Audienz im Schlössli
Das Anwesen Brestenberg wird vom Landgut zur Abstellkammer

In der Umgebung von Solothurn gibt es so viel Türmlihäuser, dass sie sogar als Scheunen dienen können. Marcel Flückiger leitet auf dem ehemaligen Landschloss Brestenberg heute einen Bauernbetrieb mitten im Industriegebiet.

Christof Ramser
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Pächter Marcel Flückiger im Garten vor dem Türmlihaus. Seit über 20 Jahren hat seine Familie den Brestenberg gepachtet.

Pächter Marcel Flückiger im Garten vor dem Türmlihaus. Seit über 20 Jahren hat seine Familie den Brestenberg gepachtet.

Christof Ramser

Audienz im Schlössli

Zahlreiche Schlössli und prächtige Landsitze zeugen von einst feudalen Verhältnissen in unserer Region. Ob herausgeputzt oder halb verfallen – die ehemaligen Patrizierhäuser in der Umgebung von Solothurn faszinieren noch heute. In einer Serie blicken wir hinter die Fassaden der Häuser und treffen die Menschen, die in dieser besonderen Umgebung wirken, leben und arbeiten. Bereits erschienen: Schlösschen Vorder-Bleichenberg, Königshof, Wylihof (24. Juli), Schloss Waldegg (30. Juli), das Schlösschen auf dem Buechhof (6. August) und das Schloss Buchegg (14. August). Der Brestenberg schliesst die Sommerserie ab. (crs)

Doch genau dies war der Brestenberg einst: ein Landschloss wie der nicht weit entfernte Wylihof oder das Schlössli im Unteren Emmenholz. Rund um die Bauten und in den Gebäuden auf dem Brestenberg stehen Landmaschinen in allen Grössen und Farben. Seit einigen Tagen ist die Getreideernte vorbei. Für Flückiger, der seine Maschinen auch überbetrieblich in Lohnarbeit einsetzt, ist es ein kurzer Moment des Durchatmens, bevor im September die Sonnenblumen und dann der Mais geerntet werden. In der kalten Jahreszeit revidiert er zusammen mit seinem Bruder Peter, der Landmaschinenmechaniker ist, die Geräte. Auch Vater Peter Flückiger ist im Familienbetrieb beschäftigt. Im Winter sind Flückigers mit der Schneefräse im Einsatz. Bei Industriebetrieben wie Dosenbach, Kebag, Schaffner oder der Attisholz Infra räumen sie die Zufahrten frei.

Der Brestenberg ist auch ein Lagerplatz für Landmaschinen
8 Bilder
Der Blick geht auf die alte Zellulosefabrik
Auf der anderen Aareseite baut Biogen
Der wilde Garten vor dem Türmlihaus
Pächter Marcel Flückiger vor dem Eingang des Brestenberg
Ein altes Freiburger Wappen
Der Eingang zur Brunnstube von 1792
Ein alter Schüttstein in der Küche

Der Brestenberg ist auch ein Lagerplatz für Landmaschinen

Christof Ramser

Hof wurde 2008 abgerissen

Seit Generationen bauert die Familie Flückiger im Attisholz. «Schon mein Urgrossvater leitete den Bauernbetrieb auf dem Gelände der Zellulosefabrik», sagt Marcel Flückiger, der auf dem damaligen Bauernhof auf der Luterbacher Seite aufgewachsen ist. «Für mich war immer klar, dass ich Landwirt werden will.» Als die Zellstofffabrik Borregaard geschlossen und die Ansiedlung einer Grosssägerei verkündet wurde, musste die Pächterfamilie den Hof verlassen. 2008 wurde er abgebrochen. Das Land wurde weiter bewirtschaftet. Den Brestenberg hat die Familie bereits seit 1992 hinzugepachtet. Mit der Überbauung durch das Unternehmen Biogen verliert Flückiger rund 16 Hektaren Land in Gebrauchsleihe. Es verbleiben rund 60 Hektaren zur Bewirtschaftung. Vor allem für den Vater, der viel aufgebaut habe, seien diese Verluste nicht leicht hinzunehmen.

Besitzerin will nicht verkaufen

Nach einem Abstecher in den wilden Gemüsegarten, der von einer grosszügigen Trockenmauer eingerahmt wird, führt der Rundgang vorbei am Schopf mit der alten Schmitte und der Wäscheküche durch die schwere Holztüre in das Wohnhaus. Das Gebäude wird von der Denkmalpflege geschützt. Der Zahn der Zeit hat arg an den Türmchen genagt. Der Verputz bröckelt, in der Wand sind Risse. Erkennbar sind Bogenstrukturen, die von dorischen Säulen getragen und wohl irgendwann zugemauert wurden. «Der Bau ist ziemlich verfallen», sagt Flückiger, der mit seiner Frau und den drei Kindern nicht weit entfernt im Zelgli wohnt. Der 35-Jährige würde das Haus gerne kaufen und renovieren. Wobei er für die Instandstellung mit hohen Kosten rechnet. Bis auf weiteres will die Besitzerin Attisholz Infra den Brestenberg jedoch nicht veräussern.

Im Parterre ist eine Küche, im ersten Stock ein voll ausgestattetes Badezimmer eingebaut. Ansonsten stehen die grossen Räume leer. Tapeten hängen in Fetzen von den Wänden, da und dort fehlen Holzdielen. Eine Decke ist geschwärzt von einem Kaminbrand. «Seit die Familie Gerber 1992 ausgezogen ist, wurde nicht mehr allzu viel gemacht», sagt Flückiger. Das Wasser wurde abgestellt, damit die Leitungen im Winter nicht beschädigt werden. Geheizt wird aber, jedoch nur auf rund sechs Grad.

Von Täufern bewohnt

Einer, der den Brestenberg seit Jahrzehnten kennt, ist Urs-Viktor Sieber, Nachkomme der ehemaligen Besitzerfamilie der Zellulosefabrik Attisholz. Er hat als Bub mit den Kindern des Brestenbergs gespielt und holte die Milch direkt ab Hof. Über Archivmaterial des Landgutes verfügt er zwar nicht, doch Sieber weiss, dass der Hof bereits in den 1920er-Jahren zur Zellulose Attisholz gehörte. Errichtet worden sei das Türmlihaus wohl im 18. Jahrhundert. Die Familie Gerber, die die Höfe auf dem Brestenberg und im Unteren Emmenholz pachtete, habe zur evangelischen Freikirche der Mennoniten gehört. «Anfang des 20. Jahrhunderts gab es sogar eine Fähre, die zwischen dem Brestenberg und dem Emmenholz verkehrte.»

Nach dem Gespräch macht sich Marcel Flückiger an die Arbeit. Er will den Mähdrescher einfetten und für die spätere Überwinterung vorbereiten. Für diese Saison hat der Getreideernter seinen Dienst getan. Er wird zu den anderen Maschinen gestellt in einem einst vornehmen Landschloss, das heute auch eine Abstellkammer ist.

Ein Brunnen mit fünf Ecken Wer vor dem alten Türmlihaus auf dem Brestenberg steht, dem fällt er sofort auf: der Brunnen vor der Scheune. Aus zwei gusseisernen Röhren strömt das Wasser in zwei Becken. Diese sind nicht etwa rechteckig, sondern haben beide fünf Ecken. Warum die Troge speziell geformt sind, weiss Brestenberg-Pächter Marcel Flückiger nicht. Dafür kann er sich auf die Wasserquelle verlassen. «Das Wasser strömt jeden Tag, sommers wie winters. Ich trinke häufig davon, es ist sehr gut.» Die Brunnstube liegt etwa 100 Meter entfernt, mitten in der Hostet mit den Apfelbäumen. Die eingeritzte Zahl 1792 auf dem Steinwürfel, der die Quelle verschliesst, zeigt es an: Seit über 200 Jahren speist die Quelle den Doppelbrunnen auf dem Brestenberg. (crs)

Ein Brunnen mit fünf Ecken Wer vor dem alten Türmlihaus auf dem Brestenberg steht, dem fällt er sofort auf: der Brunnen vor der Scheune. Aus zwei gusseisernen Röhren strömt das Wasser in zwei Becken. Diese sind nicht etwa rechteckig, sondern haben beide fünf Ecken. Warum die Troge speziell geformt sind, weiss Brestenberg-Pächter Marcel Flückiger nicht. Dafür kann er sich auf die Wasserquelle verlassen. «Das Wasser strömt jeden Tag, sommers wie winters. Ich trinke häufig davon, es ist sehr gut.» Die Brunnstube liegt etwa 100 Meter entfernt, mitten in der Hostet mit den Apfelbäumen. Die eingeritzte Zahl 1792 auf dem Steinwürfel, der die Quelle verschliesst, zeigt es an: Seit über 200 Jahren speist die Quelle den Doppelbrunnen auf dem Brestenberg. (crs)

Christof Ramser