorgen. Derzeit tummelten sich viele Fische im Bach, um zu laichen.
Da die Grenzwerte von Pestiziden nicht überschritten würden, sei die Wasserqualität im oberen Flussabschnitt nicht alarmierend. Ausser nach Überschwemmungen hätte Wyss keine Bedenken, davon einen Schluck abzubekommen. Anders sehe es unterhalb der ARA aus. Dort lasse er beim Spazieren auch seinen Hund Harry nicht baden. Auch im Bereich des Golfplatzes könne Chemie in den Bach gelangen.

Insgesamt stehe es um das Gewässer aber nicht so schlecht. Im Vergleich zur industrialisierten Landwirtschaft im Ausland, wo Wyss oft auch beruflich oder zu Bildungszwecken unterwegs ist, würden in der Schweiz noch immer bloss rund ein Drittel Pflanzenschutzmittel eingesetzt – selbst wenn das als «rückständig» angesehen werde.

Import als Alternative

Muss man also die schlechte Wasserqualität im Limpach hinnehmen? Oder würden mehr Bio-Landwirte zu einer grösseren Artenvielfalt beitragen? Bio-Bauer Knuchel und der herkömmliche Bauer Wyss wollen ihre Anbaumethoden nicht gegeneinander ausspielen. Und für die Fachfrau Martina Jenzer ist klar: «Wollte man vermehrt extensive Landwirtschaft betreiben, würden wir hier weniger qualitativ hochstehende Nahrungsmittel produzieren.»

Die Produkte müssten dann vermehrt importiert werden. «Dann heisst es aber: aus den Augen, aus dem Sinn.» Wie es anderswo um die Produktionsbedingungen steht, werde nämlich kaum hinterfragt.