Derendingen
Damit sich Kleinlebewesen retten können, schaufelt er die Erde von Hand weg

Im Derendinger Elsässli-Quartier wird der zweite belastete Garten saniert. Damit das vorhandene Leben im Boden nicht zerstört wird, wird die Erde von Hand weggeschaufelt.

Rahel Meier
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Willi und Ljeposava Ingold sanieren an der Krempelgasse 8 den zweiten Garten mit belastetem Boden
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Zweiter Elsässli-Garten wird saniert – mit neuem Ansatz
Alles, damit die Kleinstlebewesen überleben können.
Die Erde wird von Hand weggeschaufelt und mit einer Schubkarre in einen Container gebracht
Kleines Idyll im Elsässli-Quartier
Ein Stück braches Land von oben
Ingolds haben auch einen Schwalbenturm im Garten.
Der Schwalbenhturm

Willi und Ljeposava Ingold sanieren an der Krempelgasse 8 den zweiten Garten mit belastetem Boden

Michel Lüthi

Willi und Ljeposava Ingold sind die Nächsten, die ihren belasteten Garten im «Elsässli» sanieren. «Ich habe mich lange dagegen gewehrt», so Willi Ingold. Im Jahr 2002 kam das Ehepaar Ingold nach Derendingen. «Wir hatten von Anfang an das Ziel, hier eine Oase zu schaffen.» Der heute 60-jährige Ingold ist seit seiner Schulzeit Mitglied beim WWF.

Das Ausmass der Umweltzerstörung, das in den 60er-Jahren sichtbar war, hat ihn betroffen gemacht und sensibilisiert. Heute ist der Garten der Ingolds bekannt als kleines Naturparadies. 24 verschiedene Tagfalter leben dort. Sie finden an der Krempelgasse 8 offenbar die Bedingungen, die sie brauchen, um sich zu verpuppen und zu schlüpfen. Dazu kommen viele weitere Insekten und Kleinlebewesen. Auch seltene Sträucher oder Blumen gedeihen, beispielsweise Zimtrosen.

Schwalbenschwanz
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Zitronenfalter
Kaisermantel
Grosser Feuerfalter
Damenbrett
Hauhechel-Bläuling
Grosses Ochsenauge

Schwalbenschwanz

Willi Ingold

Plötzlich Teerstücke gefunden

Ingolds haben seit 2002 ihren Garten kontinuierlich umgestaltet. Im östlichen Teil des Gartens haben sie schon zu Beginn umgegraben und teilweise auch neue Erde eingebracht. «Wir konnten nie eine Verschmutzung feststellen», so Ingold. «Erst diesen Sommer fanden wir plötzlich Teerstücke vor, wenn im Garten gearbeitet wurde.»

Das brachte Willi Ingold ins Grübeln. «Meine Frau stellt Smoothies aus Früchten und Gemüse aus dem Garten her. Es kann ja nicht, sein, dass wir solche Sachen als natürlich und selbst gemacht anbieten, wenn der Boden, in dem die Zutaten wachsen, verseucht ist.» Ingolds entschlossen sich daraufhin, Bodenproben entnehmen zu lassen. Das Resultat war ernüchternd: Die Belastung ist im ganzen Garten fast konstant gleich hoch.

Arbeit von Hand

So soll nun der Garten auf einer Fläche von rund 12 mal 9 Meter saniert werden. «Am Sonntagabend sassen wir noch draussen und beobachteten eine Igelfamilie. Da das Wetter schön war, konnten wir auch einer ganzen Gruppe Grashüpfer zusehen.» Am Montagmorgen kam dann die bestellte Mulde und Willi Ingold begann damit, den Boden von Hand und Schaufel abzutragen. Eine Woche Ferien setzt er dafür ein. «Einige meiner Nachbarn finden zwar, dass ich spinne. Aber anders kann ich das nicht machen», so Ingold.

Probebohrungen werden bezahlt

Der Gemeinderat Derendingen hat in einer seiner letzten Sitzungen einen Betrag von 80 000 Franken gesprochen. Mit diesem Geld sollen Probebohrungen in allen Gärten im «Elsässli» ausgeführt werden. Zurzeit sei man daran, die Unterschriften der Bewohner einzuholen, damit die Firma, die die Bohrungen ausführt, die Grundstücke betreten darf. Anschliessend wissen die Bewohner genau, wie stark ihr Garten effektiv belastet ist und können sich die weiteren Schritte überlegen. Die beiden Parteien, die ihren Garten bereits saniert haben, dürfen das Geld, das sie für die Probebohrungen ausgegeben haben, bei der Gemeinde zurückfordern. (rm)

Würde der Boden mit schweren Maschinen befahren, würden auch alle Kleinlebewesen getötet. «Jetzt haben sie immerhin noch die Chance zu flüchten.» Millionen von Sämlingen gingen trotzdem verloren. «Dort, wo es uns möglich war, haben wir die Samen abgenommen und versuchen sie später wieder anzupflanzen.» Auch einige andere Pflanzen stehen im Depot und sollen wieder eingepflanzt werden.

Mit der Handarbeit spart Ingold auch Geld, denn das Entsorgen des belasteten Bodens ist ein teurer Spass. 120 Franken koste eine Tonne zurzeit. Die obersten 25 Zentimeter des Bodens müssen in eine Deponie Typ E (früher Reaktordeponie) entsorgt werden, die weiteren 15 Zentimeter kommen in eine Deponie des Typs B (Inertstoffdeponie).

Wo die neue, unbelastete Erde herkommt, weiss Ingold zurzeit noch nicht. Sie müsse nicht nur unbelastet sein, sondern auch in seinen Garten passen, meint er. Dann sollen die geretteten Pflanzen wieder eingesetzt werden. «Vielleicht pflanzen wir noch einen Apfelbaum. Unserer ist vor einem Jahr eingegangen.» Danach sollen wieder Inseln für Kleinlebewesen angelegt werden. «Die Lebensgemeinschaften im Garten sind sensibel», so Ingold.

Er kritisiert auch die Behörden. «Seit vier Jahren leben wir mit den belasteten Böden. Bisher mussten wir alles selbst bezahlen und haben auch sonst nicht viel Hilfe erhalten.»

Wirksam ist nur der Austausch der Erde

Die Gärten im «Elsässli» sind mit PAK (Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe) belastet. Weil die Konzentration so hoch ist, dass sie als gesundheitsgefährdend betrachtet wird, haben die kantonalen Fachstellen Nutzungseinschränkungen verhängt. Zusätzlich wurde ein Eintrag im Grundbuch verfügt. Die Böden sind aber nicht als Altlast eingestuft. Ihre Nutzung und Sanierung wird nach den Vorgaben der VBBo (Verordnung über Belastungen des Bodens) gehandhabt. Der Abtrag der obersten Schicht des Bodens ist die einzige Massnahme, mit der die Gärten saniert werden können. (rm)