«Warum habt Ihr Euch für diesen Kurs entschieden?», fragt Chia-hua Marti die fünf Mädchen. Es ist die Neugierde über die geheimnisvollen, schönen Zeichen, die Anna Lena, Fiona, Jennifer, Kristin und Noemi zur Anmeldung «Chinesische Kalligrafie» des Bucheggberger Ferienpasses bewogen haben.

«Diese Schrift ist eine Kunstrichtung, die in engem Zusammenhang mit der chinesischen Malerei steht», erklärt die gebürtige Taiwanerin, die seit sieben Jahren im Bucheggberg wohnt. Die chinesischen Kalligrafen seien oft auch bedeutende Maler gewesen. Einer der berühmtesten war laut der Kursleiterin Wang Xizhi, dessen Stil nach mehr als einem Jahrtausend noch heute als Grundlage des Unterrichts dient.

Die Schreibwerkzeuge für Kalligrafie – Pinsel, Tusche, Papier und Tuschereibstein – nennt sie als die «Vier Schätze des Gelehrtenzimmers». Charakteristisch für den Schreibpinsel ist die schmiegsame, nach unten anlaufende Spitze. Sie erlaubt sehr feine aber auch breite Striche. Für die flüssige Tusche, reibt Chia-hua Marti ein sogenanntes Tuschestäbchen, getüncht in Wasser, auf einem Reibstein, bis die gewünschte Konsistenz erreicht wird.

Gefühl ist gefragt

Die Anmerkung auf der Kursausschreibung «eine hoch geduldige Herausforderung», bewahrheitet sich schon bald. Denn die chinesischen Zeichen bedeuten keineswegs einfach nur malen, gefragt ist sehr viel Gefühl, Gelassenheit und Ruhe. Die Grundelemente der Zeichen trainieren die Mädchen mit dem klassischen Übungszeichen «Ewigkeit». Nicht ohne vorher die richtige Körper- und Pinselhaltung intus zu haben.

Geduldig erklärt Chia-hua Marti, ob die Striche und Punkte langsam oder schnell, mit mehr oder weniger Druck, betont oder unterbetont sein müssen. Sie veranschaulicht die acht Prinzipien eines Schriftzeichens, welche die wichtigsten Grundstriche repräsentieren. Dabei ist die Strichfolge der chinesischen Schriftzeichen streng geregelt. So kommt etwa waagrecht vor senkrecht oder linksauslaufend vor rechtsauslaufend.

«Eine Reise von tausend Meilen fängt unter deinem Fuss an». Diesen Spruch des Philosophen Laozi bringen die fünf interessierten Mädchen schliesslich gegen Kursende auf Papier. Das Kunstwerk mit den acht Schriftzeichen findet bei ihnen, eingerahmt, einen Ehrenplatz im Zimmer.