Langendorf
Das erste ökumenische Kirchenzentrum der Schweiz wird 50 Jahre alt

Das erste ökumenische Kirchenzentrum der Schweiz öffnete 1971 in Langendorf seine Türen. Ein Projekt, das Mut erforderte.

Fabio Vonarburg
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Blick auf das ökumenische Kirchzentrum in Langendorf mit den beiden Kirchen und dem Kirchturm. (Archivbild)

Blick auf das ökumenische Kirchzentrum in Langendorf mit den beiden Kirchen und dem Kirchturm. (Archivbild)

Oliver Menge

Es war aussergewöhnlich, was sich vor 50 Jahren in Langendorf ereignete. Es rückte zusammen, was damals vielen nicht klar war, dass es so viel Nähe überhaupt verträgt: die Römisch-katholische und die Reformierte Kirche.

Der Zufall wollte es, dass in den 1960er-Jahren beide Konfessionen eine Kirche in Langendorf planten. Die Katholiken im Zentrum, die Reformierten besassen ausserhalb Bauland. Mit der neuen Ortsplanung kam die Idee auf, die beiden Kirchen nebeneinander zu bauen. Sie sollen sich den Kirchturm und Kirchplatz teilen.

Eine Vision, die nicht zuletzt dank des damaligen Wirtes des Restaurants Chutz Wirklichkeit wurde. Er ermöglichte der reformierten Kirchgemeinde den dazu nötigen Landabtausch. 1966 wurde das Projekt öffentlich ausgeschrieben, 1969 war der Spatenstich und im Herbst 1971 war es dann so weit: Das erste ökumenische Kirchenzentrum der Schweiz war fertig. Der 50. Geburtstag der Nachbarschaft der beiden Konfessionen wird dieses Jahr mit vielen Anlässen gefeiert.

Heute startet das Jubiläumsjahr

Die Vielzahl der Anlässe, die sich das OK der Jubiläumsfeierlichkeiten des ökumenischen Kirchenzentrum in Langendorf ausgedacht hat, ist eindrücklich. Alleine im ersten halben Jahr sind um die 50 Anlässe geplant. «Wir wollten bewusst nicht einige wenige grosse Highlights, sondern mit vielen Veranstaltungen das ganze Jahr über im Gespräch bleiben», gibt OK-Mitglied Franz Aebi Auskunft.

Der Startschuss zu den Feierlichkeiten fällt heute Abend, mit dem ersten von zehn Gottesdiensten einer ganzen Reihe: «Der andere Gottesdienst» will aufzeigen, wie man Kirche auch, oder eben «anders» erleben kann. Die Gottesdienste tragen Titel wie, «Komm in den Sternenhimmel» oder «Liebe geht durch den Magen». Der Gottesdienst von heute Abend wird wegen Corona zwei Mal durchgeführt (17.45 Uhr und 19 Uhr). Für die beiden Gottesdienste ist eine Reservation online www.pastoralraum-mlb.ch gestern Dienstagabend waren jedoch nur noch wenige Plätze verfügbar.

Neben Gottesdiensten werden im Verlauf des Jahres auch etwa Morgenspaziergänge angeboten oder eine Pilgerwanderung angeboten. Ein grosses Highlight wird die 1. August Feier, wie OK-Mitglied Franz Aebi ausführt. Diese findet dieses Jahr in Langendorf rund um das ökumenische Kirchenzentrum statt. Als Redner wurde Johannes Stückelberger engagiert, Dozent für Religions- und Kirchenästhetik.

Beide Konfessionen zogen an einem Strang

Jene, die in den 1960er-Jahren die Drähte zogen, leben nicht mehr. Dank des Filmprojekts eines einstigen reformierten Pfarrers von Langendorf blieb einiges erhalten, was sie zu sagen hatten. Wie etwa Erwin Nyfeler, ein ehemaliger Gemeindeschreiber von Langendorf: «Nur schon, dass sich zwei Konfessionen ohne Wenn und Aber und ohne grosse Schwierigkeiten auf ein gemeinsames Bauprojekt haben einigen können, ist eine Sensation gewesen», sagte Nyfeler in der Filmsequenz von 1995, die auf Youtube zu finden ist.

Dies war noch die Zeit, als der ökumenische Gedanke noch nicht so präsent gewesen sei, fuhr Nyfeler fort. «Damals hatte jede Kirche das Gefühl, sie müsste eine eigene Kirche haben und diese müsste die schönste und die beste sein.»

Ehemaliger Pfarrer von Langendorf erinnert sich

Der Pfarrer, der die Filmaufnahmen gemacht hat, heisst Christoph Knoch und war von 1986 bis 2002 Pfarrer in Langendorf. Heute ist er Pfarrer in der Reformierten Kirchgemeinde Muri-­Gümlingen. Er erinnert sich gut und gerne an seine Tätigkeit im ökumenischen Kirchenzentrum in Langendorf.

Er hat die räumliche Nähe der beiden Konfessionen sehr geschätzt: «Man konnte einander nicht einfach davonlaufen. Man musste sich immer wieder miteinander auseinandersetzen», so Knoch, der aus den Gesprächen mit den Akteuren weiss, welchen Mut ein solches Bauprojekt damals gebraucht hat.

Dennoch hat er es als Vorteil erlebt, dass beide Konfessionen ihre eigene Kirche hatten. «So hatte man seinen eigenen Raum. Konnte die Türe schliessen und sagen: So, jetzt sind wir einfach einmal reformiert.» Ein Highlight sei jeweils das Osterfest gewesen, erinnert sich Knoch. Die Katholiken und Reformierten hätten sich gemeinsam auf dem Platz beim Osterfeuer getroffen, um sich anschliessend in ihre jeweilige Kirche zu begeben. Alle Gläubigen hätten nicht in einer Kirche Platz gehabt. «Dafür traf man sich im Anschluss wieder, um gemeinsam im Keller zu feiern», erzählt Knoch.

Der Keller ist einer von mehreren baulichen Kniffen, die der Architekt des Kirchenzentrums, der Zürcher Manuel Pauli, sich ausgedacht hat, um die Verbindung der beiden Konfessionen zu symbolisieren. Der Keller verbindet die beiden Kirchen, ist wie die gemeinsame Wurzel, auf der das Zentrum aufbaut. Zudem gibt es in beiden Kirchen in der Nähe des Altars ein Fenster, von dem man die andere Kirche sieht. So soll man die andere Konfession immer im Blick und Gedanken haben.