Problem
Bauen, klauen, zum Einsturz bringen: Der putzige Biber ist ein echter Nerventöter

Bei einem Augenschein in Lüterkofen-Ichertswil wird die ganze Problematik rund um den Biber offenbar.

Urs Byland
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Das Tier hat vor allem ein Ziel vor Augen: Es will sein Leben schwimmend gestalten.

Das Tier hat vor allem ein Ziel vor Augen: Es will sein Leben schwimmend gestalten.

KEYSTONE/BRUNO MANINI

Das Zusammenleben von Biber und Mensch ist in der Region einer Belastungsprobe ausgesetzt. Gabriel van der Veer kann davon ein Lied singen. Dass er dabei nicht die Nerven verliert, ist dem wissenschaftlichen Mitarbeiter beim kantonalen Amt für Wald, Jagd und Fischerei hoch anzurechnen. Denn der Biber ruft nicht nur eitel Freude hervor. Mancher Zeitgenosse muss sich zurückhalten, nicht zum Jagdgewehr im Schrank zu greifen und Selbstjustiz zu üben.

Der Biberdamm in Lüterkofen-Ichertswil.

Der Biberdamm in Lüterkofen-Ichertswil.

Das ist natürlich verboten. Der Biber steht unter Schutz. Van der Veer bittet deshalb Landwirte und Gemeindebehörden, bei Problemen anzurufen und nicht illegal zu handeln. Zu den Unüberlegtheiten gehöre beispielsweise das eigenmächtige Entfernen eines Biberdamms. «Machen Sie das nicht», warnt van der Veer ausdrücklich bei einem Augenschein am Bibernbach in Lüterkofen-Ichertswil.

Der Biber baue schnurstracks einen neuen Damm, und vielleicht an einer weniger geeigneten Stelle. Man soll die Fachstelle kontaktieren und gemeinsam das Werk des Bibers anschauen, um eventuell Massnahmen in Absprache mit dem Kanton zu ergreifen.

Ein Leben im Wasser

Dabei hat das durchschnittlich 20 Kilogramm schwere Tier vor allem ein Ziel vor Augen: Es will sein Leben schwimmend gestalten. Dazu staut der Biber den Bach, sodass der Eingang zu seinem Bau unter dem Wasserspiegel liegt. Seine Familie lebt in der Biberburg im Trockenen. In einer Biberfamilie leben neben den Eltern meist die Jungen aus zwei Würfen. Feinde hat er in der Schweiz keine.

Es kann aber vorkommen, dass der Fuchs bei Niedrigwasser in den Biberbau gelangen und Jungbiber erbeuten kann. Der Lebensraum des Bibers umfasst eins bis drei Kilometer Fliessgewässerstrecke. Meistens baut er einen Hauptdamm. Weitere Nebendämme kann es geben. «Muss aber nicht sein», so van der Veer.

Die nebenstehende Karte zeigt die Verbreitung des Bibers im Kanton.

Die nebenstehende Karte zeigt die Verbreitung des Bibers im Kanton.

zvg

Damm aus Maisstängeln

Beim Bibernbach in Lüterkofen-Ichertswil präsentiert sich beim Augenschein das Revier des Bibers wie beschrieben. Aber ob es von Dauer ist, ist eine andere Frage. Der Biber hat für den mächtigen Damm unzählige Maisstängel verkeilt. «Die werden bei einem Hochwasser weggespült, das wird nicht halten», sagt van der Veer. Vermutet wird, dass der Biber von der Emme her einwanderte. Die von den Eltern vertriebenen Jungen wandern bis zu 100 Kilometer, bis sie ein neues Revier gründen.

Dreimal hat der Kanton wegen des Bibers Massnahmen verfügt

Der grösste Biberdamm im Kanton steht auf Gemeindegebiet von Drei Höfe und Halten. Dreimal wurden 2017 Massnahmen am Biberlebensraum verfügt. Eine Verfügung betraf die Dämme im Seebach beim Burgäschisee. Dort hat der Biber eingestaut, worauf die Tiefenwasserableitung nicht mehr funktionierte. «Weil dadurch die Wasserqualität des Sees beeinträchtigt würde, werden die Dämme entfernt.» Eine Verfügung betraf einen Damm in Bibern. Dort wurde eine Mischwasserentlastungsleitung eingestaut, die bei Hochwasser genutzt würde. Dazu kamen weitere Punkte, worauf der Damm entfernt wurde. «Er hat weiter unten ein schönes Revier zur Verfügung.» Der dritte Biberdamm, der von einer Verfügung betroffen ist, liegt bei Brügglen im Mülitäli. Dieses Verfahren ist noch im Gange. (uby)

Die Biberburg bei Ichertswil ist weniger eine Burg und mehr ein Erdbau, denn der Biber hat diese unter dem Feldweg neben dem Bach gegraben. «Da fahre ich manchmal drüber», sagt Roger Siegenthaler und merkt, dass dies auch mal böse enden könnte, wenn der Weg einbricht. Der Gemeindepräsident von Lüterkofen-Ichertswil ist einer der Player in Sachen Biber. Falls ein Schaden entsteht, oder etwas unterhalten werden muss, dann kommt schnell mal die Gemeindekasse zum Einsatz und sei es via den Gemeindearbeiter.

«Biber: Achtung Einsturzgefahr»

So wahrscheinlich auch beim Bibernbach, denn das gestaute Wasser schädigt das Uferbord. Hartnäckig fragt Siegenthaler deshalb nach, wer im Schadenfall zahlen muss. Am 14. März 2017 wurde die Standesinitiative aus dem Kanton Thurgau zur Änderung des Jagdgesetzes betreffend der Entschädigung von Infrastrukturschäden, welche durch Biber verursacht werden, durch den Ständerat angenommen.

Diese Gesetzesänderung ist noch in Ausarbeitung und somit noch nicht in Kraft gesetzt. Somit muss weiterhin der Infrastrukturbesitzer für die Schäden aufkommen. Damit die Gemeinde nicht allfällige Schadensersatzansprüche bei einem Unfall auf dem unterhöhlten Feldweg berappen muss, soll sie eine Tafel aufstellen mit dem Hinweis «Biber: Achtung Einsturzgefahr».

(Noch) Kein Handlungsbedarf

Die Maisstängel hat der Biber vom nahen Feld geklaut. Das Gehölz am Bibernbach wird vorwiegend im Winter gefällt, denn bis anhin fand der Biber genug Baumaterial in den Feldern. Nun ist die Gemeinde gefordert, wenn sie Bäume schützen will.

Manch ein Landwirt lässt sich den Diebstahl vom Biber nicht gefallen. Der Landwirt in diesem Fall lässt sich deswegen aber nicht stressen. Dennoch sagt er klipp und klar: «Ich will den Biber hier auf meinem Land nicht.» Das gehe ihm gegen den Strich, dieses Gesetz habe er nicht unterschrieben. Das Land sei Privatbesitz und wie würde er, van der Veer reagieren, wenn in seinem Garten sich plötzlich ein Eindringling breitmache.

Schäden über 200 Franken an Kulturen werden entschädigt

Mit dabei beim Augenschein ist Corina Meuli, Präsidentin der Bau- und Werkkommission. «Ich habe an und für sich nichts gegen die Biber, aber ich kann es beinahe nicht mehr rechtfertigen gegenüber den Landwirten. Es ist nicht mehr angenehm, weil ich nichts machen kann.» Gabriel van der Veer: «Das ist auch so. Von Gesetzes wegen ist der Biber geschützt.» Im Kanton gebe es aber wegen des Bibers weit grössere Konflikte als am Bibernbach. «Wir von der Gemeinde haben unsere Lehren gezogen, aber die Privatpersonen drohen mit Massnahmen», so Meuli. Immerhin könne sie informieren, dass der Kanton die Landwirte für den Schaden in der Kultur entschädige. Die Grenze liegt aber bei 200 Franken. «Da muss der Biber aber schon recht zulangen», sagt van der Veer. (uby)

Andererseits wirklich geschadet habe ihm der Biber bisher nicht, muss er zugeben. Und das Land, Feldweg und Ufer, gehöre ihm auch nicht, sondern der Gemeinde. Das zaubert ein Lächeln auf die Lippen von van der Veer, denn mit Gemeinden lässt es sich meistens einfacher verhandeln. Da geht es nicht um die Entschädigung von Privatland. Mustergültig hat der Biber auf der anderen Seite des Feldweges, am Ackerrand, ein Belüftungsloch für den Bau gegraben.

Der Damm müsse als Hauptdamm behandelt werden, stellt Gabriel van der Veer klar. Es dürfe deswegen höchstens mit einer Verfügung etwas an diesem Damm gemacht werden. Aber: «Ich sehe hier keinen Handlungsbedarf. Dieser kann aber entstehen, wenn beispielsweise die benachbarten Felder unter Wasser stehen oder die Drainagen beschädigt werden.»

Der Gemeindepräsident lässt nicht locker und beklagt Schäden am Bord. «Wo kann ich meine Rechnung hinschicken?» Bachabwärts will die Gemeinde einen Teil des Bibernbachs revitalisieren. «Dann könnten wir den Biber ja einfangen und zügeln», fällt es dem Landwirt ein. «Das machen wir ganz sicher nicht. Wenn der Biber gehen will, geht er», sagt van der Veer. Dann will der Landwirt wissen, ob bei der Ansiedlung des Bibers ein Konzept besteht. Van der Veer beruhigt: «Biber sind sehr territorial und mit grösster Wahrscheinlichkeit siedeln in der Nähe nicht weitere Biber.»