Jeder bestreitet seinen eigenen individuellen Lebensweg. Da passe die Anekdote zum Wasser gut, so Regierungsrätin Brigit Wyss: Im Leben werde man häufig einfach ins Wasser geworfen, manchmal finde man bloss Wasser vor, manchmal lägen aber auch kleinere oder grössere Steine im Bachbett. Wyss war anlässlich des alljährlichen Kirchensonntags der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Lüsslingen-Nennigkofen-Lüterkofen-Ichertswil eingeladen worden.

Das Thema des persönlichen Lebensweges bildete den Mittelpunkt des Laiengottesdienstes, dessen Schwerpunkt jeweils vom Synodalrat Bern-Jura-Solothurn vorgegeben wird. Umgesetzt wurde der Kirchensonntag in Lüterkofen von vier Kirchgemeinderatsmitgliedern. Sie brachten die Thematik durch ein vorgetragenes Gebet, eine Bibelgeschichte und durch Lieder, die gemeinsam mit dem Publikum gesungen wurden, näher.

Irène Isch, Kirchgemeinderatspräsidentin, sprach über die Biegungen und Abzweigungen im eigenen Lebensweg und über die Formung der eigenen Identität. «Sie wird durch Umstände wie den Wohnort oder die Menschen geprägt, unter denen wir leben. Gleichzeitig haben auch wir Einfluss auf Identitäten von Menschen.»

Weg mit vielen Abzweigungen

Der Kirchensonntag hatte zum Ziel, die Lust am Erzählen zu wecken und das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass alle Menschen mit verschiedensten Lebensgeschichten leben und aus Geschichten auch hilfreiche Einsichten mitgenommen werden können. Wer Wyss’ Lebensgeschichte schon einmal gehört hat, weiss, dass sie viel erlebt hat und dass sich auf ihrem Lebensweg viele Abzweigungen ergaben. Als Überleitung in ihrer zweiteiligen Erzählung spielte der Organist Doychin Raychev einen Tango auf der Orgel, passend zur Lebensgeschichte von Wyss, die ihr Leben musikalisch als Tango umschrieb.

Wyss wuchs als drittes von vier Kindern auf einem Bauernhof in Lüsslingen auf. Neben der Schule musste sie häufig auf dem Hof mitarbeiten. Dies habe sich positiv auf ihr späteres Leben ausgewirkt. «Dadurch habe ich mich von Anfang an in die Gesellschaft eingegliedert gefühlt. Ich erhielt durch diese Arbeit Selbstvertrauen und sah auch, dass jeder einen Beitrag in dieser Gesellschaft leistet, dass wir alle ein Teil eines Ganzen sind.» Nach der Schule machte sie eine Schreinerlehre und war die einzige Frau im Betrieb. Dabei packte sie bei allem an und war überall mit dabei, wo auch die Männer dabei waren. Sie wollte zeigen, dass sie als Frau alles kann, was Männer können und war entsprechend integriert. Weiter erzählte sie von ihren Reisen nach Süd- und Nordamerika, von ihrer Arbeit in der Psychiatrie, ihrer Zeit als Mutter und wie sie die eidgenössische Matur nachholte, aus Vernunftgründen Jura studierte. Es sei ein Studium gewesen, mit dem sie sich erst später versöhnte, als sie im Anschluss als Juristin im Umweltbereich arbeiten konnte. Auch auf ihre politische Karriere kam sie zu sprechen und dabei auf ihre begeisterte Tätigkeit als Solothurner Gemeinderätin und auf ihre Zeit als Kantons- und Nationalrätin. «In der Politik muss man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein», zieht sie schliesslich das Fazit zur Regierungsratswahl. «Ich freue mich sehr darüber, Volkswirtschaftsdirektorin sein zu dürfen und bin aus vollstem Herzen dabei.»