Asylzentrum Deitingen

Bevölkerung liess die Behördenvertreter ihre Skepsis spüren

Hunderte Deitinger und Flumenthaler lauschten in der Zweienhalle den Ausführungen der Behördenvertreter.

Hunderte Deitinger und Flumenthaler lauschten in der Zweienhalle den Ausführungen der Behördenvertreter.

In Deitingen passierte am Montag, was überall geschieht, wo ein Asylzentrum hin soll: Die Bevölkerung äusserte Ängste und Vorbehalte. Diese sollen sich nicht bewahrheiten, versichern die Behörden.

Es gehört zu ihrem Job, aber auch erfahrene Politiker haben manchmal ihre liebe Mühe, unangenehme Wahrheiten zu verkünden. Sie formulieren dann ihre Sätze etwas undeutlicher. Regierungsrat Peter Gomm wand sich, als am Montagabend rund 500 Deitinger und Flumenthaler in der Zweienhalle wissen wollten, ob der Bau des Asylzentrums beschlossene Sache sei. «Wir brauchen eine Ablösung für die ‹Fridau›», sagte Gomm. «Und wenn dem Kanton ein Projekt sinnvoll erscheint, arbeitet er daran.»

Ein Murren im Saal und eine Nachfrage später sprach Gomm aus, was viele Deitinger und Flumenthaler wohl geahnt hatten: «Die Regierung will das Zentrum realisieren.» Widerstand zwecklos?

Nicht für die Deitinger und Flumenthaler. Sachlich und ohne fremdenfeindliche Töne zeigten sie dem Regierungsrat ihre Ablehnung, äusserten Ängste und Befürchtungen. Die Fronten im Saal, an dessen Seitenwand die Resultatetafel mit «Heim» und «Gastmannschaft» hängt, waren klar: Oben auf der Bühne stand Regierungsrat Peter Gomm mit seinem Team. Er war gekommen, um den Deitingern sein Projekt vorzustellen. Er will bauen.

Dicke Luft in Deitingen

Dicke Luft in Deitingen

Im Saal waren Deitinger und Flumenthaler. Sie sind gegen das Projekt. Behörden und Bevölkerung haben nicht aneinander vorbeigeredet, sie sind auch nicht aufeinandergeprallt. Aber gefunden haben sie sich auch nicht. Die einzige Schnittmenge war das gegenseitige Zuhören. «Wir nehmen Ihre Bedenken ernst», sagte Gomm.

«Um einige Fragen wurde ein Bogen gemacht», bilanziert Gemeindepräsident Bruno Eberhard. Für ihn ist wichtig, dass in den kommenden Gesprächen über eine finanzielle Entschädigung diskutiert wird – ebenso wie über das Ausmass der Anlage und eine zeitliche Befristung des Betriebs. Auf die Traktandenliste heben will Eberhard auch eine eventuelle Grenzbereinigung mit Flumenthal, damit der Schachen künftig zu Deitingen gehört.

Zu gross für das Dorf

Hauptproblem ist für die Deitinger die Grösse der Anlage. «Wenn die Stadt Solothurn mit ihren 16 000 Einwohnern nicht einmal 100 zusätzliche Asylbewerber aufnehmen kann, weshalb sollten wir dann 250 aufnehmen», fragte ein Dorfbewohner. «Es ist ein zu grosses Projekt für 2000 Einwohner», ergänzte eine Deitingerin. «Entscheidend sind der Betrieb und die Ordnung. Klappt das, spielt die Grösse eine untergeordnete Rolle», sagte Peter Gomm. 

Der geplante Standort des Asylzentrums (im Kreis) in Deitingen/Flumenthal: Im Spickel zwischen Aare und Autobahn, nordöstlich der Justizvollzugsanstalt Schachen, neben der alten Abwasserreinigungsanlage

Der geplante Standort des Asylzentrums (im Kreis) in Deitingen/Flumenthal: Im Spickel zwischen Aare und Autobahn, nordöstlich der Justizvollzugsanstalt Schachen, neben der alten Abwasserreinigungsanlage

«Wie sollen wir die Häuser verkaufen», wollte ein Mann wissen, der seit 80 Jahren im Schachen lebt, nahe am nachts grell beleuchteten Gefängnis, den Autobahnraststätten und bald auch dem Standplatz für Fahrende. Alles zusammen sei zu viel. «Die Autobahn wird auch noch auf sechs Spuren ausgebaut. Herr Gomm, möchten Sie zu uns wohnen kommen?»

Nur eine Stimme dafür

Gut 20 Voten gab es aus dem Saal. Aber nur eine einzige Stimme sprach sich ganz konkret für das Asylzentrum aus. Abends sitze man in der Schweiz mit dem Bier vor der «Tagesschau» und sehe das Elend, sagte eine Frau. «Am nächsten Morgen gehen wir ins Coop, wo wir aus 40 Sorten Joghurt auswählen können. Uns geht es doch so gut.»
Für die überwiegende Mehrheit stand die Frage im Zentrum, ob es denn nicht Ansammlungen an den Bahnhöfen oder im Dorfzentrum gebe.

Sie fürchten einen Anstieg der Kriminalität oder das «Anbaggern» von Frauen. «Ich bin mehr als einmal im Zug von Olten belästigt worden und habe von Oensingen aus ein Taxi genommen.» Bei Frauen war diese Angst spürbar. «Wir sind nahe vor Ort und haben kurze Ausrückzeiten», sagte Polizeikommandant Thomas Zuber und betonte: «Wir machen dies nicht zum ersten Mal.» Er verwies auf die Eröffnung der «Fridau» in Egerkingen. In keiner Deliktart wie Einbruch oder Verstössen gegen das Betäubungsmittelgesetz sei eine Zunahme der Delikte zu verzeichnen.

«Nur wenig Probleme»

Ängste nehmen, das wollte der Bremgartner Stadtammann Raymond Tellenbach. Er war am Montagabend mit der Botschaft «Fürchtet euch nicht!» nach Deitingen gereist. Auch in seiner Stadt habe es anfängliche Skepsis gegeben. Die Befürchtungen, hätten sich aber nicht bewahrheitet, sagte Tellenbach. Er sei nach zwei Monaten Betrieb angesprochen worden, wann denn mit dem Zentrum gestartet werde. So ruhig sei es gewesen.

Nur vereinzelt habe es Probleme mit Ladendiebstählen oder Schwarzfahrern gegeben. «Es ist nicht lustig, wenn um 14 Uhr einer stockbesoffen durch die Stadt läuft. Aber wenn wir anrufen, kommen sie und nehmen die Person mit», lobte er die Zusammenarbeit mit den Betreibern.

«Ich bin mir absolut bewusst, dass wir die Verantwortung für einen geordneten Betrieb haben. Das können wir nicht delegieren», sagte Barbara Büschi, stellvertretende Direktorin des Staatssekretariates für Migration. Sie hielt aber ausdrücklich fest: «Asylsuchende sind freie Menschen. Wir können sie nicht einschliessen.» Dafür versprach der Kanton eine 24-Stunden-Hotline, ein Beschäftigungsprogramm, eine spezielle Schule für Kinder, ein Betreuungsteam von 20 bis 25 Personen, Alkoholverbot im Zentrum, Videoüberwachung und Einschreiten bei Gruppenbildungen ausserhalb des Zentrums. «Strenge Regeln und Strukturen», so Claudia Hänzi, Chefin des Amtes für soziale Sicherheit.

Ob denn schon mal jemand an die Asylsuchenden gedacht habe, wollte gegen Ende dann noch ein Mann wissen. Er zweifelte, ob schwer traumatisierten Flüchtlingen mit der Unterkunft nahe des Gefängnisses gedient sei. «Hunde patrouillieren, es gibt grelles Licht.» Sein Fazit: Wenn es der Bevölkerung nicht passt und den Asylsuchenden auch nicht dient, solle man das Projekt doch gleich sein lassen. «Wie gross kann der Erfolg sein, wenn auf keiner Seite Zufriedenheit herrscht?»

Wenig Handlungsspielraum?

«Wir können nicht viel ändern», sagte eine Frau beim Verlassen des Saales. Eine andere fragte sich, was sie ihrem Mann zu Hause erzählen soll. Denn ein klares Fazit gab es nicht. Manchmal war nicht ganz klar, wer Akteur ist und wer Betroffener. Regierungsrat Peter Gomm und Barbara Büschi wurden ausgelacht, als sie bei Problemen am Bahnhof einen Sicherheitsdienst ankündigten. Den Deitingern schienen all diese Aufwände und Ausgaben doch etwas absurd. Aber angeboten wurde es nur wegen ihrer Ängste.

Für einen kleinen Eklat sorgte ein Kamerateam. Es wollte auch während der Diskussion partout die Kamera nicht ausschalten – trotz vorheriger Aufforderung durch die Veranstalter. Auch sie spürten Gomms Durchsetzungsfähigkeit. Dafür erhielt der Sozialdirektor Applaus – zum einzigen Mal an diesem Abend.

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