Die Opfer von letzter Nacht liegen noch auf dem Asphalt. Frösche und Kröten, die es nicht bis ins Laichgebiet im Bellacherweiher geschafft haben. Sie wurden plattgefahren. Es ist 6.40 Uhr, Dämmerstimmung zwischen Bellach und Lommiswil. Die ersten Pendler fahren zur Arbeit. Am Strassenrand stehen vier Menschen. In Leuchtwesten gehüllt, bücken sie sich hinunter, wo die Fangkübel in die Erde eingegraben sind. 24 dieser Kessel stehen entlang der Strasse beim Hubel hinter einem 350 Meter langen, grünen Stoffzaun.

In den Kübeln quakt und quiekt es. Dutzende grüne und braune Tierchen krabbeln da herum. Murielle Mermod ergreift einen Grasfrosch. Mit seinem breiten Kopf, den langen Hinterbeinen und dem gelbbraunen Körper ist er unterwegs vom Busletenwald zum Laichplatz. Das Tauwetter hat seine Triebe geweckt. Wenn Ende Februar, Anfang März die Temperaturen auf 5 Grad steigen, setzen sich die Massen in Bewegung.

«Eine Misere»

Tausende Amphibien tun es dem Grasfröschlein in diesen Wochen gleich. Vom Wald am Jurahang gehts über die Strasse, dann über das Gleis des Moutierbähnchens, den steilen Hang hinunter ans Wasser. Dort treffen sich Männlein und Weiblein zum grossen Frühlings-Froschkonzert. Damit die Tiere nicht überrollt werden und ihre Art gesichert werden kann, tragen sie Helfer derzeit jeden Morgen und Abend über die Strasse.

Neben der Biologin Murielle Mermod von der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (Karch) sind an diesem Morgen Karin Tschannen, Franz Lötscher und Hildegard Leder im Einsatz. «Ich sah früher immer wieder massenhaft überfahrene Tiere auf der Strasse», sagt Lötscher. «Das ist doch eine Misere. Es ist wichtig, die Natur zu schützen.» Der Lommiswiler holt gerade eine Erdkröte aus dem Kübel. Oder besser gesagt, deren zwei. Denn die Erdkröten sind derzeit im Doppelpack unterwegs. Die Männchen springen den deutlich grösseren Weibchen auf den Rücken, klammern sich mit den kräftigen Vorderbeinen fest und lassen sich bis zum Laichplatz tragen. «So sollten wir menschlichen Männchen es doch auch einmal haben», sagt Lötscher und lacht.

Interview mit Franz Lötscher

Froschparadies Wylihof

Zur erfolgreichen Amphibienwanderung leisten neben den freiwilligen Helfern verschiedene Akteure ihren Beitrag. Die Werkhöfe der Gemeinden stellen die Zäune auf, das Kreisbauamt installiert die Signalisationstafeln und Ausstiegsleitern in Abflussschächten. Finanziert werden die Rettungsaktionen vom Amt für Raumplanung.

Neben Lommiswil gibt es im Kanton drei weitere betreute Zugstellen: zwischen Seewen und Bretzwil, zwischen Herbetswil und Welschenrohr und zwischen Deitingen und Luterbach. In Luterbach sind Willy Koch und Werner Kocher regelmässig frühmorgens an der Kantonsstrasse anzutreffen. Dort wandern die Amphibien zwischen dem Affolterwald beziehungsweise dem Lachenwald ins Laichgebiet auf dem Golfplatz Wylihof. Wo vorher intensives Landwirtschaftsland war, befindet sich nun ein Green mit mehreren Teichen.

«Ich helfe das erste Jahr mit», sagt Koch. «Die Aktion entwickelt sich sehr positiv.» Mehrere hundert Tiere hat er schon vor dem Autoverkehr gerettet. Neben Kröten und Fröschen tappen in Luterbach auch Molche in die temporären Fallen auf der Südseite der Kantonsstrasse. «Insbesondere Bergmolche», präzisiert Koch. «Sie haben einen schönen orangen Bauch und auf dem Rücken einen feinen Streifen.» Auch Fadenmolche habe er schon gerettet. «Wir müssen zur Umwelt Sorge tragen und unseren Nachkommen eine intakte Natur überlassen. Dazu gehören auch die Amphibien», beschreibt Koch seine Motivation. Der Verkehr auf der Strasse zwischen Luterbach und Deitingen habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen. «Das wäre der sichere Tod für die Tiere, weil sie oft auf der warmen Strasse verharren.»

Ein sehr guter Fang

Im Hubel zwischen Lommiswil und Bellach ist es inzwischen 8 Uhr geworden. Die Sonne steht weit über dem Horizont, und für die Amphibienhelfer zeichnet sich ein erfolgreiches Tagwerk ab. Murielle Mermod schaut auf ihren Notizblock. 356 Tiere haben sie an diesem Morgen eingesammelt. 53 Grasfrösche und 303 Erdkröten. «Das ist wahnsinnig viel», freut sich die Frau, die vom Kanton ein Mandat für Amphibienfragen innehat und bei der Karch für den südwestlichen Kantonsteil zuständig ist. «Mit so einer grossen Anzahl haben wir nicht gerechnet.» Das hänge sowohl mit dem guten Laichgewässer zusammen als auch mit dem optimalen Lebensraum im Wald. Doch noch immer befinden sich die Erdkröten auf der Roten Liste für gefährdete Amphibien.

Jene Tiere, die die vier Helfer gestern über die Strasse trugen, sind noch einmal davonkommen. Unterhalb der Bahngleise hüpfen sie aus den Kübeln und machen sich im huckepack auf zum Laichgewässer. Den Bellacherweiher als ihr Geburtsgewässer finden diese «Schwarzmeerfrösche» immer wieder. Wie sie das schaffen, bleibt bis heute teilweise ein Geheimnis.