Der kleine Esel ist umgefallen. Dem Auge des detailverliebten Perfektionisten ist das sofort aufgefallen. Rasch bringt Gaudenz Kläusler die Formation «seiner» Krippe wieder in Ordnung. Das Jesuskind, Maria und Joseph fehlen noch. «Eins nach dem anderen», erklärt der Sakristan der Kirche St. Mauritius, «das muss so sein, die kommen erst an Heiligabend an ihren Platz.» Denn Kläusler hält sich strikte ans Drehbuch der Weihnachtsgeschichte, und darin steht, dass das Jesuskind im Stall von Bethlehem geboren wurde, nachdem Maria und Josef die halbe Nacht auf der Suche nach einer Bleibe umhergeirrt waren.

Seit 22 Jahren kümmert sich Gaudenz Kläusler um die Kirche St. Mauritius in Kriegstetten. Dieses Jahr sei die Adventszeit besonders intensiv. Schlag auf Schlag folgen sich die Anlässe. Die Krippe gestalten, den Weihnachtsbaum aufstellen, das Konzert am Samstag vorbereiten, in einer Nachtschicht die Bühne ab- und den Altar wieder für den vierten Advent am Sonntag aufbauen, dann Heiligabend am Montag und die Weihnachtsfeier am Dienstag. Da kommt ein Sakristan nicht zur Ruhe. «Es ist gleichzeitig die anstrengendste und die schönste Zeit des Jahres. Als ich am vergangenen Sonntagmorgen mit allen Arbeiten fertig war, fiel mir ein Stein vom Herzen. Jetzt kann ich es geniessen. Den Stephanstag wird die Familie Müller übernehmen und ich kann dann ein paar Tage Ferien machen.»

In die Wiege gelegt

Einen Rekord hält Gaudenz Kläusler bis heute: Mit damals erst gerade 19 Jahren schloss er seine Ausbildung in Einsiedeln ab und wurde zum jüngsten Sakristan der Schweiz. Eigentlich wurde ihm das Amt aber bereits in die Wiege gelegt: «Meine Eltern waren in der St.-Ursen-Kathedrale und danach über 20 Jahre in Derendingen als Siegrist tätig, und ich habe schon als Kind immer in der Kirche mitgeholfen.»

Siegrist und Sakristan, das sind zwei Worte für denselben Beruf, erklärt Kläusler. Und was macht ein Sakristan so? Er hält die Haustechnik in Schuss, putzt die Kirche und sorgt für Ordnung. Er stellt die Kerzen und den Messwein bereit. «Zur Messvorbereitung gehört es auch, die Gewänder und die Bücher mit der richtigen Lesung für den Pfarrer und den Diakon bereitzulegen. Die empfindlichen Gewänder, die alten Hölzer und der zum Teil vergoldete Kirchenschmuck müssen schonend behandelt werden, da kann man nicht einfach mit Javelwasser dahinter. Schliesslich sollen noch viele Generationen Freude daran haben.»
Viele helfen mit

Sakristan ist Kläusler nur im Nebenamt, hauptberuflich arbeitet er als Hauswart für eine grosse Versicherung. Mittlerweile teilt er sich das Amt mit der Familie Müller aus Halten. «Wir helfen uns gegenseitig; für mich alleine wurde es einfach zu viel», sagt er. «Die Leute sehen uns während des Gottesdienstes, wenn wir vorne sitzen und an der Messe teilnehmen. Sie kommen in die Kirche und sind es sich gewohnt, alles perfekt anzutreffen. Wie viel das zu tun gibt, wissen nur wenige. Ohne Kollegen, die mich unterstützen, wäre es zum Beispiel gar nicht möglich gewesen, den grossen Weihnachtsbaum aufzustellen.»

Die Kirche St. Mauritius ist eine der grössten und schönsten der Region und sie zeichnet sich durch eine herausragende Akustik aus. Zur Kirchgemeinde gehören neben Kriegstetten auch Oekingen, Halten, Heinrichswil, Horriwil und Obergerlafingen. Bei den Hochämtern sei die Kirche immer gut besucht, aber Gaudenz Kläusler bedauert, dass heute deutlich weniger Leute die Messen besuchen als noch vor 20 Jahren. «Aber immer, wenn eine junge Familie mit den Kindern neu in die Kirche kommt, freut mich das ganz besonders. Wenn dann die Kinder mit leuchtenden Augen die Krippe anschauen, dann ist das der schönste Lohn für die viele Arbeit.»

«Grosse Familie»

Seine Kirche bezeichnet Gaudenz Kläusler als «grosse Familie»; mit dem Pfarrer und dem Diakon pflege er eine Freundschaft. «Es ist wirklich schön, ein Teil dieser Kirchgemeinde sein zu dürfen. Denn Sakristan ist man nicht wegen des Geldes. Es ist der Glaube, der mich motiviert. Das habe ich von meinen lieben Eltern mitbekommen. Schon als ich in die Schule ging, half ich gerne in der Kirche. Sakristan ist man aus Überzeugung.»