Frauen in der Landwirtschaft
Blumen, Gemüse und Alpakas: Selzacherin leitet mit ihrem Vater zusammen die «Funrange»

Auf der «Funrange» in Selzach baut Betriebsleiterin Jasmin Besançon-Ramseyer eine Alpakazucht auf.

Vanessa Simili
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Hier sieht man Jasmin Besançon-Ramseyer mit ihren Alpakas.

Hier sieht man Jasmin Besançon-Ramseyer mit ihren Alpakas.

Barbora Prekopová

Jasmin Besançon-Ramseyer rückt die frisch gebundenen Blumensträusse im Selbstbedienungsstand zurecht. Dann holt sie die Besucherinnen und Besucher ab, die sich vor der Alpaka-Weide versammelt haben. Drei Erwachsene und vier Kinder sind es an diesem Samstag, die einen Spaziergang mit den «Kamelen der Anden» gebucht haben.

Besançon hat ihnen ein Zvieri parat gemacht, selbst gebackene Küchlein und hofeigenen Apfelsaft, das sie nun verteilt. Dann leitet sie die Besuchenden an, wie die Alpakas anzuhalftern sind, und erklärt, was jedes einzelne Tier mag und was nicht. Besançon scheint gesegnet mit Geduld.

Seit 2018 wohnt sie zusammen mit ihrem Mann Olivier und ihrem fünfjährigen Sohn Gilles hier im Haag, Selzach, wo sich 1910 ihre Vorfahren niederliessen. Jasmin Besançon repräsentiert die vierte Generation.

Betriebsleiterinnen bilden eine Minderheit

6,57 Prozent der Betriebe schweizweit werden von einer Betriebsleiterin geführt, Tendenz steigend. Im Kanton Solothurn sieht die Situation für das Jahr 2020 wie folgt aus: Insgesamt verwaltet der Kanton 1'200 aktive, direktzahlungsberechtigte Landwirtschaftsbetriebe. Davon werden 115 Betriebe von einer Frau bewirtschaftet. Und 28 Betriebe werden von einer Frau mit einem Mann gemeinsam bewirtschaftet.

«Das bedeutet, dass beide den Nachweis der landwirtschaftlichen Ausbildung vorweisen können, sei es zum Beispiel die Tochter gemeinsam mit dem Vater oder die Eheleute, welche den Betrieb gemeinsam bewirtschaften», ist vom Amt für Landwirtschaft zu erfahren. Und weiter: «Es ist anzumerken, dass laut Direktzahlungsverordnung die langjährige Ehefrau eines pensionierten Landwirts den Betrieb bis zur eigenen Pensionierung weiterführen kann.» Daher könne man davon ausgehen, dass es schon längere Zeit nicht ungewöhnlich ist, dass Frauen als Bewirtschafterinnen eines Betriebes gemeldet sind.

Als Vergleich: In der EU werden durchschnittlich (Stand Ende 2018) 28 Prozent der Betriebe von Frauen geführt, wobei Deutschland (10 Prozent), Dänemark (8), Malta (6) und die Niederlande (5) zu den Schlusslichtern der Liste gehören. Mit je 45 Prozent zählen Lettland und Litauen die meisten Betriebsleiterinnen. (vs)

Blumen und Gemüse neben den Alpakas

Zusammen mit ihrem Vater leitet sie den Betrieb, die «Funrange», mit 25 Hektaren Ackerland. «Jeder hat seine Bereiche», sagt Besançon. Für den Ackerbau ist der Vater zuständig, Besançon verantwortet die Blumen, das Gemüse und die Alpakas.

Die Tiere hält sie seit 2018 im Freilaufstall, den früher Black-Angus-Rinder bewohnten. Doch Fleischproduktion war einst, Milchproduktion ebenfalls. Heute setzt sie auf Alpakas als Nutztiere. Sie habe sich für die Tiere zu interessieren begonnen und eine Schulung zur Haltung besucht, da «hat es mir den Ärmel reingenommen».

Aus der Wolle der Tiere lässt sie in der Schweiz hochwertige Produkte herstellen, etwa Duvets, die als reines Naturprodukt eine Alternative zur Daune sind. Sie verkauft sie zusammen mit anderen Alpakaprodukten und bietet Spaziergänge mit den Tieren an, die mit ihrem freundlichen Gemüt im Umgang mit Kindern geeignet sind. Die Zucht ist noch im Aufbau, ab kommenden Frühjahr will sie einen «Deckservice» anbieten.

Frauen in der Landwirtschaft

Die Serie «Frauen in der Landwirtschaft» rückt die unterschiedlichsten Bäuerinnen in den Fokus. Frauen übernehmen seit je eine bedeutende Rolle im bäuerlichen Familienbetrieb. Im Kontext des landwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturwandels verändert sich nicht nur das Rollenverständnis, sondern auch die Aufgaben und Funktionen. Das konventionelle Modell der landwirtschaftlichen Betriebsführung nimmt neue Formen an. (vs)

Seit 20 Jahren werden auch Kürbisse angeboten

2014 begann Besançon, auf dem Hof ihres Vaters zu arbeiten. «Ich bin gelernte Floristin und führte ein eigenes Geschäft, bis ich merkte, dass es mich immer wieder hierher zog.» Eine Zeit lang hatte sie im Blumengeschäft Angestellte, die sie vertraten, während sie bei ihrem Vater arbeitete.

Heute kann sie auf der Funrange nicht nur ihren Beruf ausleben – das grosse Feld mit den Blumen zum Selbstpflücken pflegt sie fast das ganze Jahr – sondern mit den vielseitigen Tätigkeiten als Landwirtin auch ihre anderen Leidenschaften. Das Blumenfeld hat sie mit Gemüse, etwa Buschbohnen, und Kräuter ergänzt.

Das Herzstück der Produktion sind die Kürbisse, die sie auf einer Hektare Land anbauen. Das seit 20 Jahren. «Mein Vater hatte damals im kleinen Rahmen mit dem Direktverkauf von Kürbissen angefangen, die lange Zeit als Schweinefutter galten.» Die Aufwertung zum gesunden Verzehrgemüse kam später.

Inzwischen ist der Kürbisverkauf zu einem wichtigen Betriebszweig geworden. Es sind zehn bis 15 Tonnen, die Besançon mit ihrem Vater und ihrem Mann jährlich vom Feld zum Hof schleppt und dort am Brunnen wäscht. «Zum 20-jährigen Jubiläum haben wir ein Kürbisbier gebraut, als limitierte Edition.» Nun ist das Bier bei der Kundschaft so gut angekommen, dass sie es auch weiterhin anbieten wird.

Sich mutig im Markt bewegen

Ihr Mann hilft mit. Überall. Auf dem Feld genauso wie im Stall. Das neben seiner beruflichen Vollzeit-Tätigkeit als Projektleiter in einem Gipser-Geschäft. «Es hat sich beispielsweise ergeben, dass mein Mann und mein Vater zusammen säen.» Die Vermutung liegt nahe, dass der kleine Gilles auf dem Traktor ebenfalls dabei gewesen ist. Wo drei Generationen zusammen säen, wird die exemplarischste aller landwirtschaftlichen Handlungen beinahe symbolisch.

Als Geschäftsfrau muss Jasmin Besançon den Markt und das Konsumentenverhalten evaluieren und abschätzen, was für die nächsten Jahre angesagt ist. Und sie muss den Mut haben, darauf zu reagieren. So haben sie vor ein paar Jahren mit der Sojaproduktion begonnen. Dies neben Urdinkel, Weizen, Sonnenblumen und Raps. «Urdinkel und Soja waren damals noch Nischenprodukte. Der Preis wird aber auch dort rapide sinken, früher oder später», weiss sie. Das wiederum wird die Produktion beeinflussen. Die Vielfalt sei ihr wichtig, genauso wie die Direktvermarktung.

Ihre Ausbildung zur Landwirtin hat Jasmin Besançon in einer zweijährigen Zweitausbildung in Bärau, am Bildungszentrum Inforama, absolviert. Dort hat sie Strukturen und Abläufe gelernt, die sie täglich auf ihrem Betrieb – er ist seit 2018 in ihrem Eigentum – anwendet. Als Generationengemeinschaft bewirtschaften Vater und Tochter ihn gemeinsam.

Die Praxis aber hat sie vom Vater gelernt. «Er ist innovativ und offen für Neues.» Das sei ein Glück. Bereits beim Umbau 2017, noch vor dem Umzug, sei für ihn klar gewesen, dass sie je eine eigene Wohnung haben werden. «Und dass angeklopft wird, bevor man eintritt.» Obwohl sie das als Kind anders erlebt hat. Die Grosseltern lebten damals bei ihnen unter einem Dach. Besançon hat die ersten drei Jahre ihres Lebens im Haag verbracht, danach wuchs sie mit ihrer Mutter und ihrem älteren Bruder in Arch auf.

«Ein Umdenken muss stattfinden»

Eine Zeitbudgeterhebung, die Agroscope, das Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, 2015 veröffentlichte, analysiert den Arbeitsaufwand von Betriebsleiterinnen. Die Autorinnen Ruth Rossier und Linda Reissig stellten fest: «Anders als ihre männlichen Kollegen müssen Betriebsleiterinnen sowohl Betrieb als auch Haushalt und Familie unter einen Hut bringen.

Diese Mehrfachbelastung ist neben der patrilinearen Hofnachfolge wohl ein weiterer Grund, weshalb Frauen nicht öfters Betriebsleiterinnen werden, denn der Status der Betriebsleiterin führt offenbar nicht automatisch zu einem Rollenwechsel bei der Arbeitszuteilung zwischen Männern und Frauen.»

Damit in Zukunft mehr Frauen einen Landwirtschaftsbetrieb leiten, müsse nicht nur bei der Hofübergabe ein Umdenken stattfinden, sondern es müssten vermehrt Frauen den Bildungsweg als Landwirtin EFZ einschlagen und eine Betriebsleitung anstreben. Um die gesellschaftlichen und strukturellen Veränderungen voranzutreiben, seien die Berufsverbände gefordert: der Bäuerinnen- und Landfrauenverband genauso wie der Bauernverband. Heute würden die Betriebsleiterinnen noch zu oft zwischen die Maschen fallen, weil weder der eine noch der andere Verband ihre Anliegen abdeckt. (vs)

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