Weissenstein-Girona

Crowdfunding geglückt, aber Handgelenk gebrochen: Gelähmter Bellacher verschiebt sein Abenteuer

Wegen des Bruchs ist Stefan Keller momentan nicht am Trainieren. (Archiv)

Wegen des Bruchs ist Stefan Keller momentan nicht am Trainieren. (Archiv)

Stefan Keller plant vom Weissenstein bis ins spanische Girona zu rollen und zu fliegen. Ein Knochenbruch lässt ihn das Projekt nun hinausschieben. Das verschafft ihm ungewöhnlich viel Zeit. Zeit, um in die Politik einzusteigen.

Harzig hat es begonnen, fulminant war der Schlussspurt: 15'015 Franken sind insgesamt über das Crowdfunding auf der Plattform «I believe in you» zusammengekommen. Das sind 15 Franken über dem gesetzten Ziel, welches es innerhalb von 14 Tagen zu erreichen galt. 78 Personen haben Geld für das Projekt von Stefan Keller überwiesen. Die meisten sind Bekannte von ihm. Auch solche, zu denen er seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte.

«Sechs Personen haben gleich mehrmals einen Beitrag geleistet», so der 55-jährige Bellacher. Diese hätten am Schluss wohl abgewartet, ob es reichen würde und dann nochmals das Portemonnaie gezückt. «Es war ein ‹Hitchcock› bis zum Schluss», meint Keller.

Die finanzielle Minimalanforderung ist mit den 15'000 Franken gegeben. Dem Projekt «Weissenstein-Girona – 700 Kilometer mit Gleitschirm und Rollstuhl» würde nichts mehr im Wege stehen. Würde, denn am 11.Juli hat sich Stefan Keller das Handgelenk gebrochen. «Ich wollte nach dem Mittagessen im Sennhaus vom Weissenstein hinunterfahren. Und dabei ist es passiert.»

Echt dumm gelaufen. Keller musste das Projekt auf Eis legen. Dass Stefan Keller am 11. August 2018 in seinem Rollstuhl vom Weissenstein aus aufbrechen und seinen Weg in Richtung Girona unter die Räder und den Gleitschirm nehmen wird, ist undenkbar, muss der Knochen doch erst wieder heilen. «Im Mai 2019 soll das Ganze nun stattfinden», berichtet der seit einem Unfall im Jahr 2012 Gelähmte.

Im unerwarteten Zeitfenster sieht der Bellacher eine grosse Chance, mehr aus dem Projekt zu machen. «Es kann dadurch nur an Qualität gewinnen», meint er. Das gibt ihm auch mehr Zeit, nach Sponsoren zu suchen, obwohl er unter anderem in der Stadt Solothurn und Solothurn Tourismus grosszügige Unterstützung gefunden hat.

Kandidatur für Wahl

Hier nimmt die Geschichte nochmals eine etwas unterwartete Wendung. Auf Rat von Stadtpräsident Kurt Fluri findet sich Stefan Keller auf der Homepage der Gemeinde Bellach wieder, um auch dort wegen Sponsoring anzufragen. Dabei stösst er auf die im September anstehende Neuwahl des Gemeindepräsidenten – nochmals, denn von einem Fliegerkollegen wurde er schon früher auf die Wahl aufmerksam gemacht. «Er meinte, das wäre doch ein Job für mich.» Der bisherige Präsident Roland Stadler war im März 2018 im Alter von 62 Jahren gestorben.

Obwohl es ihn «gluschtet» habe, habe er davon abgesehen zu kandidieren, meint Keller. Er habe es den anderen Kandidaten nicht streitig machen wollen. Als er sich nun nach seinem Unfall auf der Homepage umsieht, kommt er zum Schluss: «Wieso eigentlich nicht. Es soll eine sportliche Wahl geben.» Und schliesslich gelte: Keine Wahl ohne Auswahl. Mit den anderen Kandidaten habe er schon gesprochen. 

Keller macht klar: Die Kandidatur sei unabhängig von seinem Projekt Weissenstein-Girona erfolgt. Der 55-Jährige weiss, dass er als Aussenstehender und Neuzuzüger – erst am 1. April 2018 ist er von Langendorf nach Bellach gezogen – keinen einfachen Stand hat. Als Vorteil sieht er seine Parteiunabhängigkeit, «denn der Gemeindepräsident sollte ja möglichst gute Sachpolitik machen. Weil ich parteilos bin, kann ich auch mit Unterstützung der Parteien, die keinen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken, rechnen.» Diese hätten Freude an seiner Kandidatur, meint er. Bisher sind es also vier Kandidaten, die zur Wahl antreten. Es wird mit einem zweiten Wahlgang gerechnet.

In Bellach gefällts ihm

Hat Stefan Keller denn überhaupt Zeit für das 60-Prozent-Pensum eines Gemeindepräsidenten? Er müsste bei seinen Coachings etwas zurückschrauben, ansonsten passe das wunderbar. Seit er seine Flugschule im letzten Jahr abgab, habe er viel mehr Zeit.

Seine Kandidatur bezeichnet er selbst als mutig. Aussichtslos scheint sie ihm jedoch offenbar nicht zu sein. «Die Leute in der Gemeinde nehmen mich wahr und grüssen mich.» Weil er durch den Bruch zur Ruhe gezwungen sei, habe er nun Kapazität für Wahlkampf. Das bedeutet für ihn neben Leuten anzusprechen und ein Wahlkomitee zu bilden auch zu büffeln. Über die Bauern im Dorf müsse man beispielsweise Bescheid wissen, sagt er. Auch wenn dies dann in der Amtsausführung keinen direkten Einfluss habe. Bellach gefällt ihm. «Mir ist es ‹sauwohl› hier. Es lebt sich gut.»  

Mit der Verschiebung seines sportlichen Projekts bleibt ihm nun auch zusätzliche Zeit, um mehr Sponsoren und auch ein Kamera-Team zu finden, das seine Reise dokumentiert. Der Wunsch Kellers, einen sportlichen Gegner zu finden, scheint sich schon mal zu erfüllen. Ein guter Freund, Gemeinderat aus dem Kanton Zug und ebenfalls Gleitschirmpilot, sei sehr interessiert, die Herausforderung anzunehmen. «Damit bekommt das Projekt eine andere Dimension und einen zusätzlichen Sinn.» Alles in allem denkt Stefan Keller nun, «dass mir mit dem Sturz eigentlich etwas Gutes passiert ist.» Das Projekt profitiere davon, ist er überzeugt.

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