Zuchwil

Bei ihr klopfen die Einwanderer künftig an

«Ich sage den Leuten nicht bloss, dass wir uns auf sie freuen.» Die frisch gewählte Zuchwiler Integrationsbeauftragte Tamara Mühlemann will fördern und fordern. Hanspeter Bärtschi

«Ich sage den Leuten nicht bloss, dass wir uns auf sie freuen.» Die frisch gewählte Zuchwiler Integrationsbeauftragte Tamara Mühlemann will fördern und fordern. Hanspeter Bärtschi

Tamara Mühlemann ist seit Anfang Dezember 2015 Integrationsbeauftragte in der multiethnischen Gemeinde Zuchwil. Sie will ausländische Neuankömmlinge in die Pflicht nehmen.

Zuchwil gehört zur nationalen Spitze – nämlich, wenn es um den Ausländeranteil geht. Rund 42 Prozent beträgt ihr Anteil an der Bevölkerung. Aus über 80 Nationen stammen sie. In den Schulen liegt der Anteil der Kinder ohne Schweizer Pass bei über 60 Prozent.

«Die Bevölkerung wird immer mehr durchmischt», sagt Tamara Mühlemann. Sie hat Anfang Dezember 2015 das Amt als Integrationsbeauftragte von Zuchwil angetreten. Ihre Aufgabe ist es, die Einwanderer mit Erstinformationen zu versorgen. 

Der Kanton überträgt diese Aufgabe künftig den Gemeinden (siehe Kasten rechts). «Das ist sinnvoll», sagt Mühlemann, «denn wir können auf Gemeindeebene spezifischer informieren.

Sie weiss, welche Vereine es gibt, wo die Schulen sind, wie man Abfall entsorgt, wo das Auto registriert werden kann und wie das Gemeindewesen funktioniert. Zentrale Themen beim sogenannten Erstgespräch sind die Berufsbildung und der Arbeitsmarkt.

Anlaufstellen können zum Beispiel das Zentrum Kind und Jugend oder die Sozialfirma Regiomech sein.

«Wir stellen Anforderungen»

«Es ist kein Geheimnis: Wir haben eine multiethnische Bevölkerung», sagt Tamara Mühlemann. Sie ist im ebenfalls ausländerreichen Biberist aufgewachsen und wohnt seit einigen Jahren in Zuchwil. Für die CVP sitzt die 37-Jährige im Gemeinderat und im Kantonsrat.

Fanden früher Italiener, später Türken und Immigranten aus den Balkanstaaten in den Werken von Scintilla und Sulzer Arbeit, finde derzeit bei der Bevölkerungszusammensetzung ein Wechsel statt. Flüchtlinge aus Eritrea, Syrien oder Afghanistan lassen sich im Dorf nieder.

Ein Teil von ihnen dürfte bleiben. Man müsse diese Zuzüger auf kommunaler Stufe abholen. Würden sie sich im Alltag ausschliesslich in ihren Kultur- und Sprachkreisen bewegen, erschwere dies die Integration. Denn wer dauerhaft in Zuchwil bleibt, soll selber für sein Auskommen sorgen.

Doch längst nicht alle Einwanderer müssen bei Tamara Mühlemann antraben. Eine Deutsche etwa, die bereits eine Arbeit hat, erhält wie bisher am Gemeindeschalter das übliche Erstinformationspaket, ein sogenanntes «Begrüssungssäckli».

Bei einer Familie ohne Deutschkenntnisse aus einem fernen Kulturkreis dagegen besteht erweiterter Informationsbedarf. Sie wird zum Begrüssungsgespräch aufgeboten. «Ich sage den Leuten aber nicht bloss, dass wir uns auf sie freuen. Wir stellen Erwartungen und Anforderungen, die sie erfüllen müssen.»

Dazu gehöre es, Deutsch zu lernen, den Lebensunterhalt selber zu verdienen, zu akzeptieren, dass die Justiz Streitigkeiten regelt und Männer und Frauen rechtlich gleichgestellt sind. Dazu bietet die Integrationsbeauftragte eine Dolmetscherin auf.

Kosten sparen

Doch: Wie werden diese Regeln kontrolliert und allenfalls sanktioniert? «Das ist ein Thema», sagt Mühlemann. Die Zuzüger müssten begleitet werden, um festzustellen, ob die Integration funktioniert.

Ist es nötig, kann sie Personen mehrfach zum Gespräch einladen. Das Ziel müsse sein, Kosten zu sparen. «Damit wir nicht die gleichen Probleme kriegen wie in anderen Ländern.»

Die Integrationsbeauftragte erzählt von einer Begegnung mit einem jungen Einwanderer, der etwas idealistische Vorstellungen vom Leben hier hatte, aber arbeiten wollte. Der Wille zur Integration sei allgemein feststellbar, sagt sie. Andernfalls können der Kanton benachrichtigt und der Aufenthaltsstatus thematisiert werden.

Leider gebe es in der Region immer weniger niederschwellige Beschäftigungen, etwa in Lagerhallen oder der Industrie. Für Einwanderer mit niedrigem Bildungsstand oder schlechten Deutschkenntnissen sind solche Jobs ein Schlüssel zur Integration.

Politisch umstritten

Rund 80 bis 100 Erstgespräche dürfte Tamara Mühlemann kommendes Jahr führen. Ob sie auch nach der Pilotphase noch Zuchwiler Integrationsbeauftragte sein wird, hängt nicht zuletzt von der finanziellen Unterstützung durch den Kanton und die politische Haltung im Dorf ab.

Im Gemeinderat war die Schaffung der Stelle als Integrationsbeauftragte umstritten. Umso wichtiger sei es, die richtigen Schlüsse aus der Pilotphase zu ziehen. «Wir hoffen, dass die Gelder auch danach fliessen.»

Die Gymnasiallehrerin könnte sich vorstellen, das Amt weiterhin auszuüben. «Hier kann man von Beginn an etwas aufgleisen.» In ihrem Beruf kommt sie mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammen. «Die Probleme in der Ausländerintegration sind komplex und aktuell.

Sie werden uns jahrelang beschäftigen.» Kurzfristig, so gibt sich Mühlemann keinen Illusionen hin, dürften die Auswirkungen kaum sichtbar sein. Doch sie ist überzeugt, als Integrationsbeauftragte mit wenig Aufwand viel erreichen zu können.

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