Der Spielplatz des alten Schulhauses in Mühledorf ist um ein Kunstwerk reicher. Wo am Dienstagmorgen noch verblichene Zeichnungen und Farbreste waren, prangt seit Mittwochnachmittag ein farbenfrohes Graffiti.

Erstellt haben es sieben Bucheggberger Kinder im Rahmen des Ferienpasses. Angeleitet und unterstützt wurden sie durch Christoph Moser, der in seiner Freizeit selber mit Spraydose, Pinsel und Farbe unterwegs ist und im Verein «Beneath the Surface» (BTS) mitwirkt.

Zuerst die Basics…

«Muss ich Angst haben, dass sie nachher zu Hause die Wände vollsprayen?» Die Frage einer Mutter ist zum Glück genau so wenig ernst gemeint, wie Christoph Mosers Antwort: «Ja natürlich, ich gebe ihnen die restlichen Dosen mit nach Hause», entgegnet er lachend. Als die zukünftigen Künstler im Estrich der Gemeindeverwaltung Platz genommen haben, wird nämlich erstmal über die Form von Graffitis, über Legalität und Illegalität gesprochen: «Wer von euch hat schon mal gesprayt?»

Zögerlich heben zwei Kinder die Hand. Der Rest befindet sich offenbar auf Neuland.  «Und wo darf man sprayen?», fragt Moser. «An speziellen Wänden», weiss jemand. «Und auf Zügen darf man nicht.» Moser erklärt daraufhin, dass derzeit im Raum Solothurn nur auf dem Areal des Kofmehls gesprayt werden darf. «Sonst muss man immer fragen.»

Ab und zu stelle die SBB Zugwagen zur Verfügung, der dann bemalt werden darf. Das Highlight für jeden Graffiti-Künstler, wie er später im Pausengespräch anfügt. Ansonsten seien Graffitis etwas sehr vergängliches. Auf dem Kofmehl-Areal etwa spraye man sein Bild, datiere und fotografiere es. «Dann steht es ungefähr zwei Wochen lang», bis jemand anderes sein eigenes Bild darüber male.

… dann wird skizziert…

Im Ferienpass-Kurs vermittelt Moser das Graffitihandwerk von A bis Z. So werden am Dienstagmorgen Ideen gesammelt und Skizzen erstellt und am Nachmittag die Wand grundiert, bevor am Mittwoch das Graffiti entsteht. Der Estrich ist am Dienstagmorgen eine Ideenwerkstatt, die Kinder erhalten Bleistifte und scheinbar unendlich Papier, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Moser zeichnet einige Buchstaben vor, lässt den jungen Künstlern aber bald freie Hand. «Ihr dürft alles zeichnen», erklärt er.

Denn Graffitis bestehen für ihn nicht nur aus Schriftzügen. Stattdessen gilt: «Es soll Freude machen.» Und so legen die Kinder los, Selina schreibt ihren Namen, Nadine zeichnet Fische, Benedikt eine Spraydose.

Dabei wir immer stärker experimentiert und die Berge an «zerchrügeletem» Papier häufen sich. Moser steht mit Rat und Tat, bzw. mit Bleistift und Comicbüchern zur Seite, hilft, wenn die Ideen ausgehen und zeichnet selbst Kühe, Totenköpfe, Schlümpfe und Schriftzüge.

Ansonsten sorgt er mit seiner ruhigen und fröhlichen Art für die optimale Stimmung, in der sich die Kinder entfalten können. Als die Finger warm sind, geht’s ans eigentliche Motiv: «Was wollen wir denn überhaupt zeichnen oder schreiben?»

Die Antwort folgt prompt: «Bämbus!» Klar, Bambus mit ä, was sonst. Da man zu siebt ist und alle mindestens ein Zeichen übernehmen wollen, wird noch etwas modelliert. Das Ergebnis: «Bämbuss 1». Kurz vor dem Mittag steht die Skizze des künftigen Kunstwerkes: Eine bunte Mischung aus Buchstaben in unterschiedlichen Stilen und vielen Zeichnungen, die das Ganze ergänzen sollen.

… bis das Kunstwerk steht

Auch wenn Graffitis rebellisch wirken: «Das verläuft immer nach Schema X», erklärt Moser. Grundieren, mit einer hellen Farbe skizzieren, mit etwas dunkleren Farben verfeinern, erst dann wird das eigentliche Graffiti gesprayt.

Und so üben sich die Kinder im Umgang mit Spraydosen, während das Thermometer vor allem am Nachmittag stetig hinauf klettert. Davon lassen sich die Nachwuchssprayer aber nicht beeindrucken. Während den Stunden an der Wand können sie ihrer Kreativität nochmal richtig freien Lauf lassen und zeigen grosse Begeisterung bei ihrem neu gefundenen Hobby.

Bis zum Ende des Nachmittags steht «Bämbuss 1» an der Wand, verziert mit zahlreichen Zeichnungen – darunter Nadines Fisch und Benedikts Spraydosen. Stolz posieren die Künstler am Schluss vor dem Bild, das die üblichen zwei Wochen eines gewöhnlichen Graffitis überdauern dürfte. Aber wer weiss: Vielleicht erhält die Wand im nächsten Jahr im Ferienpass wieder ein neues Gesicht.