Mitten in der Nacht in Turnschuhen losrennen. Im Licht der Stirnlampe den Weg suchen, die ultraleichten Tourenskier und die Skischuhe geschultert. Nach einigen Kilometern die Schuhe wechseln und die Skis anschnallen. Und los gehts, fast nur noch auf den Skiern, rauf und runter im Schnee über 53 Kilometer (Luftlinie) und über 4'000 Höhenmeter: die Patrouille des Glaciers.

Die Königsdisziplin des allgemeinen Skisports, vergleichbar dem Zehnkampf der Leichtathleten. Wikipedia schreibt vom «grössten Rennen im Skibergsteigen weltweit». Für den SAC ist es «der härteste Teamwettkampf der Welt». Und in der Eigenwerbung von Zermatt ist von «Kult in der Disziplin der Skitourenrennen» die Rede.

In dieser Woche ist es wieder soweit (Start: Dienstag, 19.4. um 22 Uhr). Die im Turnus von zwei Jahren stattfindende Patrouille des Glaciers steht auf dem Programm. «Zermatt, das ist einfach speziell», beschreibt der 28-jährige Fabian Umbricht aus Lohn-Ammannsegg die Gefühle. «Die Startstrecke durchs Dorf ist gesäumt vom Publikum», berichtet Umbricht.

In die Nacht hineinlaufen empfindet er als spannend. Hinter sich hat Umbricht an diesem Tag bereits die Abnahmekontrolle des Materials sowie die spezielle Zeremonie in der Kirche, wo das Briefing für das Rennen stattfindet. Ein Militär hält eine Rede und ein Geistlicher segnet die Teilnehmenden. «Ein Riesenerlebnis.»

Stau im Couloir

Das Rennen wird wegen des grossen Andranges zweimal durchgeführt, einmal am Dienstag auf Mittwoch und am Freitag auf Samstag, jeweils mit Ersatzdatum am folgenden Tag. Total 1573 Patrouillen mit 4719 Teilnehmerinnen und Teilnehmern (ohne Reserveläufer) sind gemeldet. Über 1000 Interessierte mussten abgewiesen werden. Der Frauenanteil liegt bei 14 Prozent.

Die beiden Rennen werden separat gewertet, weil die Verhältnisse wechseln. Umbricht wird am Wochenende teilnehmen. Üblicherweise gehen dann die ambitionierteren Teams ins Rennen. Weiter wird unterschieden in zivile und militärische Kategorien. Wer sich wie Umbricht in der Militärkategorie einschreibt, hat den Startplatz auf sicher. Die zivilen Teilnehmer werden ausgelost.

Die Teilnehmer, das Rennen kann nur zu dritt bestritten werden, erhalten im 45-Minutentakt zusammen mit anderen Dreiergruppen das Startzeichen. Die Langsameren starten bereits ab 22 Uhr. Die Schnellsten gehen im Wochenendrennen am Samstagmorgen um 3 Uhr ins Rennen. 1'000 Meter höher bei der Schönbielhütte (2694) wird angeseilt.

Nach weiteren 1'000 Höhenmetern folgt der höchste Punkt des Rennens, Tête Blanche (3707). Noch im Dunkeln folgt angeseilt eine Abfahrt. «Das ist speziell und muss trainiert werden», berichtet Umbricht, der zum dritten Mal teilnimmt. In der Mitte fährt der beste Skifahrer. An ihm wird von vorne und hinten gezerrt.

Anschliessend werden erneut die Felle montiert für eine Steigstrecke zum Col de Bertol. Nichts sei ärgerlicher als nasse Felle, an denen der trockene Schnee klebt. Deshalb hat Umbricht mehrere dabei. Es folgt die Abfahrt bis Arolla (2067). An manchen Stellen können sich anschliessend die Patrouillen stauen. Denn in Arolla startet zusätzlich die kürzere Variante der Patrouille des Glaciers.

«Vor zwei Jahren hatten wir grosse Probleme am Col de Riedmatten (2919). Dort können im steilen Couloir zwei Leute nicht nebeneinander hoch steigen.» Dieses Jahr sollte diese Stelle entschärft sein, weil die Patrouillen, welche das kürzere Rennen bestreiten, einen leicht anderen Weg über den Pass nehmen müssen. Nach der Abfahrt zum Lac des Dix (2364) wird entlang des Sees geskatet. Es folgt der Aufstieg zum Rosablanche. Nach dem Col de la Chaux (2940) folgt die Abfahrt nach Verbier ins Ziel.

2012 kein Rennen, 2014 Sieg

Der SAC-ler Fabian Umbricht ist eigentlich Bergsteiger. 2010 wollte er es wissen und beteiligte sich an der Patrouille. «Wir haben unser normales Tourenmaterial benutzt.» Elfeinhalb Stunden brauchte seine Gruppe damals bis Verbier. 2012, als das Rennen abgebrochen wurde, stand Umbrichts Team gerade am Start.

«Der Countdown lief, als uns plötzlich gesagt wurde, wir könnten wieder nach Hause schlafen gehen.» Als studierter Geograf und gelernter Meterologe – «wir nennen das Prognostiker» – kann Umbricht mit Wetterunbill umgehen. Er arbeitet bei der Berner Firma Meteotest und beliefert beispielsweise auch Radio 32 mit Wetterprognosen.

2014 gewann Umbricht das Dienstag-Rennen in der Kategorie der Militärpatrouillen. Die Zeit seiner Gruppe war mit etwas über 8:34 Stunden insgesamt die zweitbeste am ersten Rennen. Eine zivile Gruppe lief schneller hoch. Beim zweiten, schnelleren Rennen am Wochenende kamen die Schnellsten nach (unglaublichen) 6:01 Stunden ins Ziel. «Das ist dann schon noch eine rechte Differenz. Auf Weltcup-Niveau könnte ich nicht mitlaufen. Ich bin nicht Hochleistungssportler, aber ambitionierter Breitensportler», so Umbricht. Dennoch ist seine Leistung aussergewöhnlich.

Ultraleichtes Material

Inzwischen ist Fabian Umbricht auf Profimaterial unterwegs. Die Skier sind extrem leicht. Umbricht hat gar das Glück, dass er das Material, das heisst jeden Winter ein Paar Tourenski, von einem Sportartikelanbieter gratis erhält. Er muss 4, 5 Rennen jährlich laufen und das Team nach dem Sponsor benennen.

Das Resultat ist Nebensache. Deshalb heisst sein Team normalerweise Bächli Race Team. Zurückzuführen ist das Sponsoring auf seinen Studentenjob bei der Firma, welche 2011 Skitourenrennläufer im Personal für ein Sponsoring suchte.

Läuft er an militärischen Rennen wird der Name der Gruppe vom Kommando bestimmt, nach der militärischen Einteilung des Gruppenführers, im Fall von Umbricht also Geb Spez (Gebirgsspezialist) plus die Namen der drei Läufer und des Ersatzläufers.

Gesundheit muss stimmen

Für das Rennen 2016 fühlt sich Fabian Umbricht gesundheitlich einigermassen gut aufgestellt. Aber er kämpfte mit einer Grippe. Ein Kollege ist gar ausgefallen und muss wahrscheinlich ersetzt werden. Und auch den Dritten im Bunde plagen Kniebeschwerden.

Drei gesunde Sportler sind wichtig. Nur wer zu dritt ins Ziel kommt, wird gewertet. Als Training bestreitet er Rennen oder Skitouren in den Alpen. Hat es Schnee, läuft er auch auf dem Jura. Sonst joggt er oder geht auch mal mit seinem Gleitschirm in die Lüfte. «Ich versuche, immer sportlich unterwegs zu sein.»

Manch einer hat wegen der zu bewältigenden Leistung oder den Gefahren Bedenken. Umbricht analysiert gelassen. «Die Gefahren bewegen sich auf einem Minimum. Spalten hat es nicht, die Route ist abgesteckt und gesichert. Für Lawinen ist die Strecke meist zu wenig steil. Das Militär arbeitet dort schon seit zwei Wochen an der Strecke.» Sollte an den heiklen Hängen viel Schnee fallen, könne das Militär zur Not Lawinen auslösen.