Heile Welt soll Schein wahren
Das bedeuten die Auflagen der Juraschutzzone für die Bauherren

Die Juraschutzzone gibt zu reden. Sie schützt das Landschaftsbild und ärgert Bauherren. Was bedeuten die Auflagen für jene, die dort wohnen? Wir haben uns im Bucheggberg umgesehen.

Christof Ramser
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Eingeschränkte Bauvorschriften durch Juraschutz
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Marco Dick vor der neuen Fensterfront des alten Bauernhauses, die er gerne über die ganze Fassadenlänge gezogen hätte.
Der Blick aus seinem Schlafzimmer ist mit Holzbalken versperrt.
Der Dachvorsprung an Walter Eberhards Stall war ebenfalls eine Auflage des Juraschutzes – und gefällt dem Bauherrn heute gut.

Eingeschränkte Bauvorschriften durch Juraschutz

Christof Ramser

In diesem Kistlein, so scheint es, ist die Familie angekommen. Endlich gibt es genügend Platz für Otto und Christine Mollet mit ihren sieben Kindern. Schon lange benötigten sie mehr Raum für ihre Grossfamilie. Es gab bloss ein Problem: Ihr Bauernhof in der Mühle in Gossliwil befindet sich in der Juraschutzzone. Und da kann man nicht einfach ein Stöckli aus dem Jahr 1842 ausbauen. Im Gegenteil: Strenge Auflagen verhindern, dass das Orts- und Landschaftsbild verändert wird.

Das Paar wusste um seine sensible Wohnlage. «Also nahmen wir mit dem kantonalen Heimatschutzbeauftragten Kontakt auf, noch bevor wir zur Baukommision im Dorf gingen.» Markus Schmid sagte nach einem intensiven Austausch, was möglich ist und was nicht. Etwa, dass ein Anbau nicht das ganze Stöckli verdecken durfte. Eine Ecke musste sichtbar bleiben. Es sollte klar erkennbar sein, was alt und neu ist. Im ersten Stock durfte keine durchgehende Fensterfront eingebaut werden. Deshalb ist das Glasband unterbrochen und lässt etwas weniger Licht hinein. Zudem sind im oberen Stock die Räume etwas weniger hoch als gewünscht.

Seit gut einem Jahr steht nun der einstöckige Anbau mit Flachdach – eben das «Kistlein», wie Schmid sagt. «Es muss nicht immer historisierend sein. Man kann durchaus zeitgemässe Lösungen finden.» Und Mollets, für die Nachhaltigkeit sehr wichtig ist, freuen sich über die pragmatische Umsetzung. Die Fassade besteht aus naturbelassener Weisstanne, wie sie vor dem Haus im Wald wächst. Als «zweckmässig und bewohnbar» bezeichnen sie ihr Heim.

«Bedenkliche Auflagen»

Stärker eingeschränkt war die Planung der Familie Dick. Sie musste beim Umbau des markanten, 215-jährigen Bauernhauses zwischen Biezwil und Schnottwil diverse Auflagen in Kauf nehmen. «Besonders die Sprossen machen uns wenig Freude», sagt Marco Dick und zeigt auf die Fenster.

Statt durchgehend verglast sind diese mit Sprossen unterteilt. Nicht aus Kunststoff, sondern aus braunem Holz und aussen aufgesetzt mussten sie sein. Das ist nicht nur teurer, sondern auch unpraktisch beim Scheibenputzen. Kleiner als geplant sind die Fensterluken im weit heruntergezogenen Dach. Nun ists im oberen Stock eher düster. Weniger Licht dringt zudem durch die Westfassade. Auch dort war eine durchgehende Glasfront aus ästhetischen Gründen nicht möglich. Dafür konnte das ehemalige Tenn grossflächig verglast werden.

Während der junge Familienvater mit den Einschränkungen aussen leben kann, findet er diese im Innenteil «bedenklich». So musste der Grundriss im alten Wohnteil des Bauernhauses bestehen bleiben. Auch Decken-Holzbalken oder Wände durften nicht entfernt werden. Mit Blick auf die massigen Balken, die das Schlafzimmerfenster wie Gitterstäbe versperren, schüttelt Dick nur den Kopf. «Diese kann von aussen schliesslich niemand sehen.» Sollte es aber brennen, seien er und seine Frau eingesperrt.

Gleich von Beginn an unmöglich war die Installation eines kleinen Windrades, «der grösste Traum» von Rosmarie Ritz, die ebenfalls im Haus wohnt. Genügend Wind wäre vorhanden, auch der Lärm unproblematisch – doch die Kantonsregierung setzt in ihrer Strategie auf wenige grosse Anlagen, weil viele kleine Turbinen die Landschaft stärker beeinträchtigten.

Nicht wie eine Industriehalle

Ein paar hundert Meter weiter von Dicks steht der Hof von Walter Eberhard. Auch er musste beim Neubau seines Stalls Auflagen berücksichtigen. Damit sie nicht wie eine Industriehalle aussieht, durfte die Halle nicht ohne Vordach gebaut werden – was den Bau verteuerte. Zudem muss der Stall mit «regionstypischen Hochstammbäumen» umpflanzt werden.

Eberhard gefällt das Resultat mittlerweile sogar besser, selbst wenn es von seiner Planung abweicht und kostspieliger wurde. Die Holzstützen findet er ästhetisch. «Die optische Seite ist durchaus auch wichtig.» Einzig die Baubewilligung für die Solaranlage auf dem Dach sei fragwürdig. Denn in der Juraschutzzone sind Solaranlagen noch immer bewilligungspflichtig – Energiestrategie 2050 hin oder her.

Auch die Familie Mollet aus Gossliwil ist nicht unglücklich darüber, dass die Ästhetik bei ihrem Anbau eine wichtige Rolle spielte. «Schliesslich wollten wir unser Stöckli nicht verschandeln», sagt Christine Mollet. Am meisten erleichtert aber seien sie darüber, dass sie in der Juraschutzzone überhaupt ausbauen durften. «Alles andere wäre ein Fiasko gewesen.»