Kaum eine Minute ist vergangen, seit ich die Anfrage abgeschickt habe. Schon surrt das Handy. «Christine könnte dich mitnehmen», meldet die Textnachricht. Wenn ich um 12.53 Uhr vor dem Gemeindehaus in Mühledorf stehe, kann ich bis zum Bahnhof Lohn mitreiten.

Noch bevor ich mir überlegen kann, wie ich die zwei Euro (sic!) für die Fahrt auftreibe, erreicht mich die Absage. Christine kann nun doch nicht. Stattdessen werden auf dem Bildschirm die Postauto-Verbindungen von Mühledorf nach Lohn angezeigt. Bloss: Auf das nächste «Poschi» muss ich über eine Dreiviertelstunde warten.

Also starte ich eine neue Anfrage. Und siehe da: Urs könnte mich mitnehmen. Er fährt in einer halben Stunde von Biel nach Kirchberg. Ob er für mich den Umweg durch den Bucheggberg in Kauf nimmt? Ich starte die Anfrage und drücke auf den roten Knopf.

Urs antwortet nicht

Seit drei Monaten ist die digitale Mitfahrbörse Publiride im Bucheggberg in Betrieb. Per Internet oder Handy kann man Fahrgelegenheiten durch den Bezirk und darüber hinaus suchen und anbieten.

Die Bedienung ist simpel: Man gibt den Start- und Zielort der gewünschten Reise und die vorgesehene Zeit ein. Das Programm durchsucht die Datenbank nach Personen, die eine Mitfahrgelegenheit anbieten. Oft sind es Autobesitzer, die ihren täglichen Arbeitsweg hinterlegt haben und bereit sind, jemanden mitzunehmen.

Einen Augenblick später werden die Angebote angezeigt, die zur Route und zum Zeitpunkt passen. Per Klick vereinbaren Fahrer und Mitfahrer die vorgesehene Strecke und können, falls gewünscht, miteinander chatten oder telefonieren. Ob der Fahrgast dem Chauffeur etwas zahlt, machen diese untereinander aus.

Das Angebot von Postauto AG gibt es bereits in anderen Regionen. Nun soll der Dienst Bucheggbergern helfen, von A nach B zu kommen. Eine willkommene Ergänzung im Landbezirk, wo der Postauto-Fahrplan alles andere als dicht ist. Über eine Ausdehnung auf das äussere Wasseramt wird nachgedacht.

Robin ist in den Ferien

Die Kirchenglocke in Mühledorf schlägt einmal. Urs hat die Fahrt noch immer nicht bestätigt, und er meldet sich nicht auf meine Chat-Anfrage. Diese befindet sich «in Abstimmung». Ich kann aber nicht mehr warten, schliesse die App und stecke das Handy in die Tasche. Heute muss ich den Transport anders organisieren.

Neuer Tag, neuer Anlauf. Am nächsten Tag scheine ich mehr Glück zu haben. Jetzt geht es in die Gegenrichtung. Vom Bahnhof Lohn will ich nach Feierabend nach Schnottwil. Und siehe da: Robin meldet, dass er mich mitnehmen kann.

Robin, der auf seinem Profilbild als sympathisches Comic-Männchen mit blonder Haartolle dargestellt wird, fährt täglich die Route Schnottwil – Oensingen und zurück. Inzwischen hat sich auch die Währungsangabe der voraussichtlichen Kosten geändert. Aus den 2 Euro wurden 2 Franken. Kinderkrankheiten einer neuen App. Immerhin: dank dem Umrechnungskurs spare ich 18 Rappen.

Ob es mit Robin klappen wird? Ich bin unsicher und rufe ihn an. «Oh, ich bin gerade in den Ferien», entschuldigt sich der Blonde, der mit vollem Namen Robin Martin heisst und braune Haare hat. Er habe vergessen, sein Angebot zu deaktivieren, während er ausser Landes ist. Kurze Zeit später ist es gelöscht.

Eigentlich würde der Schnottwiler mit dem roten VW Polo gerne Mitfahrer aufladen. «Ich finde Publiride eine coole Sache. Sechs Mal pro Woche fahre ich mit einem leeren Auto hin und her, und ich habe fünf Sitze im Wagen. Es ist doch sinnlos, den leeren Platz nicht zu nutzen.» Seit einem Monat ist er auf Publiride registriert. Eine Fahrgemeinschaft hat sich für Robin Martin noch nicht ergeben.

Patrick gibt nicht auf

Getragen wird Publiride im ersten Jahr von der Vereinigung der Bucheggberger Gemeindepräsidenten VGGB und der Regionalplanungsgruppe Solothurn und Umgebung Repla. Die Pilotphase kostet 45 000 Franken, danach belaufen sich die Betriebskosten auf 12 500 Franken. Ob das Angebot über die zweijährige Pilotphase herauskommt, hängt von dessen Erfolg ab.

Ich lasse mich nicht entmutigen, suche aus Neugier eine Fahrt, die ich eigentlich gar nicht benötige und stosse auf Patrick. Er ist wochentags zwischen Hessigkofen und Solothurn unterwegs und bietet diese Fahrt auf Publiride an. Er hat sich gleich angemeldet, als die Mitfahrbörse im Internet aktiviert wurde.

«Bis jetzt hat sich aber bloss eine Person auf mein Angebot gemeldet. Die Anfrage wurde aber zurückgezogen, noch bevor die gemeinsame Fahrt zustande kam», sagt Patrick, der mit Nachnamen Lischer heisst. «Es braucht wohl einige Anlaufzeit.» Die Idee einer Mitfahrzentrale will er auf jeden Fall unterstützen.

Inzwischen ist es 20.15 Uhr. Die Züge am Bahnhof Lohn kommen und gehen, doch der letzte direkte Bus nach Schnottwil ist soeben losgefahren. Mit Publiride komme ich heute nicht mehr weiter. Für Kurzentschlossene, die nicht ständig auf ihren Handybildschirm starren, ist das Angebot derzeit noch zeitraubend. Wer seine Fahrten aber länger im Voraus plant, hat mit Publiride ein neues, leicht bedienbares Werkzeug gefunden.