Zweiter Weltkrieg
Bad Ammannsegg, ein regionales Lager für übergelaufene Soldaten

Während des Zweiten Weltkriegs kamen Tausende der französischen Armee in die Schweiz. Sie strandeten auch in der Region. In Ammannsegg diente das Bad Ammanssegg als Lager.

Stefan Luterbacher
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Internierte vor dem Bad Ammannsegg bei Übergabe einiger Hofprodukte.

Internierte vor dem Bad Ammannsegg bei Übergabe einiger Hofprodukte.

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Vor 75 Jahren im Jahr 1940 traten nach der Niederlage Frankreichs gegen Deutschland im Juni 1940 rund 42 000 Mann der französischen Armee über die Schweizer Grenze und liessen sich internieren.

Einige der übergelaufenen Soldaten kamen ins Internierten-Lager nach Ammannsegg. Das alte Bad Ammannsegg – in dem sich seit 60 Jahren ein Alters- und Pflegheim befindet – diente von 1940 bis 1945 als Lager für internierte Militärangehörige aus Frankreich, Italien, Polen und Russland. Im ehemaligen Saal, in dem früher grosse Bälle, Theater, Konzerte abgehalten wurden, waren bis zu 100 Mann einquartiert. Das Bad Ammanns-egg wurde dabei umfunktioniert in einen Schlafsaal mit Stroh, einen Essraum sowie WC- und Waschanlagen im Innen- und Aussenbereich. Zwölf Soldaten der Schweizer Armee betreuten die Gefangenen während ihres Aufenthaltes im Ammannsegg.

Auf dem Feld eingesetzt

Es gab damals keine Sozialämter, wo die Flüchtlinge das Geld abholen konnten, sondern man musste für Unterkunft und Verpflegung hart arbeiten. Im Rahmen der im November 1940 angeordneten «Anbauschlacht» nach dem Plan Wahlen wurden die Internierten vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt. Sie halfen, die Anbaufläche zu verdoppeln und das Land urban zu machen. Unter Tag arbeiteten die Franzosen, Italiener, Polen und Russen bei Bauern in Lohn und Ammannsegg. Sie halfen bei Erntearbeiten, bauten landwirtschaftliche Anlagen und Gebäude sowie Strassen.

Pro Tag erhielten diese 50 Rappen Sold. Dieses Entgelt brauchten die Internierten zum Kauf von Kleidern sowie für einen wöchentlichen Wirtschaftsausgang. Bei Polizeistunde erschienen aber pünktlich die Schweizer Soldaten und sorgten dafür, dass wieder alle rechtzeitig ins «Interniertenlager» zurückkamen. Dabei soll es nach Überlieferung einmal einem Italiener gelungen sein, sich vom Lager zu entfernen, um am nächsten Tag mit der Bahn nach Turin zu verreisen. Er verbrachte dort die Weihnachtstage mit seiner Familie und kam nach Neujahr unversehrt, wie wenn nichts geschehen wäre, ins Interniertenlager nach Ammannsegg zurück.

Am Essen fehlte es den Internierten nie. Alle wurden reichhaltig aus der Militärküche versorgt. Bei sehr guter Arbeit der Militärangehörigen gab es zwischendurch direkt ab Hof eine kleine zusätzliche Belohnung durch Abgabe von einigen Lebensmitteln und Backwaren vom Hof.

Arbeitsame Polen

Besonders die polnischen Militärangehörigen wurden von der Bevölkerung als sehr sympathisch, arbeitsam und gewissenhaft geschätzt. In der Freizeit arbeiteten diese oft und stellten Souvenirs her. Sie produzierten geschnitzte Teller, Handwerkszeug oder Wanderstöcke, die sie den Einheimischen für ein bescheidenes Entgelt
verkauften.

Am letzten Tag bei der Auflösung des Lagers fehlte beim Abtreten in Ammannsegg von den 100 Internierten ein Angehöriger. Erst später wurde bekannt, dass dieser von der Polizei aufgegriffen werden konnte. Es war ein Pole, der partout nicht in sein Heimatland zurückkehren wollte. Er heiratete später eine Schweizerin, gründete eine Familie und bekam in der Schweiz die Aufenthaltsbewilligung.

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