Biberist
Berner präsentiert im Schlösschen Variationen über ein Vor-Bild

Jetzt bietet das Schlösschen Vorder-Bleichenberg Raum und Atmosphäre für die reichhaltige Werkschau des Berner Künstlers Jürg Straumann und damit intensiven Anschauungsunterricht in Sachen malerische Strategien.

Eva Buhrfeind
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Jürg Straumann zeigt seine Arbeiten über Vallotton in Biberist.

Jürg Straumann zeigt seine Arbeiten über Vallotton in Biberist.

Hanspeter Bärtschi

Ja, Jürg Straumann, der schon wiederholte Male in Solothurn Ausgestellte, findet sein wahres kreatives Potenzial in der Paraphrase künstlerischer Vorbilder. Indem er vertraute Motive aus ihrem Kontext löst und mit seiner Malweise in einen spannungsvollen Einklang bringt. Seit einigen Jahren nun schon hat sich der 1952 geborene Straumann dem Künstler Félix Vallotton und dessen Bildwerk verschrieben: Sujets, Motive, Geschehen, Farbe und Farbklang, formale Bildgestaltung, Kompositionen, anhand derer Jürg Straumann die wandelbare Vielfalt fest umrissener Bildinhalte und damit künstlerischer Strategien zu immer neuen Bilderscheinungen und künstlerischen Theorien sichtet, seziert, umdeutet oder unerschöpflich erprobt.

Von daher sind die «Variations Vallotton» als ein grosses konzeptuelles, sehr persönliches Projekt zu verstehen. Wenn der Künstler Straumann in der intensiven Beschäftigung mit dem Künstler Vallotton das Betrachtete, Gesehene, Reflektierte, die künstlerischen und persönlichen Positionen Vallottons auseinandernimmt und auf der Schnittstelle Vallotton’scher und Straumann’scher malerischer Strategien neu interpretiert. Da sich Jürg Straumann allein über Bücher und Kataloge Vallottons Schaffen genähert hat, hat er zudem all diese Bücher in einer Art Werkverzeichnis skizziert, winzige Miniaturen, die er in der Kapelle in schwarzen Schachteln stimmig ausgelegt hat, dabei der Paraphrase eine gewisse Ironie unterlegt.

Diese Paraphrasierung von Vallottons Bildern entpuppt sich als weites Feld, und Jürg Straumanns Bildbefragung zeigt sich dabei als ein malerisch analytischer Prozess zwischen philosophischer Bildbetrachtung und subjektiven Bildvariationen. Denn er beweist mit diesen Werkgruppen die Freiheit des Künstlers, ein Bild zu verstehen, bis hin zur Verrätselung der Vallotton’schen Bildformeln.

Manchmal verweisen nur noch die Farbpalette, motivische Elemente, die formale oder mosaikartige Bildkonstruktion auf Vallotton. So hinterfragt Jürg Straumann die vordergründigen Idyllen und stimmigen Szenen. Die präzise Malweise vertieft sich auch in die Persönlichkeit Vallottons, fokussiert charakteristische Bildmotive und -stimmungen. Variiert und modifiziert diese mit Farbe, Form, Kontur, Stil, Farbstimmung und kompositorischer Vielfalt. Zwischen Kreativität, Empfinden und Entwicklung also, im Spannungsfeld formaler Möglichkeiten von Gouache, Öl, Acryl, Pigmentdruck, Inkjet auf Glas oder Papier. Zwischen Bildgebung und Bildfindung eröffnet der Berner Künstler ein vielschichtiges, puzzleartiges Panoptikum.

Er befreit die Natur und die Geschichte des Bildes aus ihrer traditionellen Bilderwartung, überlagert sie mit malerischen oder medialen Mitteln, steigert sie über das Wechselspiel figürlich-unfigürlich, über die reduzierte Komposition bis zur Abstraktion und variiert so die Bildwirkungen. Meist, aber nicht immer, ist Vallotton präsent. Sei es als kaleidoskopartig verschnittenes, originalgetreues Bildzitat, sei es als kompositorischer Erkennungswert. Als malerische These bis zur raffinierten Verfremdung. Doch so schier unendlich sich die Werkgruppen hier anbieten, vielleicht den einen oder anderen Betrachter überfordern in der Fülle formaler Informationen, Jürg Straumann eröffnet Variationen einer vertrauten Bildbetrachtung und lädt ein zur Spurensuche, um sich über diese bildnerischen Exkursionen mit dem Lausanner Künstler auseinanderzusetzen.

Bis 17. Mai. Geöffnet: Mi–Fr 16–19 Uhr, Sa + So 14–18 Uhr. Führung mit Jürg Straumann und Christoph Abbühl: Freitag, 1. Mai, 16.30 Uhr. Matinée: So, 10.5., 11 Uhr. Zur Ausstellung erscheint ein Buch.

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