«Dieses Thema geht uns alle etwas an», sagte Gesprächsleiter Jörg Weisshaupt von Trauernetz. Seien doch in der Schweiz täglich zwei bis drei Fälle von Suizid zu verzeichnen. «Doch man redet nicht gerne darüber», bedauerte er. Der Grossteil des Publikums war selber mit einem Suizid konfrontiert worden.

Das Podiumsgespräch bot die Gelegenheit, offen darüber zu diskutieren und Erfahrungen mit Betroffenen und Fachleuten auszutauschen. Florida Zimmermann, die einen Suizidversuch überlebt hat, erzählte über ihre Beweggründe für die Tat. «Seit meiner Kindheit habe ich Todessehnsüchte gehabt», bekannte sie. Mit 21 Jahren trafen innerhalb kurzer Zeit einige schmerzliche Ereignisse ein. Zweifel an ihrer Existenzberechtigung kamen auf, sie fühlte sich überflüssig und ungeliebt und wagte den Schritt in den Tod. Nach dem missglückten Versuch erkannte sie, dass sie eine zweite Chance bekommen hat, und ist dankbar dafür.

Nicht immer vermeidbar

Beat Nick, leitender Arzt der psychiatrischen Dienste Solothurn, berichtete von seinen fast täglichen Konfrontationen mit Patienten mit Depressionen und Psychosen, die besonders suizidgefährdet sind. Zu versuchen, sich in den Patienten einzufühlen und eine Vertrauensbeziehung aufzubauen, nannte er als Methoden, um einem Suizidgefährdeten zu helfen. Leider gebe es aber immer wieder Fälle, in denen die Tat nicht verhindert werden könne. «Damit ist schwer umzugehen», bekannte er. Er plädierte dafür, mehr präventiv tätig zu sein. Die Seelsorgerin Regine Munz sprach eine Ebene an, die einem Psychiater nicht zugänglich ist. Sie erzählte, wie sie den Betroffenen manchmal mit Beten den Weg zu Gott zeigen, und ihn als Liebenden erfahren lassen könne. Dies war genau das, was Florida Zimmermann nach ihrem missglückten Versuch widerfahren ist. «Ich fühlte mich plötzlich erwünscht und gebraucht», gestand sie.

Eine Besucherin fürchtete, falsch zu reagieren, wenn sie mit einer Person mit Suizidgedanken in Kontakt komme. Wichtig sei, nicht wegzuschauen, betonte Weisshaupt. Vielmehr müsse man das Gespräch suchen, zuhören und gemeinsam Hilfe aufsuchen. «Wenn sich ein Mensch verstanden fühlt, ist schon viel Druck weg», versicherte der Experte dem Publikum.

Sprachlosigkeit überwinden

Nicht nur der Umgang mit suizidgefährdeten Personen war ein Thema. Die Angehörigen, die in Schock, Trauer und Sprachlosigkeit zurückbleiben, müssen das Ereignis verarbeiten können. Sich der Situation stellen, darüber reden, keine Schuldzuweisungen machen, sich nicht stigmatisieren lassen, waren Anregungen, die mehrmals geäussert wurden.

Gesprächsteilnehmerin Manuela Ernst hat in einer Selbsthilfegruppe über den Tod ihres Vaters hinweggefunden. Jahrelang litt sie unter seiner Alkoholsucht und seinen Depressionen, die ihn in den Suizid trieben. Regine Munz empfahl, Rituale zu finden, die einen Abschied möglich machen. «So kann man die Sprachlosigkeit mit Gestik überwinden», beteuerte die Theologin.

Ein Thema, das die Anwesenden stark beschäftigte, war der Patientenschutz, der über den Tod eines Menschen hinaus gilt. Sie beklagten, keine Informationen von den Kliniken zu bekommen, obwohl dies für die Verarbeitung des Geschehenen wichtig wäre. Jörg Weisshaupt empfahl, nicht zu sehr über das «Warum» zu brüten, sondern nach vorne zu schauen und sich mit den Menschen zu befassen, die leben.