Deitingen
Aus nach sieben Jahren: Betreiber des «Chäs-Chäuer» geht im Zorn

Der «Chäs-Chäuer» in Deitingen schliesst nach sieben Jahren. Das neue Dorfzentrum sowie die Gemeindebehörden sollen die Geschäftsaufgabe befördert haben, so die Betreiber.

Christoph Neuenschwander
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Der «Chäs-Chäuer» hat noch bis Ende November teilweise geöffnet.

Der «Chäs-Chäuer» hat noch bis Ende November teilweise geöffnet.

Hansjörg Sahli

Nach sieben Jahren machen Irène und René Wyss den «Chäs-Chäuer» dicht und kehren Deitingen den Rücken zu. Er habe genug von den Spielen und Feindseligkeiten, die das Dorfleben prägen, sagt Wyss. «Es gibt Leute, die aus Prinzip keinen Fuss in meinen Laden setzen, bloss weil er der Milchgenossenschaft gehört», nennt er ein Beispiel.

Unüberwindbare Frustfaktoren waren für Wyss am Ende aber vor allem die Behörden und das neue Dorfzentrum. Dass Letzteres kommen würde, hatte Wyss gewusst, als er nach Deitingen zog, um die geschlossene Chäsi wieder zu eröffnen. «Es war von Anfang an klar, dass es im Zentrum Läden geben würde, aber wir gingen das Risiko ein. Auch deshalb, weil uns der damalige Gemeindepräsident versicherte, dass die Geschäfte ausserhalb des Zentrums – etwa der Blumenladen, der Metzger oder die Chäsi – gut beschildert würden, damit wir ebenfalls zum Dorfkern gehören.»

Doch die Schilder liessen lange auf sich warten. Bruno Eberhard, aktueller Gemeindepräsident von Deitingen, erklärt: «Das war eine Vereinbarung zwischen der Familie Wyss und meinem Vorgänger. Auf der Gemeinde wusste niemand davon. Und Wyss machte lange Zeit einfach die Faust im Sack, anstatt etwas zu sagen.» Vor einem halben Jahr beschwerte er sich dann – und in der Tat ging es im Anschluss relativ schnell, bis das Versprechen umgesetzt wurde.

Milchgenossenschaft Deitingen hätte am liebsten weiterhin ein Chäsiladen

Was genau ab Dezember mit dem «Chäs-Chäuer» passiert, ist noch ungewiss. «Der Laden liegt mir persönlich sehr am Herzen», sagt Daniel Flury, Präsident der Milchgenossenschaft Deitingen. Schliesslich haben die Bauern den Laden bis vor rund 20 Jahren noch selber geführt – und möchten ihn gerne erhalten. «Betriebswirtschaftlich ist das zwar ein Risiko, aber wir konzentrieren uns momentan darauf, jemanden zu finden, der die Chäsi übernimmt.» Je länger man keine Lösung finde, desto mehr Einbussen gebe es natürlich für die Milchgenossenschaft als Liegenschaftsbesitzerin. Eine Interessentin gebe es zwar, aber sie wolle den Laden nicht alleine führen, so Flury. Also sucht man nun aktiv nach einer Partnerin. Die Frist habe man sich auf Ende November gesetzt. Erst wenn sich bis dann nichts ergebe, werde die Genossenschaft die Suche nach einer Nachfolgelösung auf andere Branchen ausweiten. «René Wyss macht uns zuliebe bis Ende November weiter», sagt Flury. Umgekehrt sei aber die Milchgenossenschaft auch ihm entgegengekommen. «Wir haben in den letzten Jahren den Mietzins reduziert, seit die Konkurrenz durch das Dorfzentrum so stark wurde.» Insbesondere Denner setze mit seinen Billigprodukten dem Dorfladen zu. Die Hoffnung, dass die Chäsi in Deitingen überstehen kann, gibt Flury aber noch nicht auf. «Ich würde mich sehr freuen, wenn es weiterginge.» (cnd)

Keine Gemeindesubvention

Das ist aber nicht alles: Unverständlich ist für René Wyss auch, wieso die Gemeinde die beiden grossen Fische im Dorfzentrum – Denner und Felber – bei der Einrichtung finanziell unterstützt hat. «Als wir hierher kamen, mussten wir für die Ladeneinrichtung Investitionen von rund 200 000 Franken stemmen. Aus dem eigenen Sack. Aber die grossen Läden werden mit Steuergeldern subventioniert.»

Ohnehin sei bei der Planung und Umsetzung des Dorfzentrums einiges krumm gelaufen, findet Wyss. Wohl auch aus Trotz stellte er der Gemeinde nachträglich einen Antrag: «Im Frühling fragte ich an, ob man uns einen Teil unserer Investitionen von damals zurückerstatten würde», sagt er. «Doch davon wollte niemand etwas wissen.»

Jeder habe die Möglichkeit gehabt, im Dorfzentrum Gewerbefläche zu mieten, entgegnet Bruno Eberhard. Davon habe Wyss keinen Gebrauch machen wollen. «Letztlich kann nicht jeder kommen und Geld von der Gemeinde verlangen. Das ist nicht machbar.»

Noch bis Ende November

So oder so fühlt sich Wyss «verarscht», wie er sagt. Seit das Dorfzentrum offen ist, sei der Umsatz des «Chäs-Chäuers» auf 50 Prozent eingebrochen. Und Wyss fühlt sich von den Behörden im Stich gelassen. «Dass es ausserhalb des Dorfzentrums auch noch Läden gibt, ist der Gemeinde scheissegal. Das verdaut man nicht so leicht. Ohne uns wäre Deitingen immerhin fünf Jahre lang ohne Dorfladen gewesen.»

Deshalb beschlossen Irène und René Wyss, den Laden per Ende Oktober aufzugeben und wegzuziehen, um im Kanton Bern einen Spezialitätenladen zu eröffnen. Die Milchgenossenschaft und die Gemeinde sind derweil daran einen Nachfolger zu suchen. Weil aber in dieser Hinsicht noch nichts definitiv sei, haben Irène und René Wyss die Ladenaufgabe bis Ende November aufgeschoben. Danach sei für sie endgültig Schluss in Deitingen.