Kunst

«Bilder, so gross wie der Sommer»: Diese Jahr wäre der 110. Geburtstag des Künstlers Hans Jauslin

110 Jahren ist der Bucheggberger Landschaftsmaler Hans Jauslin in Muttenz geboren worden. Gestorben ist er 1958, viel zu früh, wenige Tage nach der Einweihung seines neuen Ateliers in Buchegg.

«Das Atelier wurde am 12. Juli mit einem richtig schönen Künstlerfest, an dem ich teilnahm, eingeweiht», erzählt seine Tochter Veronika Medici. «Mein Vater tanzte in schwarzem Umhang und Weihrauchschwengel à la mode von Ausdruckstänzer Harald Kreuzberg», erinnert sie sich. Das Fest endete in den Morgenstunden. «Plötzlich hörte ich ein seltsames Geräusch. Ich dachte, da gehe aber ein Bauer schon früh mit dem Heuwender aufs Feld. Mein Vater aber sagte, das seien Dachziegel, die im Feuer bersten. Man sah im Dorf Rauchschwaden aufsteigen. Mein Vater rannte los, laut ‹Fürio, Fürio› rufend. Ich ging hintendrein, wahrscheinlich auch ‹Fürio› rufend und da hatte die Vision, ich sehe meinen Vater das letzte Mal.» Hans Jauslin verschwand im verrauchten Bauernhaus und befreite die Kühe, später half er der Feuerwehr. «Dann gingen wir endlich nach Hause schlafen. Aber Vater erwachte nicht mehr. Wahrscheinlich hatte er einen Hirnschlag. Drei Tage später starb er. Wir waren geschockt.» So endete das Leben eines Künstlers, von dem man doch noch so viel erwartete, «mitten in bedeutsamer Entwicklung», wie der spätere Konservator André Kamber 1968 zur Ausstellung «Hans Jauslin» im Kunstmuseum Solothurn schreiben sollte.

«Wehmütigen Herzens ziehe ich davon»

Wenige Monate vor seinem Tod hatte Jauslin einen weiteren Höhepunkt in seinem Werk feiern dürfen. Am 5. März, laut Baujournal um 24 Uhr, war das 14 auf 4 Meter grosse, dreifarbige Sgraffito im Solothurner Gemeinderatssaal im nach dem Brand 1955 wieder aufgebauten Landhaus fertig gestellt. Mit dem monumentalen Werk begann er nach einem Jahr Vorbereitung am 20. Februar. «Schön war es, in dem ‹werkigen› Landhaus mitschaffen zu dürfen. Zu allen Tages- und Nachtzeiten war ich drin. Wehmütigen Herzens ziehe ich mit meiner Bagage davon, begleitet vom Schrei der Möven am ziehenden Aarewasser.»
Veronika Medici bestätigt, dass ihr Vater Tag und Nacht am Arbeiten war. Die Arbeit an einem Sgraffito ist zeitkritisch. Das Problem ist dabei, dass die Arbeit fertig sein muss, bevor die oberen Putzschichten abgebunden sind, weshalb die Grösse der in einem Zug bearbeiteten Fläche begrenzt ist. «Das Sgraffito ist sensationell, man sieht keine Übergänge», so Medici. Jauslins Jahr 1958 war übervoll.

«Mit ihm kam die Sonne ins Haus»

Als ihr Vater starb, war sie 15 Jahre alt. «Wenn ich an meinen Vater denke, kommt mir zuerst seine Farbpalette in den Sinn und das Kratzen des Pinsels auf der Leinwand.» In den Ferien habe sie ihm stundenlang Modell stehen müssen. «Er hat mir Geschichten erzählt. Er war ein ganz fröhlicher Mensch. Wenn er aus Muttenz heimkam, hatte ich immer das Gefühl, mit ihm kommt die Sonne ins Haus.»

Der gelernte Dekorations- und Schriftenmaler lebte ein Künstlerleben. 1935 heiratete er die Lehrerin und Webkünstlerin Gertrud Hähnle und lebten in Günsberg. Sie steuerte mit ihrer Arbeit als Lehrerin wären der Kriegsjahre einen erheblichen Teil an die Lebenskosten der Familie bei. 1940 zieht die junge Familie, 1939 wurde Sohn Mathias geboren, nach Buchegg, dem Wohnort von Malerfreund Werner Miller. Hier begegnet Jauslin dem Maler Cuno Amiet. «Miller hat ihm den Tipp gegeben, dass ein Haus zu haben sei», so Medici. Auch sie ist oft im Haus Miller zu Gast und bewundert dort beispielsweise am Esstisch das an der Wand hängende berühmte Bild Amiets vom Apfelbaum.

Zuhause im Bucheggberg in Muttenz und im Seeland

1943 baut Jauslin in Buchegg ein kleines, demontierbares Atelierhaus, in dem er seine Entwürfe in Originalgrösse herstellen kann. In der Kriegszeit übernimmt Gertrud Jauslin Stellvertretungen im Kanton. «Nach dem Krieg kamen dann aber die Lehrer wieder heim, und plötzlich hiess es, eine verheiratete Frau kann nicht Schule geben.» Sie macht das Berner Patent und zügelte ins seeländische Niederried, wo sie eine Anstellung findet. Er pendelt zwischen dem Bucheggberg und Niederried. Ab 1952 lebt und arbeitet Jauslin in Muttenz sowie im Bucheggberg, wo sie doch noch eine feste Lehrerinnenstelle übernehmen darf und mit der Familie im Schulhaus Küttigkofen wohnt.

Das demontierbare Atelierhaus findet einen neuen Platz in seiner Heimatstadt Muttenz, gegenüber dem Haus des Historienmalers Karl Jauslin, wo es heute noch steht. 1958 erwirbt Jauslin ein Grundstück in Buchegg und baut ein neues Atelierhaus. «Ein Würfel, oben hätte Mutter weben und unten er malen sollen. Es ist ein nackter Raum mit grossem Nordfenster, einer Treppe, einem Gestell für die Bilder und einem Ofen. Draussen im Schopf gabs ein Plumpsklo und eine Wasserpumpe.» Nach seinem Tod wurde das Atelierhaus zu einem Wohnhaus erweitert.

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